Schwere Zeit mit Zeugen

Gebannt lauschten die Gäste bei der Gedenkfeier im Museum den Augenzeugen, als sie von ihren Erlebnissen vom Zweiten Weltkrieg erzählten. Bilder: mor (2)
Lokales
Grafenwöhr
10.04.2015
3
0

Mit vielen Emotionen schilderten die Augenzeugen bei der Gedenkfeier in Grafenwöhr ihre Erinnerung an die Bombenangriffe auf die Stadt vor 70 Jahren. Dass der Krieg die Männer verändert hat, merken die Zuhörer auch Jahrzehnte danach.

Bei Fernsehberichten über aktuelle Kriege muss er teilweise immer noch wegschauen, erzählte Engelbert Reiter, mit 86 Jahren der älteste in der Runde. Während der Ausbildung in Nürnberg hat er schon dort die Bombennächte miterlebt. Am 2. April traf er zufällig die Grafenwöhrer Feuerwehr, die in Nürnberg löschen musste, mit ihr kehrte er in sein Elternhaus nach Grafenwöhr zurück.

Am 5. April sah er beim ersten Angriff in Grafenwöhr das Durcheinander der Pferdegespanne, die das Giftgas vom Lagerbahnhof in die Mark transportierten. Die drei Millionen Giftgasgranaten wurden nur knapp verfehlt. Im Keller des Elternhauses am Bahnübergang überlebte Reiter wie durch ein Wunder mit seiner Familie den Angriff am 8. April.

Anwesen in Flammen

Nur fünf Meter neben dem Haus ging eine 1000-Pfund-Bombe nieder, gegenüber stand das Anwesen Kraus, heute Pension Rattunde, lichterloh in Flammen. In die Felsenkeller am Annaberg flüchtete Georg Bräutigam. Nach der Rückkehr in die Alte Pfarrgasse sah er, dass das Kutscher-Rettl-Haus getroffen war. Drei Kinder kamen im Keller des Hauses ums Leben. Dass deren junge Körper in der Straße aufgebahrt waren, sieht der damals Achtjährige noch vor sich. 13 Jahre war Georg Meiler alt, beim ersten Angriff verharrte die Mutter mit den Kindern im Keller ihres Hauses in der Schönwerth-Straße. Am 8. April, dem Weißen Sonntag waren die Knödel bereits aufgesetzt, als die Sirenen heulten. "Wir gehen heute in die Felsenkeller am Annaberg" lautete die Anweisung der Mutter. Dies rettete ihm und seiner Familie das Leben. Nach der Rückkehr aus den Kellern waren nur noch einige Mauerreste vom Haus übrig, etliche Sprengbomben-Krater zogen sich die Straße hinab. Mit seinem Bruder musste der vierjährige Anton Wittmann den gehbehinderten Großvater auf einem Handwagen zum Felsenkeller ziehen, in dem sie mehrere Nächte verbrachten. Wittmann schilderte auch, dass er am 19. April die Kellertüren öffnete und die ersten Amerikaner sah. Sie suchten nach versteckten Soldaten, den Kindern gaben die freundlichen GI's Kaugummi und Hershey-Schokolade. Leo Suttner schilderte seine Erlebnisse vom 5. April. Neugierig habe er als 13-Jähriger in die geöffneten Schächte der Bomber geschaut, die Wucht der ersten detonierenden Bomben habe ihn in den Keller seines Elternhauses geschleudert. Auf einer Holztüre wurden nach dem Inferno die Leichen aus der gegenüberliegenden Gärtnerei geborgen. "Was nimmt man nicht alles hin, wenn der Krieg aus ist", sagte Suttner.

In Kleidern geschlafen

Den Feuerschein der Bombardierung Nürnbergs am 2. und 3. Januar 1945 konnten die Grafenwöhrer vom Stadtdamm aus sehen. "Wenn die Flieger nachts Nürnberg finden, dann finden sie tagsüber auch Grafenwöhr", gab Monsignore Karl Wohlgut die Meinung der Bürger wieder. Wohlgut war damals neun Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt habe man in den Kleidern geschlafen, weil man wusste, "es kommt was". Der Krieg und die Bombenangriffe lehrten den Ruhestandspfarrer das Beten und haben zur Entscheidung zum Priesterberuf beigetragen.

Gerald Morgenstern zeigte Bilder der Zerstörung und Luftaufnahmen von den Aufklärungsflügen der Alliierten im April 1945. Bürgermeister Edgar Knobloch dankte den Zeitzeugen für ihre Offenheit und US-Garnisonskommandeur Oberst Mark A. Colbrook bedankte sich, dass er und seine Kameraden bei der Schilderung dabei sein durften.
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.