Passierschein für den Organisten

Das alte Schulheft von 1955 ist Ludwig Grimm "heilig". Bilder: az (2)
Lokales
Grafenwöhr
18.04.2015
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60 Jahre am Panel: Ludwig Grimm gehört beinahe zu Grafenwöhrs Kirche wie der Altar. Dabei haben es die Katholiken der Stadt der schlechten Ernährungslage nach dem Krieg zu verdanken, dass Grimm ihre Gottesdienste gestaltet.

Der junge Ludwig Grimm wollte Schreiner werden. Aber der Schreinermeister von Pfarrholz in Niederbayern wollte ihn nicht, viel zu schwach sei er für die schwere Arbeit. "Ich war unterernährt, 1949, in der Nachkriegszeit", erinnert sich der 80-Jährige. Traurig sei er über die Absage gewesen, die er heute als Glück betrachtet. Die Eltern beschlossen: "Musik machen ist nicht anstrengend; der Bub geht an die Kirchenmusikschule Regensburg." Dort entdeckte er sein Talent, das sonst wohl verkümmert wäre.

Grimm war in eine Musikerfamilie hineingeboren. Beide Eltern hatten musikalischen Hintergrund. Die rund 30 Mann starke Kapelle Grimm war im ganzen Landkreis Straubing-Bogen ein Begriff, erzählt er stolz. Als Neunjähriger begann er bei den Klosterschwestern in Mitterfels das Klavierspielen. "Bei denen hat man was gelernt." Fünf Kilometer musste er einmal wöchentlich fahren.

Nachdem sich die Schreiner-Pläne zerschlagen hatten, konzentrierte sich Grimm ganz auf die Musik. Die Eltern förderten Ludwigs Talent mit dem Besuch der Kirchenmusikschule Regensburg. "Ich fuhr mit der Bahn die 60 Kilometer." Allerdings wusste er nicht, dass er für die Aufnahme vorspielen musste. "Ich hatte keine Noten dabei und musste wieder heimfahren." Mit der Haydn-Sonate klappte der zweite Anlauf.

Ohne Geld in der Tasche

Er werde nie vergessen, "wie ich mich 1953, aus dem hintersten Holz kommend, in einfachen Klamotten und ohne Geld in der Tasche, gefühlt habe neben den fein geschniegelten, wohlhabenden Mitschülern aus dem Rheinland." 135 Mark haben Internat und Ausbildung gekostet. "Ich weiß bis heute nicht, woher die Eltern das Geld hatten." Er vermutet die Tante aus New York als Wohltäterin.

Zu den 14 Fächern an der Schule zählten Musikgeschichte, Pädagogik, Klaviermethodik, Harmonielehre, Kontrapunkt, Chorproben, Gesang, Kirchenlatein sowie Orgel- und Klavierspiel als Hauptfach. "Der Junge hat ein absolutes Musikgehör." Dieses Kompliment des Geistlichen Professor Haberl habe sein Selbstwertgefühl gehoben. 1956 absolvierte Grimm die Reifeprüfung. Zuvor musste er die Ausbildung für ein Jahr unterbrechen. "Um Geld zu verdienen arbeitete ich als Chorregent in der Pfarrei St. Marien in Luhe bei Weiden. Das war meine erste Stelle."

Professor Haberl vermittelte ihm schließlich die erste Organistenstelle in Grafenwöhr, die er 1957 an Josefi (19. März) antrat. Durch seinen Weidener Freund Hans Thoma bediente Grimm auch in der Max-Reger-Stadt die Chorregentenstellen in den Pfarreien St. Johann und St. Elisabeth. Auf Thomas Empfehlung hin durfte er zudem am damaligen Bischöflichen Knabenseminar Schülern Unterricht am Klavier erteilen. Auch Grafenwöhrer Jugendliche wie Alfred Becker oder der spätere Priester Jürgen John zählten zu seinen Schützlingen. Eine seiner Privatschüler war Klara Braun aus Hütten.

Von 1962 bis 1973 wirkte Ludwig Grimm als Chorregent in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Erbendorf. Hier gab er auch Rosa Bäumler aus Gmünd das Jawort. 1969 erfolgte der Umzug in deren Elternhaus. Weil er trotz der Nebenstellen kein gesichertes Auskommen hatte, nahm er eine Stelle bei der US-Armee an. 1973 wurde er dann Organist in Grafenwöhr. Damit saß er 47 seiner 60 Organisten-Jahre dort auf der Empore.

An ein Ereignis zum Beginn seiner Grafenwöhrer Zeit erinnert sich Ludwig Grimm sehr gut. Wegen der Ölkrise galt das Sonntagsfahrverbot. Wie sollte er von Gmünd zum Sonntagsgottesdienst kommen? Monsignore Schmidt erwirkte schließlich einen Erlaubnisschein, mit dem er durch die Polizeikontrollen kam: "Ich hatte einen wichtigen Dienst zu erfüllen." Die Ölkrise war aber auch für die ersten Vorabendgottesdienste am Samstag verantwortlich.

Keine frohe Weihnacht

"Weihnachten war für mich und die Familie nie eine schöne Zeit", erzählt er weiter. "Die vielen Gottesdienste zu spielen, ist mir immer schwer gefallen." Frau Rosa und die Kinder Monika und Thomas hätten auf ihn verzichten müssen. Nach dem Tod von Musiklehrerin Eleonore Paulus habe er auch Sonntagsgottesdienste und Christmetten in der amerikanischen Kirche gespielt. Auf seinem Terminplan standen zudem Kaltenbrunn, Dürnast, Hütten, Hessenreuth sowie Pressath. Nicht zuletzt hat er zehn Jahre an der Musikschule Pressath-Grafenwöhr gewirkt.

45 Jahre war Ludwig Grimm mit seiner Rosa verheiratet. Als sie 2007 nach kurzer Krankheit starb, meinte er, die Welt geht unter. "Es war so schlimm. Damals konnte mich nur das Klavierspielen retten."

Die Musik half ihm zurück in die Spur. So ist er heute zufrieden und hat eigentlich nur einen Wunsch: "Am liebsten würde ich heute noch Schreiner lernen." Eisstöcke, Schlitten, Holzdecken, - alles, was im Haus aus Holz ist, hat er selbst gemacht. Ludwig Grimm, der begnadete Organist und talentierte "Holzwurm".
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