Musik, die Seele und Herz berührt

Für kollektive Ergriffenheit bei den Zuhörern sorgte die 50-köpfige Chorgemeinschaft Pressath unter der Leitung von Richard Waldmann, die in der Friedenskirche Grafenwöhr traditionell die "Musik zum Karfreitag" gestaltete.
Lokales
Grafenwöhr
07.04.2015
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Sie bürgt seit vielen Jahren für außerordentliche musikalische Qualität zum Abschluss der Fastenzeit: Und auch am Karfreitag 2015 hat sich die Pressather Chorgemeinschaft St. Georg in der Friedenskirche Grafenwöhr von ihrer besten Seite gezeigt - mit einem Programm, das von modernen, zeitgenössischen Werken geprägt war.

Stille, einfach nur Stille. 20, 30 Sekunden lang. Keine einzige Hand bewegt sich zum Beifall. Es sind diese Momente, in denen die sprichwörtliche Stecknadel ihren großen Auftritt hätte. Seit zehn Jahren besucht der Rezensent nun die Karfreitags-Konzerte der Pressather Chorgemeinschaft St. Georg in Grafenwöhr, doch ein vergleichbares Schlussbild durchdringender Stille hat es bisher noch nicht gegeben.

Woran liegt es, dass es diesmal anders ist? Dass die kollektive Ergriffenheit der Zuhörer nicht nachlassen will. Dass keiner die Andacht durch Applaus stören will. Die Antwort: Es sind die Bilder, die die Musik vor dem geistigen Auge erzeugt. Markante Bilder, die zum Nachdenken anregen und betroffen machen.

Rudolf Mauersbergers Trauermotette "Wie liegt die Stadt so wüst" entstand am Karsamstag 1945 in Dresden, geprägt von den Luftangriffen auf die Metropole kurz zuvor. Eine Innenstadt in Schutt und Asche, Berge mit Tausenden von Toten - es sind diese Bilder, die Mauersberger in seinem Werk transportieren will und die von der Chorgemeinschaft auf musikalisch eindrucksvolle Weise umgesetzt werden: "Warum willst Du unser so gar vergessen und uns lebenslang so gar verlassen?"

Perfektes Zusammenspiel

Für weitere durch Musik geschaffene Bilder sorgen die beiden Instrumentalisten des Abends - Oliver Hien an der Violine sowie Benjamin Schallwig am Klavier. Sie intonieren einen Ausschnitt aus der Oscar-prämierten Filmmusik von John Williams zu Steven Spielbergs "Schindlers Liste": Wer das Stück einmal gehört hat, vergisst es nie mehr.

Wie kaum eine andere Filmmusik nimmt sie die Zuhörer mit: Zurück in die Geschichte, in die Zeit der deutschen Besatzung Polens - als Amon Göth, der "Schlächter von Plaszow", Herr über Leben und Tod von Tausenden Juden war, und als Oskar Schindler seine Läuterung vom profit-denkenden zum mitfühlenden Industriellen durchlebte. Das perfekte Zusammenspiel von Hien und Schallwig hinterlässt tiefe Spuren,

Mit dem Schlusslied des Konzerts richtet der Chor den Fokus auch auf die Geschichte in der Region. "Von guten Mächten treu und still umgeben" heißt es in dem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, der vor fast genau 70 Jahren auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde.

Entstanden zum Jahresende 1944, als sich Bonhoeffer bereits in Gefangenschaft und auswegloser Lage befand, entfaltet dieser Text heute noch eine enorme Intensität und tröstet in Situationen, in denen es eigentlich keinen Trost gibt. In der Fassung von Roland Büchner berühren die Sänger mit dem Lied Seele und Herz der Zuhörer und sorgen für Gänsehaut-Momente in dem Gotteshaus.

Ethnische Klänge

Musikalisches Neuland betreten das Ensemble und sein Leiter Richard Waldmann mit drei Stücken aus dem "Stabat Mater" des zeitgenössischen Komponisten Karl Jenkins - ethnische Klänge verschiedenster Kulturkreise inklusive. Auch die Texte erscheinen mehrsprachig: Darunter ist Aramäisch, die Sprache Jesu.

Der Chor, allen voran Solo-Sopranistin Uschi Steppert, spannt einen Bogen zwischen der Antike und der Moderne, zwischen Morgen- und Abendland. Dem Ensemble gelingt es, mit der Komposition ohne Umwege direkt das Herz zu berühren und das Bild vom Leid einer gequälten trauernden Mutter vor dem geistigen Auge erscheinen zu lassen.

Die Schlussstille wird gebrochen mit dem Kanon "Da pacem, Domine" ("Gib Frieden, Herr"), in den die Zuhörer einstimmen. Er macht nochmals klar, dass Frieden 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch lange nichts Selbstverständliches ist.
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