Vorfreude aufs Unbekannte

Ludwig Spitaler wird ein Semester an der Lomonossow-Universität in Moskau studieren. Es ist das erste Mal, dass er Russland besucht. Bild: juh
Lokales
Grafenwöhr
22.08.2015
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Ukraine-Konflikt, Sanktionen, die Menschenrechte leiden und der Rubel fällt. Dennoch lohnt es sich, ein Semester dort zu studieren, die Kultur zu erleben und die Menschen kennenzulernen, ist sich Ludwig Spitaler sicher. Einige Bedenken aber bleiben.

Schon lange interessiert sich der 21-jährige Ludwig Spitaler für die russische Sprache, Land und Leute. "In meinem Bekannten- und Freundeskreis sind viele Russlanddeutsche. Vor allem die Sprache hat mich fasziniert." Nun fliegt er am 4. September für dreieinhalb Monate in die Hauptstadt Moskau, um dort ein Auslandssemester zu verbringen.

2012 machte Spitaler sein Abitur am Gymnasium Eschenbach. Seitdem studiert er Politikwissenschaft im Haupt-, Russisch und Französisch im Nebenfach in Regensburg. Schon immer war der 21-Jährige an Sprachen interessiert. Er spricht Englisch, absolvierte das Latinum und lernte ein Jahr Italienisch - seit zweieinhalb Jahren Russisch. "Es ist wie in jeder Sprache: wenn man nicht von Anfang an dran bleibt, wird es schwer."

Alphabet ein Problem

Problematisch war das kyrillische Alphabet. "Wenn man das lesen kann, entdeckt man viele Gemeinsamkeiten mit dem Lateinischen, Italienischen, Französischen und sogar mit dem Deutschen. Wenn man die Sprache beherrscht, ist sie sehr fließend, fast wie Französisch." Das dauere aber seine Zeit - bei Ludwig Spitaler rund eineinhalb Jahre. Schon lange stand für den 21-Jährigen fest, ein Auslandssemester zu absolvieren. "Ich wusste nur nicht, ob Russland oder Frankreich. Dann entschieden sich zwei Kommilitonen, mit nach Russland zu gehen." Gemeinsam werden sie, so hofft er, in einer Dreier-WG im Zentralgebäude der Staatlichen Universität Moskau wohnen.

Im letzten Dezember bewarb er sich für das Auslandssemester - zeitgleich für ein Stipendium der Initiative "Go East". Beides glückte. Die Zusage der Universität erreichte ihn vor einem Monat. "Ich bin sofort nach München gefahren, um ein Visum zu beantragen." Dank des Stipendiums ist die Unterkunft kostenlos. "Zusätzlich bekomme ich im Zwei-Monats-Takt 600 Euro." Es wird das erste Mal für den Studenten sein, dass er Russland besucht. Daher hieß es im Vorfeld: Vokabeln pauken und Grammatik wiederholen. Zudem bereitete er sich in Uni-Seminaren auf "Landeskunde", "Russische Kulturwissenschaft", und "Orthodoxe Religion" vor. Auch in Moskau wird er Seminare besuchen - der endgültige Stundenplan stehe noch nicht fest. Übersetzungskurse und ein Kurs über russische Medien will er auf jeden Fall besuchen. Während seines Aufenthaltes möchte Spitaler St. Petersburg besuchen. "Und dann weiter nach Helsinki."

Durchaus Bedenken

Er freue sich auf Abenteuer, Kultur und Menschen. Dennoch plagen ihn Bedenken. "Ich hoffe, es gibt keine Probleme, weil ich Deutscher bin." In den vergangenen Jahren sei es für Deutsche schwieriger geworden. Je mehr sich Deutschland mit den USA solidarisiere, desto weiter entferne sich Russland. "Unter Studenten wird das kein Problem sein", hofft er.

Politisch befindet sich Russland in einer schwierigen Lage - die wirtschaftliche Situation ist angespannt. "Bei den Bürgern und der Regierung drücken die Embargos auf die Stimmung." Politisch hat Spitaler eine klare Meinung. "Menschenrechtsverletzungen, Repressalien gegen Homosexuelle, das finde ich nicht gut, das entspricht nicht unserer Mentalität." Das bedeute aber nicht, dass Deutschland "weiter" sei . "Die Mentalität ist einfach anders." Auch, wenn er diese nicht teilt, beklagt er doch im Umgang der Bundesrepublik mit Russland eine Doppelmoral.

Differenzierte Bewertung

"In manchen arabischen Ländern sind die Menschenrechtsverstöße gravierender. Frauen haben keine Rechte, Homosexuelle werden verfolgt. Dennoch schließt die EU Abkommen." Auch die Ukraine-Krise bewertet er differenziert. "Vielleicht gibt es keinen Guten und keinen Bösen. Manche Ukrainer wollen sich Russland anschließen. Bei Russland werde ein anderer Maßstab angelegt. Er ist sich sicher, dass er Medien wie Facebook in Russland frei nutzen könne. Negativ über Putin oder die Regierung sollte man sich nicht äußern. "Aber ich bin auch nicht dort, um mich über das Land aufzuregen, sondern, um es kennenzulernen."

Am meisten wird es der 21-Jährige vermissen, in Ruhe etwas kochen zu können. "In Russland haben wir nur Stockwerksküchen. Ich koche mir jeden Tag etwas Warmes, und ich glaube, es ist nicht so leicht, etwas mit mir zu kochen", lacht der Student. Etwas Gutes hat es dennoch: Wenn er im Dezember wieder nach Deutschland kommt, wird er einen Koffer voll russischer Rezepte dabei haben.
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