Der ehemalige Grafenwöhrer Erich Hannak lebt seit zehn Jahren in einer französischen Kleinstadt ...
Angst vor Überfremdung geht bis in die Provinz

"Je suis Charlie": 800 Menschen gingen in Vaison la Romaine nach den Anschlägen von Paris auf die Straße. Bild: Gazette Locale
Politik
Grafenwöhr
14.01.2015
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Erich Hannak (79) lebt seit zehn Jahren in der Kleinstadt Vaison la Romaine in der Provence, knapp 50 Kilometer von Avignon entfernt. Der ehemalige Apotheker aus Grafenwöhr (Kreis Neustadt/WN) schildert im Gespräch mit unserer Redaktion seine Eindrücke über die Stimmung in Frankreich, abseits der Metropole Paris, nach den Anschlägen.

Ihre neue Heimatstadt zählt rund 6000 Einwohner. Gab es auch hier Demonstrationen?

Hannak: Ja. Die Bürger hier wie in vielen anderen Städten waren aufgerufen, ihre Solidarität zu bezeugen. Ich war mit meiner Frau Marie-Paule dabei. Mit 100 Teilnehmern hatte ich gerechnet. Es kamen etwa 800.

Gingen auch Muslime mit auf die Straße?

Hannak: Erfreulicherweise sehr viele. Wir haben länger mit einem jungen Mann gesprochen, der das Schild "Ich bin Charlie und Muslim" umgehängt hatte. Er engagiert sich, um junge Muslime aufzuklären und einzubinden, damit sie sich nicht radikalisieren. Überhaupt war die Stimmung auf der Kundgebung sehr angenehm. Ich hatte Angst, dass es antiislamistischen Töne geben würde. Dem war überhaupt nicht so.

Erleben Sie in Ihrer Gemeinde einen verstärkten Rassismus?

Hannak: Leider ja. Die Front National ist hier in Südfrankreich sehr stark, sie schüren die Angst vor Überfremdung. Hier leben sehr viele Araber. Sie sind die Zielscheibe der Rechtsextremisten.

Sind die Vorurteile auch im Alltag zu spüren?

Hannak: Eigentlich nicht so sehr. Die Araber habe hier einige kleine Geschäfte, Obstläden und so weiter. Sie sind ganz gut integriert. Es gibt aber diese unterschwelligen Ängste der Franzosen vor einer Islamisierung, ich höre das von meinen Verwandten und Bekannten immer wieder. Einige haben sogar Sorgen, in Zukunft eine Burka tragen zu müssen. Solche diffusen Geschichten. Es ist schwer, Ihnen das zu nehmen.

Wie haben Sie die Großkundgebung am Sonntag in Paris erlebt?

Hannak: Was für eine machtvolle Demonstration! Die kluge Regie von Präsident François Hollande und der Regierung hat erreicht, dass es die Bürger waren, und nicht nationalistische Gruppierungen, die das Bild bestimmt haben. Nicht der Ruf nach Rache wurde laut, sondern nach Einheit aller Franzosen, egal welcher Religion. Meine Frau sagte nachher: "Jetzt bin ich wieder stolz, Französin zu sein."

In Deutschland erleben die Pegida-Aufmärsche immer mehr Zulauf ...

Hannak: Es beschämt mich, weil ich sehen musste, dass derzeit in Dresden Tausende aufmarschieren, um vor einer Islamisierung Deutschlands zu warnen. Dort gibt es etwa 0,5 Prozent Muslime, in Frankreich sind es 10 Prozent. Ich glaube kaum einer, der bei Pegida mitmarschiert, kennt persönlich Muslime und hat auch nur mit einem je ein Gespräch geführt.
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