Neue Wetterfee gesucht

Elisabeth Wittmann aus Grub bei Grafenwöhr beobachtet seit 50 Jahren das Wetter und gibt die Daten an den Deutschen Wetterdienst in München weiter. Jetzt sucht sie einen Nachfolger. Bilder: spi (2)
Lokales
Grafenwöhr
17.02.2015
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Beim Hellmann-Niederschlagmessgerät fallen die Regentropfen oder Hagelkörner in den Auffangtrichter. Die gemessene Menge notiert sich die 78-Jährige Elisabeth Wittmann täglich.

Es ist Sonntag, 7 Uhr morgens: Elisabeth Wittmann schaut aus dem Fenster. Im Garten liegt Schnee - mehr als gestern. Die 78-Jährige steckt einen Messstab in die Schneedecke und liest an der Meterskala ab, wie viele Zentimeter neu gefallen sind. Die Daten schickt sie an den Deutschen Wetterdienst - seit 50 Jahren.

365 Tage im Jahr steht Elisabeth Wittmann aus Grub bei Grafenwöhr täglich in der Früh auf, um im Sommer wie Winter die Niederschläge in Millimeter und die Temperatur vor ihrer Haustür zu messen und notieren. Am 1. Juni 1964 hat sie damit begonnen - jahrelang noch handschriftlich, seit 2011 gibt sie die Messwerte in ein Computerprogramm des Deutschen Wetterdienstes ein.

"Mein Mann hat sich schon immer für das Wetter interessiert und aufgeschrieben, ob es geregnet hat oder die Sonne schien, weil er Landwirt war", erinnert sich Wittmann. Für die Arbeit auf dem Feld, die Forstwirtschaft und das Kieswerk sei das wichtig gewesen. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen, als sie von ihrem bereits verstorbenen Mann Eduard erzählt.

"Jaja, das war eine sehr schöne Zeit, ein glückliches Leben", seufzt die 78-Jährige und rückt ihr Spängchen in den schulterlangen Haaren zurecht. "Das Wetter haben wir zusammen beobachtet." Er habe gemessen und sie notiert. Mit dem Finger streicht sie über ein Schwarz-Weiß-Foto von ihm und schmunzelt: "Oft hat er gesagt, er fühlt, wie das Wetter wird. Aber seine Prognosen haben sich meistens nicht bewahrheitet." Die Lachfalten um die Augen werden mehr.

464 Stationen in Bayern

Zum Wetterstationsnetz des Deutschen Wetterdienstes gehören derzeit laut Ulrich Beck von der Abteilung "Messnetze und Daten" 365 Niederschlags- und 99 Wetterstationen. Seit den ersten kontinuierlichen Aufzeichnungen im Jahr 1870 werden derzeit deutschlandweit rund 4000 Stationen betrieben. Eine davon ist die von Elisabeth Wittmann in Grub. Schon im Jahr 1937 sei dort zum ersten Mal der Niederschlag gemessen worden. "Vom 1. April 1938 bis zum 30. September 1956 meldete Helene Candidus täglich die Daten", weiß Beck. Vier weitere Frauen hätten die Tätigkeit über die Jahre hinweg übernommen, zuletzt Elisabeth Wittmann. "Eine Niederschlagsstation in Grafenwöhr-Grub passte damals wahrscheinlich gut in das Messnetz", vermutet Beck.

"Ein weiterer Grund war die Lage. Grafenwöhr-Grub liegt geologisch gesehen in einer leichten Senke, wo sich das Naabtal östlich anschließt. Nördlich liege das Fichtelgebirge, südöstlich der Bayerische Wald und ebenfalls in der Nähe der Oberpfälzer Wald. "Deshalb gibt es in der Gegend um Grafenwöhr, Weiherhammer, Mantel, Vilseck und Weiden deutlich weniger Niederschlag", erklärt Beck. Grafenwöhr-Grub und Umgebung sei eine der trockensten Gegenden in Bayern.

Wie kalt es an ihrem ersten Tag als Wetterbeobachterin war und ob es geregnet hat, weiß die 78-Jährige nicht mehr. "Aber in den letzten 50 Jahren ist es insgesamt wärmer geworden", meint sie. Und die extremen Wetterbedingungen hätten laut Beck zugenommen: "Von heute auf morgen schwankt das Wetter oft zwischen Minus- und Plusgraden." Besonders lebhaft sind Gewitter, die in den letzten 50 Jahren über Grub tobten, in Wittmanns Erinnerung. Lang sei sie bei Tag und Nacht am Fenster gesessen und habe beobachtet, wie die Tropfen gegen die Scheibe prasselten.

"Ein Sturm war etwas Besonderes", schwärmt sie. Für die 78-Jährige gab es nie schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Die Regentropfen, Hagel oder Tau misst Wittmann mit einem sogenannten Hellmann-Niederschlagsmessgerät. In den Auffangtrichter aus Edelstahl fällt der Niederschlag, ob flüssig oder fest, rein. "Ich habe mir auch die Zahl der Blitze und die Zeit, wie lang es gestürmt hat, notiert."

Einmal monatlich per Brief

"Jahrelang wurden die Daten einmal monatlich gesammelt und in einem Brief zu uns nach München geschickt", weiß Beck. "Jetzt schreiben sie die Messwerte in ein Programm, wie in ein digitales Tagebuch. Den konkreten Namen des Programmes können wir aus Sicherheitsgründen aber nicht verraten."

Temperatur und Niederschläge müssen bis spätestens 8.15 Uhr im Winter und 9.15 Uhr im Sommer in eine Tabelle eingegeben werden. "Dann rufen wir die Daten ab und überprüfen sie, bevor sie an die Endnutzer übermittelt werden", erklärt der Experte aus München. "Das sind verschiedene Abteilungen innerhalb des DWD wie der Wettervorhersagedienst, die Flugwetterwarten oder die Klima- und Umweltberatung, um Wettergutachten und Auskünfte zu erstellen." Beispielsweise seien die Daten nützlich, wenn die Polizei nach einem Unfall wissen will, ob es - wie vom Fahrer angegeben - zu der Zeit tatsächlich in der Region gewittert habe und die Rutschgefahr dadurch größer war. Die gesammelten Daten würden außerdem in die Wettervorhersage einfließen.

Weil Elisabeth Wittmann aus gesundheitlichen Gründen das Wetter nicht mehr weiter beobachten kann, sucht der Deutsche Wetterdienst nun einen Nachfolger aus der Umgebung von Grafenwöhr. "Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind für das Amt wichtig", sagt Beck. Auf dem Grundstück des neuen Beobachters sollte das Messgerät doppelt soweit von Häusern oder Sträuchern entfernt stehen können, wie es hoch ist. Für die Tätigkeit wird dem künftigen Beobachter laut Beck eine jährliche Vergütung von 635 Euro ausbezahlt.

Die Kontaktdaten und die Stellenausschreibung des Deutschen Wetterdienstes finden Sie hier.
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