Den Ausweg nicht gefunden

Lokales
Grafenwöhr
05.12.2015
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Komme ich zu spät? Kenne ich denjenigen? Ist es ein Kind? Fragen, die Jürgen Gebhardt durch den Kopf schießen, wenn sein Piepser losgeht.

Seit 20 Jahren setzt Jürgen Gebhardt sich den Adrenalinschüben eines Helfers vor Ort aus. "Aber daran gewöhnen werde ich mich nie." Sein Weg hat vor 23 Jahren beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) als Rettungsdiensthelfer angefangen. Damals vor allem, um aus einer schweren Zeit zu finden. "Mein Freund ist bei einem Unfall tödlich verunglückt." Ein Ereignis, das man nicht so einfach vergisst. Und mit dem sich der heute 41-Jährige auch nicht einfach abfinden konnte. Um die Erinnerung zu wahren, wollte er in dessen Fußstapfen treten. "Er hat sich immer für andere eingesetzt, das wollte ich auch." Also sei er beim BRK gelandet und habe da "irgendwie" nicht mehr rausgefunden. Eine Verirrung, die er aber auf keinen Fall bereut.

Suizid und Geburt

Ein Blick auf die Einsatzzahlen zeigt, dass es eine gute Entscheidung war. Seit die Leitstelle in Grafenwöhr 1995 gegründet wurde, gibt es immer mehr zu tun. Mussten die Helfer vor Ort anfangs etwa 180 Mal ausrücken, lag die Zahl 2014 bei über 740. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass der Alarm inzwischen schon wegen kleiner Schnitt- oder Schürfwunden losgehe. "Genauso kann uns aber auch ein Suizid-Fall oder eine Geburt erwarten."

Gebhardt liebt sein Ehrenamt, hätte aber nichts gegen Neuzugänge. "Momentan stemmen wir zu acht die Arbeit." Viele besäßen die Qualifikationen, wollen aber nicht. Peter Lischker, Rettungsdienstleiter vom BRK Weiden-Neustadt, würde neue Mitglieder ebenfalls mit offenen Armen empfangen. "Die Zahl der aktiven Mitglieder ist zwar stabil, aber die Arbeit wird immer mehr." Mit rund 30 Ehrenamtlichen liege die Leitstelle Grafenwöhr nicht gerade an Bayerns Spitze. Die besonders ausgebildeten Ehrenamtlichen sind vor allem in ländlichen Gegenden wichtig, in denen die Erstversorgung schlechter ist. "Da wartet man schon ziemlich lange auf den Rettungsdienst", bemängelt Gebhardt. Bis der da ist, verschaffen sich die Helfer einen Überblick über die Situation, koordinieren die Lage und leisten Erste Hilfe.

Stressfaktor Kind

Weiterbildungen, Sanitäts-Kurse und jährliche Rezertifizierungen für Geräte sind für die Ehrenamtlichen Pflicht. Egal ob Brände, Verkehrsunfälle oder Herzstillstände - sie müssen einen kühlen Kopf bewahren und dürfen sich keine Fehler erlauben. "Aber wenn Kinder involviert sind, ist der Stressfaktor enorm." Gebhardt hat in den vergangenen Jahren genügend Einsätze miterlebt, um aus Erfahrung zu sprechen. Manche bleiben mehr in Erinnerung, andere weniger. "Es gibt Verkehrsunfälle, da weiß ich noch genau, welche Farbe die Autos hatten, in welche Einzelteile es sie zerlegt hat oder wo die Teile auf der Straße lagen." Und es gibt welche, die sein Leben mehr geprägt haben als andere.

Er war noch im Rettungsdienst tätig, als er aus der Kanalisation einen toten Säugling, eingewickelt in einer Plastiktüte, bergen musste. "Da wollte ich aufhören." Für drei Wochen hat er sein Ehrenamt niedergelegt. Und gemerkt, dass die Situation dadurch nicht besser wird. "Es geht für mich halt nicht ohne diese Aufgabe, also habe ich wieder angefangen", lacht er. Dieses Erlebnis ist aber auch einer der Gründe, warum er sein Ehrenamt nie hauptberuflich in Erwägung gezogen hat. Er gibt außerdem zu bedenken, dass man 24 Stunden am Tag Helfer vor Ort ist. Die Familie muss da schon mal hinten anstehen: "Ich konnte zum Beispiel meiner Tochter beim St.-Martins-Zug nicht zusehen, weil ich zu einem Einsatz musste."

Ein freier Tag ist für den Ersthelfer kostbar. "Dafür muss ich schon extra wegfahren und darf nicht erreichbar sein." Aber als Mensch, der keine halben Sachen mag, hat er für sein Ehrenamt auch schon seinen Urlaub gestrichen. Helfer müssen eben ein gewisses Engagement mitbringen, die Arbeit lieben und selber ein bisschen verrückt sein. Seine beiden Töchter, vier und sechs Jahre, haben mit dem Lebensstil ihres Papas kein Problem. Sie sind damit groß geworden und kennen es nicht anders. Statt Prinzessin spielen sie Einsätze nach oder malen Bilder von Mama und Papa im Rettungsauto. Denn wie es der Zufall so will, arbeitet seine Frau in der gleichen Leitstelle wie er.

Ruhepol Wald

Als Nachteil sieht er das nicht, im Gegenteil. "Man nimmt immer Bilder und Erinnerungen mit nach Hause, über die man sprechen will und muss." Inzwischen gebe es beim BRK in Grafenwöhr eine psychologische Nachbetreuung. Seine Frau verstehe ihn aber doch besser. Ansonsten geht er zur Ablenkungen in den Wald, um Holz zu machen. Sein Piepser hat nämlich auch dort Empfang. (Hintergrund)
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