Zufrieden - egal wie es kommt

Lokales
Grafenwöhr
31.12.2014
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An der Schwelle zu einem neuen Jahr: Stets ein denkwürdiger, nachdenkenswerter Tag. Ein Tag auch, an dem sich "die Geister spalten".

Pessimisten etwa sagen: Das alte Jahr war mehr schlecht als recht und sie unken: Was wird die nächsten 365 Tage nicht alles auf uns warten? Bestimmt "nix G'scheits". Optimisten dagegen geben sich gelassen und überzeugt: Wie Gott will. So wie es kommt, wird es angenommen.

Eine eiserne Optimistin, die man nur bewundern kann, ist Berta Kraus aus Grafenwöhr. Von der Philosophie der 90-Jährigen dürfen sich so manche "eine Scheibe abschneiden". Viel unterwegs, immer einen flotten Spruch drauf, einen wohlgemeinten Rat parat, stets gut gelaunt - so kennt und mag man sie. Jammern ist nicht ihr Ding. Vielmehr lautet ihr Lebensmotto: "Z'frien mou ma saa!" Sie sagt es, aus tiefstem Herzen kommend, jedem, der sich nach ihrem Befinden erkundigt. Den Grund für ihre Zufriedenheit rundum liefert die tiefgläubige Seniorin gleich nach: "Ich kann jeden Tag aufstehen, ich hab zu essen, meine Arbeit, das Hirn funktioniert noch. Was will man denn noch mehr?"

Nicht alles "rund" gelaufen

Eine derartige Bescheidenheit macht fast betroffen. Wie kann man sich nur mit solchen Grundbedürfnissen zufrieden geben? Berta Kraus tut es, weil sie weiß: Nichts ist selbstverständlich. Sie weiß es aus Erfahrung.

Als sie am 17. Dezember 1945 mit ihrer Familie - Eltern und fünf Geschwistern - aus dem Sudetenland kommend in Grafenwöhr eintraf, hatte diese den blanken Horror hinter sich. Äußerst knapp nur waren alle dem Tod durch Erschießen entronnen. Überhaupt lief in Berta Kraus' langem Leben längst nicht alles "rund". Mit ihrer eigenen Mutmacher-Botschaft jedoch meisterte sie stets die Hürden.

Nachdem kürzlich das letzte Familienmitglied, Bruder Hugo Bog, verstarb, gilt sie nun als "die letzte ihres Standes". Und als solche will Berta Kraus weiter wacker in die Zukunft schreiten. Sie tut es auf Grafenwöhrs Straßen seit einiger Zeit mit einem Rollator. Weil's bequemer damit geht und er gleichzeitig das Einkaufen erleichtert.

Gezielter Tagesablauf

Die Seniorin hat weder eine künstliche Hüfte noch ein künstliches Kniegelenk, wohl aber einen Herzschrittmacher. "Aber, mit dem kann ich ganz gut leben", lacht sie herzerfrischend. Ja, Berta Kraus ist eine regelrechte Frohnatur - ein Erbgut ihres Großvaters, wie sie verrät.

Wie sieht der Alltag aus? Ab sechs Uhr ist sie auf den Beinen, macht Frühstück und dann geht es Richtung Friedhof. Die Grabstätten von Ehemann Simon, von Verwandten und Freunden besuchen. Jeden Tag, 365 mal im Jahr, bei Wind und Wetter. "Ich brauch des, ich muss raus." Anschließend ist "Einkaufen beim Pappenberger" angesagt. Wieder daheim, wird Brotzeit gemacht, "damit i niat vom Fett kumm".

Diese genießt Berta Kraus stets mit großer Dankbarkeit. Denn die schlimme Zeit damals kann sie nicht vergessen: "Wenn ma Hunger hout, dann is a druckers Schdickl Broud oder goua mit etwas Butter und Solz draaf, a Kostbarkeit!" Welche Unmengen an besten Lebensmitteln dagegen heute entsorgt werden, will ihr einfach nicht in den Kopf. Es ist schlicht "Sünde" für sie!

Was kommt nach der Brotzeit? "Zerscht mach i mei Ärwert und am Middooch a Natzerl, des dout ma goud",erzählt sie im original "Sudeten-Slang".

Dem Herrgott dankbar . . .

Jungbrunnen-Kontrastprogramm am Nachmittag, wenn sie sich mit dem einzigen Urenkel Felix beschäftigt. "Der hält mi fit und aaf Trab." Sie sagt es mit einem Lachen, um dann leise anzufügen: "Ich bin ja sua dankbar, dass i des nu alles machn kann und der Herrgott mir die Kraft gibt." Aus ihrer Geldbörse fingert sie ein kleines abgegriffenes Herz-Jesu-Medaillon. "Des stammt nu va meiner Mutter und ist scha weit über hundert Joua old." Einer heiligen Handlung gleich, legt sie den Schatz sorgsam zurück.

Sich nicht gehen lassen . . .

Gleich drauf bricht schon wieder ihr sonniger Humor durch. "D' Leit sogn: Berta, du wirst hundert Joua. Dann sooch ich immer draaf: Ja, ja, wenn ich unterwegs douhie niat stirb." Sich einfach nicht gehen lassen, das ist auch so ein Grundprinzip der Berta Kraus. Ein anderes ist ihre Hilfsbereitschaft. "Wenn ma a weng helfn kann, dann dout ma des selwer aa goud." Seit über 50 (!) Jahren bringt sie mit ihrem Team die Bergkirche jeweils vor dem Annafest mit einem Großputz auf Hochglanz. Und ihr "Herzstück", die Gruft mit dem Leichnam Jesu unterhalb, ist während des ganzen Jahres tipp-topp gepflegt. Schon Stadtpfarrer Hans Bayer - mit ihm hält sie immer noch Kontakt - rechnete ihr dieses Engagement hoch an. Stadtpfarrer Bernhard Müller weiß es ebenfalls zu schätzen...

Verständnis für Flüchtlinge

Schließlich bringt Berta Kraus Vergangenheit und Gegenwart auf einen gemeinsamen Nenner. Als ihre Familie kurz vor Weihnachten 1945 aus der Heimat Sudetenland flüchtete und auf direktem Weg in Grafenwöhr ankam, hat sie zunächst harsche Ablehnung erfahren: "Ihr Flüchtling' wenn's wos ghabt höit's, dann ward's aa daham bliem. Wos wollt's n dou?" Eine solch' abschätzige Einstellung habe geschmerzt und sich bis heute eingebrannt. Irgendwie Trotz und Stolz gleichermaßen schwingen mit als sie beteuert: Der Vater sei Baumeister gewesen und mit einer Landwirtschaft wären sie keinesfalls arm gewesen. Todesangst vor dem Erschießen habe die Familie zur Flucht gezwungen.

Die zahlreichen Flüchtlingsschicksale unserer Tage lassen sie nicht kalt. Die Menschen haben vielmehr das volle Mitgefühl von Berta Kraus.
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