Nicht allein sitzen lassen

Lokales
Grafenwöhr
26.04.2015
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Er hat es selbst mitgemacht: Dreieinhalb Jahre lang, 24 Stunden am Tag mit sieben Personen auf engstem Raum eingesperrt zu sein. Der ehemalige Strafgefangene Kurt Ette hat wenig gute Erinnerungen an die Zeit in der Justizvollzugsanstalt in Amberg. Seit fünf Monaten ist er frei und will anderen Inhaftierten helfen, ins Leben zurückzufinden.

Nur eine Stunde Hofgang, ansonsten eingesperrt in eine Zelle - verlassen und weggeworfen habe sich der 55-jährige Grafenwöhrer in der Zeit hinter Gittern gefühlt. Der gebürtige Stuttgarter war dreieinhalb Jahre in der Justizvollzugsanstalt Amberg inhaftiert. "Gesessen" sei er wegen Betrugs. "Ich habe eine eigene Speditionsfirma in einem Gründerzentrum in der Nähe von Passau geführt. Die Wirtschaftskrise hat mir damals das Genick gebrochen", ist sich der 55-Jährige sicher. Ette hatte Schulden in Höhe von 13 900 Euro. Ein Gläubiger zeigte ihn an. "Wer eine Firma gründet, steht eigentlich immer mit einem Bein im Gefängnis", meint er.

67 Mal besucht

Die erste negative Erfahrung musste er direkt nach der Festnahme beziehungsweise nach dem Selbststellen erfahren: Er musste seine persönlichen Gegenstände abgeben. "Die eigene Kleidung zu tragen, war nicht gestattet", berichtet er. Erst im letzten Jahr seiner Inhaftierung in Amberg hatte Ette eine Einzelzelle bekommen. "Vom Gesetz her hätte man nach einem halben Jahr bereits Anspruch darauf, aber das geht in der Regel nicht", weiß der ausgebildete Industrie- und Speditionskaufmann. In Amberg gebe es 684 Insassen, der Platz für eine eigene Einzelzelle habe gefehlt, begründet Ette. "Ich wurde wegen guter Führung vorzeitig entlassen", sagt der Grafenwöhrer. Oft stellte er sich die Frage, wie es nach der Entlassung weitergehen soll. Jette war froh, als er die Kontaktanzeige seiner jetzigen Lebensgefährtin las. Er meldete sich daraufhin. Sie habe von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ. "Zuerst haben wir uns Briefe geschrieben. Im Februar 2012 fand das erste persönliche Treffen in der JVA statt. Sie besuchte mich weitere 66 Male in Amberg", weiß Ette noch genau.

Wiener Schnitzel gegessen

Eine Strichliste hat er zwar nicht geführt, aber mit seinem guten Zahlengedächtnis konnte er sich die Zahl der Besuche merken. "Sie war mein einziger Lichtblick." Die vorherige Freundin habe ihn sitzen lassen. "Obwohl sie zuerst noch gesagt hat: Das stehen wir gemeinsam durch." An dem Tag, als er die JVA verließ, freute er sich darauf, hingehen zu können, wohin er wollte - am liebsten in die Natur. Er gönnte sich ein Wiener Schnitzel mit Pommes. Bei der Bundesagentur für Arbeit beantragte er Arbeitslosengeld. Doch plötzlich wieder in Freiheit zu leben, habe auch Probleme mit sich gezogen. Er benötigte seelsorgerische Hilfe und bei der Suche einer Wohnung. Durch seine jetzige Lebensgefährtin habe der 55-Jährige eine Grafenwöhrerin kennengelernt, die ihm eine Wohnung in der Eichendorffstraße vermittelt habe. Hilfe erhielt Ette auch von Elisabeth Gottsche vom Mehrgenerationenhaus Grafenwöhr.

Weil er am eigenen Leib erfahren hat, wie schwer ein Wiedereinstieg ins gesellschaftliche Leben sein kann, möchte er anderen Inhaftierten oder Entlassenen ehrenamtlich mit beistehen. "Da viele Inhaftierte keine sozialen Kontakte haben, wissen sie auch nicht, was nach der Haftzeit beantragt werden muss oder wo man Kleidung und Möbel bekommen kann." Um bei diesen Problemen helfen zu können, möchte Ette den Verein "Jail End" - Straffälligenhilfe" gründen. Zu den sieben Gründungsmitgliedern fehlen noch zwei. Rechtsanwalt Dr. Günther Schatz aus Amberg steht dabei beratend zur Verfügung.
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