Militär für Stadt Segen und Fluch

Truppenübungsplatz, Stadt und damit die Grafenwöhrer befanden sich in Agonie.
Lokales
Grafenwöhr
22.10.2015
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Es war ein gutes Wochenende für Grafenwöhr. Weshalb? Nach einer zweijährigen Neufindungsphase wurde das erweitere Kultur- und Militärmuseum wiedereröffnet - mit Pauken und Trompeten sowie einem vielbeachteten Festvortrag von Museumsgestalter Dr. phil. Christian Schölzel.

Weit strahlt es hinaus in die Region und in die Oberpfalz. In der Soldatenstadt steht das bayernweit einzige Museum, in dem auf das Zusammenleben der Einheimischen mit dem US-Militär näher eingegangen wird (wir berichteten).

Spannend ist auch die Geschichte über den Truppenübungsplatz und die Alltags- und Kulturgeschichte der Stadt. Neugierig? Viele Antworten gab es für die Gäste der Einweihungsfeier schon vor der offiziellen Einladung zum faszinierenden Rundgang durch die Dauerausstellung - rhetorisch durch Festredner Dr. Christian Schölzel, Chef des renommierten Geschichtsbüros "Culture and more".

Dem Macher der Grafenwöhrer Museums-Neugestaltung gelang es, die Alltagsgeschichten der Stadt trotz räumlicher Trennung und Eigenständigkeit mit der militärgeschichtlichen Entwicklung Grafenwöhrs zu verbinden. Schölzel sprach von einem engen Dialog mit einem zentralen gesamtgeschichtlichen Begleitton, atmend und intensiv.

Einwohnerzahl verdoppelt

Komprimiert erläuternd wandelte der Wissenschaftler mit seinen Zuhörern durch die Räume, blickte auf Jahrhunderte der Stadtentwicklung und zeichnete dabei mit Blick auf Kriegswirren, Plünderungen, Besetzungen und Kriegssteuern in vergangenen Jahrhunderten das Gesicht einer Soldatenstadt. Dann beleuchtete der Festredner die Errichtung eines Truppenübungsplatzes des Bayerischen Heeres ab dem Jahr 1908. Schölzel analysierte die enge Allianz der Grafenwöhrer mit dem Militär und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Wachstum mit der Verdoppelung der Einwohnerzahl.

Auch die Nachteile dieser engen Gemeinschaft ließ der Redner nicht unerwähnt. "Die enge Verflechtung wurde nach einem verlorenen Ersten Weltkrieg zum Bumerang", erzählte der Wissenschaftler mit Verweis auf die Begrenzung des Militärwesens. "Truppenübungsplatz, Stadt und damit die Grafenwöhrer befanden sich in Agonie."

Seinen visuellen Museumsbesuch setzte der promovierte Historiker mit Bewertungen zur Wiederaufrüstung in der NS-Zeit, dem damit verbundenen ökonomischen Aufschwung und den Bombennächten auch in Grafenwöhr zum Ende des Zweiten Weltkrieges fort. Mit dem totalen Zusammenbruch 1945 beginnt auch die nächste Station der Museumswanderung. Der Festredner entdeckte politische und soziale Bindemittel zwischen Deutschen und Gis. Coca Cola, Micky Maus und Elvis Presley nannte er als Symbole der Verwestlichung der alten Bundesrepublik. Da kam die nächste Station im militärgeschichtlichen Teil des Hauses gerade recht. Der Historiker verweilte beim Originalmobiliar der Micky-Bar und erinnerte an ein Privatkonzert einer der Musikgrößen seiner Zeit, dem King of Rock 'n' Roll.

Manöver ausspioniert

Selbst Utensilien der intensiven Geheimdiensttätigkeit im Kalten Krieg dürfen in der neuen Dauerausstellung nicht fehlen. Der Macher des Museumskonzepts verwies auf die Präsentation von Telefonmitschnitten zur Spionage sowie von Agentenfotos und blickte auf Gerätschaften zur Funküberwachung der Manövertätigkeit durch "Mielkes Genossen". Schölzel sprach von vielen Schätzen mit einer dichten Bild- und Dokumentenüberlieferung aus dem reichen Depot des Stadtarchivs.

Auf diesen Bestand aufbauend unterstrich er die Einrichtung einer interaktiven Medialisierung an einem Ort, dem nun viele deutsch- und englischsprachige Besucher zu wünschen seien. Der Festredner lud schließlich zum Feiern ein und zu besonderem Dank. Den richtete er vor allem an den Heimatverein und seinem Vorsitzenden Willi Buchfelder. "Die innere Überzeugung vieler Mitglieder und von Willi Buchfelder am Projekt kannte keine Grenzen."
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