Integration durch Musik

Lilia Gette kam 1961 in Kasachstan zur Welt. 1993 wanderte sie nach Deutschland aus. Bild: rgr
Lokales
Grafenwöhr
25.02.2015
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Die Situation in Kasachstan vor 20 Jahren war für Lilia Gette schwierig, wie für die meisten Deutschstämmigen. Einzige Aussicht auf Besserung: Übersiedeln nach Deutschland. Den Schritt hat die Vorsitzende des Grafenwöhrer Musikvereins Klingende Töne nie bereut.

In Taldy-Korgan bei Almati in der Republik Kasachstan - in der früheren Sowjetunion - kam Lilia Gette 1961 zur Welt. In ihrer Kindheit lernte sie, Deutsch zu verstehen, weil die Oma nur Deutsch sprach. Dennoch tat sich die Musiklehrerin in der neuen Heimat Grafenwöhr zunächst schwer, sich zu verständigen.

Mit ihren Töchtern Anna und Helene und gerade einmal zwei Koffern kam Gette 1993 erst mit dem Flugzeug nach Deutschland und dann mit dem Zug nach Weiden. "Brigitte Adam, die Heimleiterin des Seniorenpflegeheims St. Sebastian, hat uns vom Bahnhof abgeholt. Wir durften ein halbes Jahr im damaligen Motel beim Seniorenheim bleiben", erinnert sie sich. Anschließend bekamen sie eine Wohnung im Aussiedlerheim in Grafenwöhr.

Keine gebratenen Enten

"Mir war von vornherein klar, dass uns in Deutschland keine gebratenen Enten in den Mund fallen und, dass es nicht einfach werden würde", gesteht die Russlanddeutsche. Sie habe stundenlang in der Reinigung, einer Metzgerei sowie für Privatpersonen geputzt, um sich den Lebensunterhalt in Deutschland verdienen zu können. Im März 1994 stand plötzlich Dietmar Hentzschel, der damalige Vorsitzende des Grafenwöhrer Musikvereins "Klingende Töne" vor der Tür. "Er hatte erfahren, dass ich Musikunterricht gebe und gefragt, ob ich das beim Verein machen will", erzählte Gette stolz. "Danach meinte er: 'Tschüss aweil'. Total verwirrt habe sie sich gefragt, ob das Russisch gewesen sei, denn es klang wie das russische Wort "dawei", was soviel wie "lasst uns anfangen" bedeutet. "Ich konnte ja keinen bayerischen Dialekt", erklärte die Musikbegeisterte heute lächelnd.

Mitglieder verdoppelt

Bei den Klingenden Tönen hat Lilia Gette mit drei Schülerinnen begonnen. Ihnen gab sie Klavier- und Akkordeonunterricht. Gestartet wurde damals auch mit der Musikalischen Früherziehung. Vor 16 Jahren hatte sich Gette bereiterklärt, den Musikverein als Vorsitzende zu führen, damit der nicht aufgelöst werden muss.

"Ich bin froh und dankbar, dass ich diesen Schritt gewagt habe und, dass es die Klingenden Töne auch heute noch in ihrer Eigenständigkeit gibt." Ihr Mann Andrej, der bereits verstorben ist, hat sie immer unterstützt. Unter Gettes Führung haben sich die Mitglieder von 60 auf rund 120 verdoppelt. "Ich habe in Deutschland eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht", sagt sie mit Blick auf den Musikverein. Auch die beiden Töchter, damals sechs und acht Jahre alt, waren im Schulunterricht mit Regina Wache voll integriert.

Die Töchter leben jetzt in München und Hamburg. Anna wurde Sängerin und Helene studiert Malerei. "Ich bin sehr stolz auf meine Kinder und auf die Kinder und Jugendlichen, denen ich Musikunterricht erteile. Das sehe ich als guten Start in die Zukunft", sagt sie.
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