Glück oder Pech im Doppelpack?

Lokales
Grafenwöhr
27.09.2014
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Die Zahl der Geburten nimmt in Deutschland seit den 1960er Jahren ab. Man könnte denken, es kommen auch weniger Zwillinge zur Welt. Doch es werden mehr. Zwischen 1980 und 2012 ist die Zahl fast um ein Drittel gestiegen. Von 7967 auf 11 648 Zwillingsgeburten. Wie fühlt sich ein Leben als Zwilling an?

Im Garten sitzt Eva Zinnbauer mit ihrer Zwillingsschwester Waltraud Mößbauer. Sie lachen zusammen - und können nicht ohne einander. Auch nicht nach 56 Jahren.

Die Lachfältchen werden tiefer, als sie erzählen, dass sie sich noch zwei- bis dreimal in der Woche sehen. "Im Winter telefonieren wir oft", sagt Mößbauer. "Naja, oft nicht, Waltraud. Fünf- oder sechsmal am Tag. Letzte Woche hat der Metzger den falschen Preis eingetippt. Ich rief gleich Waltraud an." Zinnbauer kichert. "Ich würde nie auf die Idee kommen, meine ältere Schwester deswegen anzurufen. Nur Waltraud."

Die Frauen sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. "Allein waren wir nie. Wir hatten uns", betonen beide. Sie teilten alles: die Puppe, das Eis, das Bett. "In unserem Zimmer gab es zwei Betten. Wir brauchten nur eines", erinnert sich Mößbauer. "Noch in der Grundschule schliefen wir zusammen - gaben uns Geborgenheit. Früher betüddelten die Eltern ihre Kinder nicht so", erzählt Zinnbauer: "Wir waren fünf Kinder und hatten wenig Geld. Vielleicht haben wir uns so die Nähe gegeben, die wir im Alltag nicht haben konnten". Genau wissen sie es beide nicht.

Haarbüschel in Hand

Aber die Zwillinge stritten auch mal. "Da hielten wir ganze Haarbüschel in der Hand", erzählt Mößbauer. "Wir konnten uns nie lang böse sein", wirft Zinnbauer ein. "Wir haben vielleicht mal ums größere ,Bomberl' gestritten. Ah doch, Waltraud, weißt du noch? Unser Schulanfang." Zinnbauer grinst. "Meine Schultüte war kleiner. Ich fetzte mit ihr, bis ich die Größere bekam."

Zinnbauer runzelt die Stirn, kneift die Augenbrauen zusammen und betont: "Ich wollte diese Tüte." Bei jeder Silbe saust ihre Faust auf ihr Knie. Daheim öffneten die Schwestern die Schultüten. Auf den Boden plumpste das Gleiche. "Ich war so enttäuscht. Das kann ich nicht vergessen." Zinnbauer schaut bedröppelt auf den Boden.

Plötzlich wird sie still, sieht ihre Schwester an und sagt: "Waltraud, das hab ich dir nie gesagt, aber jetzt ist ein guter Zeitpunkt. Da ging das mit dem Campingplatz los. Ich wollte was unternehmen und du hattest keine Zeit. Hast gesagt, du musst mit deinem Mann zum Campen, sonst ist er sauer." Zinnbauers Stimme wird lauter. Sie gestikuliert wild mit den Händen - schüttelt mit dem Kopf. "Ich hab es nicht verstanden. War verletzt. Fühlte mich einsam", schimpft sie. "Ich war traurig, weil ich merkte, dass es für dich noch andere Menschen gibt."

Mößbauer sitzt ruhig auf ihrem Stuhl und hört zu. Sie ist nicht böse auf ihre Schwester. Sie versteht sie. "Mein Mann war oft eifersüchtig, weil ich viel mit Eva unternommen habe. Das Camping war ein Weg, Zeit mit Karl-Heinz zu verbringen", sagt Mößbauer. "Was meinem Mann gut tat, tat Eva nicht gut. Es ist sehr schwierig, die Balance zu halten."

Gleiche Wohngarnitur

Die Schwestern wohnen schon lange nicht mehr zusammen. Trotzdem gibt es noch Momente in ihrem Leben, die sie stutzig werden lassen. Weil sie zeigen, wie ähnlich sie sich sind. Auch bei Krankheiten. "Da war dieses Darmvirus ...", fängt Zinnbauer an zu erzählen. "Wir wollten nach Weiden fahren. Ich kam nicht vom Klo runter und musste Waltraud anrufen. Sie jammerte, weil sie extra Urlaub genommen hatte. Ich sagte zu ihr: Waltraud, ich kann nicht." Zinnbauer verzieht die Mundwinkel, als hätte sie Bauchschmerzen. "Eine Stunde später rief Waltraud an und stöhnte: Gottseidank sind wir nicht gefahren! Jetzt hab ich's auch. Mittlerweile sind wir nicht mehr oft zur selben Zeit krank."

Vor ein paar Jahren waren ihre Geschmäcker noch gleich. "Wir hatten dieselbe Strickjacke oder Wohngarnitur. Obwohl wir getrennt einkaufen waren. Bei der Garnitur waren wir baff", erzählt Zinnbauer. Nur die Farbe war verschieden: Eine war lind-, die andere dunkelgrün. "Bei der Kleidung ist es anders. Das, was sie sich heute kauft, würde ich nicht anziehen", betont Eva Zinnbauer. "Im Alter wird bei Zwillingen vieles anders." Auch das Wohnen: "Wir machen eine Alters-WG auf, wenn unsere Männer nicht mehr sind", sagt Waltraud. "Nicht, dass die eine daheim liegt, zu stinken anfängt und die andere merkt nichts. Gell Eva." Allein sein wollen beide nicht. "Wenn Waltraud jetzt sterben würde, wäre das schlimm für mich. Das könnte ich nicht verkraften."
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