Die Krieger und der Christbaum

Lokales
Grafenwöhr
24.12.2014
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Glaube und Religion haben ihren Platz bei der US-Armee. Ein Besuch bei den Christen am Übungsplatz bietet Ungewöhnliches, Vertrautes - und Vorbildliches in Sachen Ökumene.

(wüw) Kampfanzug, austrainierter Körper, raspelkurze Haare: Optisch dominiert bei Mark E. Roeder, dem höchsten Militärgeistlichen der US-Armee in der Oberpfalz das Militär. Ungewöhnlich wie ein Pfarrer in Kampfstiefeln erscheint auch die Rolle der Religion auf dem Übungsplatz. Ein zweiter Blick zeigt aber viel Vertrautes - so wie Roeders verbindliche Art, seine ruhige Stimme und der trockene Humor perfekt zu einem im Glauben ruhenden Seelsorger passen.

Chaplain Colonel Roeder und 20 weitere Seelsorger kümmern sich ums Seelenheil der US-Soldaten in Grafenwöhr und Vilseck. "Jede Einheit hat ihren Chaplain", erklärt Roeder. Die Konfession spiele dabei keine Rolle. Es gehe darum, den Soldaten immer einen Ansprechpartner zu bieten, auch im Einsatz. Er selbst war zuletzt mit seiner Einheit im Irak, erklärt der 57-Jährige. Am heimischen Standort bietet die Armee ihren Soldaten dagegen die Chance, ihre Religion und Konfession zu leben. "Das gilt nicht nur für Christen", sagt Roeder. In der US-Armee gebe es auch jüdische Rabbiner oder muslimische Imame, derzeit allerdings nicht in der Oberpfalz.

"Wir haben allerdings keine Kirchen für einzelne Bekenntnisse", erklärt Roeder. In Grafenwöhr teilen sich vier christliche Gemeinschaften ein Gebetshaus. Den Bau aus den 1950er Jahren im Schatten des Wasserturms nutzen regelmäßig rund 200 Katholiken für ihre Messen. Roeder predigt vor rund 120 Lutheranern. Hinzu kommen Gospel-Gottesdienste, ebenfalls mit 120 Gläubigen. "Außerdem treffen sich rund 40 konservative evangelische Christen", sagt Roeder.

Unterricht in der Kirche

Das Gebetshaus bietet nur 170 Plätze und ist damit inzwischen viel zu klein. Dass amerikanische Christen viel mehr Zeit in der Gemeinschaft ihrer Kirche verbringen als deutsche, mache den Platzmangel nicht besser. "Religionsunterricht gibt es bei uns nicht in der Schule, sondern in der Kirche", sagt Roeder. Die Erwachsenen lesen gemeinsam die Bibel, diskutieren oder kochen zusammen. Mit den beengten Verhältnissen soll es im Frühjahr 2016 vorbei sein. Dann soll die Netzaberg-Chapel fertig sein. Der Kirchenneubau im Eschenbacher Ortsteil soll alle Platzprobleme lösen (Bericht folgt).

Roeder ist sich sicher, dass die gut 15 verbleibenden Monate trotz der Enge ohne Konflikte vergehen. Ohne den Ausdruck zu verwenden, beschreibt Roeder perfekt gelebte Ökumene. Die Gruppen nehmen Rücksicht aufeinander. Die Kreuzwegstationen lassen sich durch kleine Türen abdecken. Das Kruzifix an der Stirnseite versteckt sich in einem Wandschrank. Die Katholiken können ihre Glaubenssymbole bei Bedarf sichtbar machen, ohne dass andere Glaubensgruppen sie sehen müssen. Für ihre Sakramente steht den Katholiken eine geweihte Kapelle zur Verfügung.

In Sachen Rücksicht nutzen alle Gruppen eine weitere Besonderheit: Den Cry-Room, eine Art Kiosk hinten in der Kirche. Der Raum ist schalldicht, aber mit Lautsprechern ausgestaltet. Eltern mit schreienden Kindern können dorthin gehen, um den Gottesdienst mitzuerleben, ohne die anderen Gläubigen zu stören. "Wir leben ohne Konflikte", sagt Roeder, bevor ihn dann doch ein Punkt einfällt, bei dem es zuletzt Meinungsverschiedenheiten gab: "Einige Protestanten wollen, dass wir schon jetzt das Jesus-Kind in die Krippe legen, die Katholiken sind dagegen." Auch dank seiner Unterstützung ist die Krippe immer noch leer. Weihnacht sei an Heiligabend, sagt Roeder, erst dann könne die Krippenszene vervollständigt werden.

Streit um den richtigen Zeitpunkt für Weihnachtssymbolik, das kennen auch Oberpfälzer Christen. Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Da wäre die Begeisterung für Adventsmärkte, von der Roeder beichtet. In den USA gebe es die nicht, um so lieber besuchen amerikanische Christen die Märkte in der Region. Roeder erzählt von seiner Tochter, die in den USA studiert und über die Feiertage zu Besuch kommt. "Als erstes nach der Ankunft besuchten wir einen Weihnachtsmarkt." Dafür ließ er sich sogar beim Gottesdienst vertreten.

Dass die Familie zu den Weihnachtstagen zusammenkommt, ist eine weitere Gemeinsamkeit. Nach dem Gottesdienst an Heiligabend geht es nach Hause, zum Essen und danach folgt die Bescherung. "Das ist nicht anders als bei den Deutschen." Eine andere Gemeinsamkeit begeistert Roeder deutlich weniger. Auch seine Kirche ist vor allem an Weihnachten und Ostern voll. "Dann müssen wir zusätzliche Stühle aufstellen." Unter dem Jahr kennt Roeder das Bild halbvoller Kirchenbänke ebenso gut wie seine deutschen Amtskollegen. Umso mehr genießt er die Stimmung des vollen und festlich beleuchteten Gebetsraums am Weihnachtsabend. "Zum Schluss des Gottesdiensts singen wir ,Stille Nacht' in deutscher Sprache." Noch so eine Gemeinsamkeit.
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