Anton Sutter geht 1990 nach Sachsen
Aufbauarbeit nach Mauerfall

Nach 25 Jahren im Keller entrollte Anton Suttner zum ersten Mal das Geschenk, das er damals bei seinem Abschied aus der Offiziershochschule in Löbau erhalten hatte. Bild: fle
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Grafenwöhr
02.10.2015
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Eigentlich hatte der Grafenwöhrer Anton Suttner, Hauptfeldwebel a.D., 1990 die Aufgabe, die Restbestände der Nationalen Volksarmee (NVA) in die Bundeswehr zu überführen. Sein einsamer Trip ins sächsische Löbau geriet jedoch zur unerwarteten Entwicklungshilfe.

Am Morgen des 3. Oktober 1990 machte sich Anton Suttner, der in Pfreimd als "Spieß" stationiert war, mit drei Kameraden auf den Weg nach Sachsen. An der Offiziersschule für Landstreitkräfte "Ernst Thälmann" in Löbau sollte das Bundeswehr-Quartett junge NVA-Soldaten nach Standards der "neuen" Bundesrepublik Deutschland (BRD) schulen. "Beide Seiten fühlten sich unwohl. Hier die lang gedienten NVA-Obristen, -Majore und jungen -Soldaten und dort die vier "Wessis", die nun vorgeben sollten, was wer wie zu tun hat", erinnert sich Suttner.

Von einem Tag auf den anderen trugen "Ossis" und "Wessis" plötzlich die selbe Uniform. "Die NVAler gehörten nun zur Bundeswehr, hatten aber eine andere Ausbildung und unterschiedliche Voraussetzungen. Unsere Aufgabe war es, diese Standards zusammenzuführen." Wer in der Bundeswehr bleiben wollte, musste bei Suttner einen Antrag stellen. Und da tauchten Probleme auf, mit denen er nicht gerechnet hatte. "Das schlimmste war nicht nur das kaputte Land, sondern der kaputte Mensch. Diese Unselbstständigkeit konnte ich mir nicht vorstellen", beschreibt der 68-Jährige die Unfähigkeit der NVA-Soldaten, einen Antrag oder ein Formblatt auszufüllen.

Nachdem Suttners Kollegen nach drei Wochen frühzeitig abgezogen wurden, entschied sich der Grafenwöhrer, noch länger in Löbau zu bleiben. "Ich war der einzige ,Wessi' unter 5000 bis 6000 Offizieren. Auch wenn man sich mit der Zeit kennenlernte und etwas Vertrauen zueinander fasste, war das keine einfache Situation - für beide Parteien. Ich konnte die jungen Leute nicht im Stich lassen." Die Soldaten, die in der Bundeswehr verbleiben wollten, mussten bei Suttner vorsprechen. Das trauten sich etliche nicht, weil sie dabei "vieles offenbaren" sollten. Die Akten, die Suttner erhielt, waren vorher auf Anraten des ehemaligen DDR-Verteidigungsministers Rainer Eppelmann "bereinigt" worden und somit unbrauchbar. "Gutes stand drin, schlechtes fiel raus."

"Professor" Suttner

Besonders in Erinnerung blieb Suttner ein Vortrag, den er zum Ausfüllen des Formblatts im Hörsaal halten sollte. "Ich traute meinen Augen nicht, als 200 bis 300 Offiziere vor mir saßen." Es hätten sich viele Fragen zu den Abläufen bei der Bundeswehr und zum Leben im Westen angeschlossen. "Von Freizeit, freien Wochenenden, Urlaub zu Ostern und Weihnachten oder wechselndem Bereitschaftsdienst hatten die NVAler noch nie etwas gehört", sagt Suttner. Der Hauptfeldwebel a.D. sah sich mit Aufgaben konfrontiert, die nichts mehr mit der ursprünglichen Intention des "Einsatzes" zu tun hatten. "Vater, Mutter, Opa, Oma, Onkel und Tante sprachen bei mir vor, wie sie das Formblatt für ihren Offiziers-Sprössling auszufüllen hätten, damit dieser in der Bundeswehr verbleiben könnte. Der Betroffene traute sich nicht." Nachdem dies besprochen war, musste Suttner Auskünfte zu Schulwechsel, Arbeitslosengeld und grundsätzlichen Sachen "wo bekomme ich was her" erteilen.

Eltern wollten zur Vereidigung ihres Sohnes nach Garmisch-Partenkirchen fahren und baten Suttner, sie drauf vorzubereiten: "Wie kommen wir dorthin? Wir waren noch nie im Gebirge, wo können wir dort schlafen? Können Sie uns eine Unterkunft besorgen? Wie müssen wir uns im Westen verhalten?" Suttner konnte nicht glauben, mit welch gravierender Form der Unselbständigkeit und Hilflosigkeit er sich im gerade vereinten Deutschland konfrontiert sah.

Ein Oberst schied zu Weihnachten aus dem Militärdienst aus, fühlte sich jedoch noch fit und wollte in einer Bücherei arbeiten. "Das Problem war, dass er noch nie etwas von einer Bewerbung gehört geschweige denn eine geschrieben hatte. Ich half ihm dabei", sagt Suttner. Erschwerend kam für hochrangige NVA-Mitglieder hinzu, dass sie - nach Überprüfung ihrer Ausbildung - in der Bundeswehr zurückgestuft wurden. "An einem Tag noch Oberstleutnant, am anderen Hauptmann, weil Lehrgänge nach westlichen Standards fehlten - das war nicht leicht zu verkraften und nagte am Selbstwertgefühl."

Waffen-Verkauf

Trotzdem schätzt Suttner die Befürworter der Wiedervereinigung auf etwa 70 Prozent - und schiebt hinterher: "Hardliner gibt es immer und überall." Was mit dem NVA-Waffen- und Panzer-Arsenal ("Der Westen hätte nicht den Hauch einer Chance gehabt") geschah, weiß er nicht, hat aber eine Vermutung: "An eine Kalaschnikow zu kommen, war relativ einfach." Er berichtet von nächtlichen "Geschäften" auf Parkplätzen und "vollbepackten Soldaten", die aus Kellern kamen.

Kurz vor Weihnachten 1990 kehrte Suttner nach Grafenwöhr zurück. Trotz der unerwarteten Herausforderungen möchte er diese Zeit "nicht missen" und sammelte "wertvolle Erfahrungen". Dass seine Entwicklungsarbeit nicht umsonst war, zeigten Besuche von Schülern in Grafenwöhr und Briefkontakte, die Jahre anhielten.
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