Christoph Reuter hält Vortrag über den Islamischen Staat
Wo Terror gedeiht

Christoph Reuter weiß, wie das Leben in Aleppo aussieht. Auch hier hat die Terrormiliz Islamischer Staat gewütet. Bild: hfz
Vermischtes
Grafenwöhr
01.10.2016
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Der Islamische Staat hat im Westen ein bestimmtes Bild von sich geschaffen: glaubensbeseelte Fanatiker, die Gottes Wort in die Tat umsetzen. "Spiegel"-Autor Christoph Reuter erklärt am Mittwoch in Grafenwöhr, was die ultrareligiöse Bewegung wirklich antreibt.

Christoph Reuter weiß: Religion ist Mittel zum Zweck. Es geht um Macht. Unter dem Titel "Die schwarze Macht: Der ,Islamische Staat' und die Strategen des Terrors" gibt er Einblick in die Strukturen der Terrororganisation.

Als gläubige Eiferer stellen sie sich dar, werben um Anhänger im Ausland, die Führung präsentiert sich so auch den eigenen Leuten. Doch wer verstehen will, wie der IS in kurzer Zeit riesige Territorien einnehmen konnte, muss den Kern der Organisation begreifen. "Fast alle sind ehemalige Offiziere aus Saddam Husseins Geheimdiensten oder Eliteeinheiten der Armee, die über Umwege beim Vorgänger des IS landeten und die Führung übernahmen", erklärt der Journalist.

Seit über 20 Jahren beschäftigt Reuter sich mit dem Thema. Anfang der 90er hat er zu Selbstmordattentätern der Hamas und Hisbollah recherchiert, 2002 ein Buch dazu geschrieben. Auch mit den IS-Vorläufern hatte er schon vor 13 Jahren im Irak, später auch in Saudi-Arabien und Syrien zu tun. Dabei ist der 48-Jährige zum Schluss gekommen, dass die Organisation eine Strategie hat, die sie den Umständen anpasst. "Im Kern geht es um die Eroberung eines möglichst großen eigenen ,Landes' mit sunnitisch-muslimischer Bevölkerung, die sich zumindest teilweise unterwerfen würde."

Auch auf Ölvorkommen und andere Bodenschätze habe es der IS abgesehen, um nicht von der Bevölkerung abhängig zu sein. Bombenanschläge im Westen oder Terror gegen Schiiten in Bagdad sieht Reuter als Reaktion der Anhänger auf militärische Angriffe.

Dieser Terror sei das Werkzeug, das den IS die Macht sichern soll. "Der Fehler ist, nur jene Gruppen zu bekämpfen, die Terror einsetzen", erklärt der Autor. Man müsse weiter schauen: Gibt es berechtigte Anliegen? Oder, im Falle des IS, woher kommt Zustimmung für ihn? Kann man diesen Nährboden entziehen? Wie die Terrororganisation denkt, hat Reuter 2013 erlebt. "Zwischen April und August traten die IS-Leute offen in Syrien auf. Es war schwierig, mit ihnen in Kontakt zu kommen, aber ein paar Mal hat es geklappt."

Dabei hatte Reuter die Chance, einen mächtigen "Emir" in dessen Hauptquartier in Idlib zu treffen. "Es war wie im Film, seine Männer haben ihn behandelt wie einen Halbgott." Rückwärts seien sie aus dem Audienzraum gekrochen. Im September 2013 war dann schon alles anders: Die Jagd auf Journalisten hatte begonnen, auch einen Mitarbeiter Reuters hat der IS damals getötet. "Sie mögen Propagandisten, Leute, die sich benutzen lassen als Lautsprecher - aber sie hassen echte Fragen und Recherche."

Sein Buch "Die schwarze Macht" vergleicht der Autor mit einem Ermittlungsbericht, der etwa die komplexe und aberwitzige Beziehung zwischen IS-Terroristen und syrischem Geheimdienst detailreich belege. "Ich habe versucht, es soweit wie möglich entlang von Biografien und Menschen zu erzählen, aber das geht nicht immer."

Es war wie im Film, seine Männer haben ihn behandelt wie einen Halbgott.Autor Christoph Reuter


Zur PersonNach dem Studium der Islamwissenschaft, Politikwissenschaft und Germanistik an der Uni Hamburg berichtete Christoph Reuter für "Geo", "Stern" und "Zeit" aus der islamischen Welt zwischen Marokko und Kirgisistan. Seit 2011 schreibt der Journalist für den "Spiegel".

Neben dem Buch "Die schwarze Macht: Der ,Islamische Staat' und die Strategen des Terrors" veröffentlichte er "Mein Leben ist eine Waffe" und "Café Bagdad. Der ungeheure Alltag im neuen Irak". Für seine Arbeiten erhielt er den Axel-Springer-Preis, das Medium-Magazin zeichnete ihn für Berichte aus dem syrischen Bürgerkrieg als "Reporter des Jahres" aus. Im November 2015 bekam er für "Die schwarze Macht" den NDR-Kultur-Sachbuchpreis. Am Mittwoch, 5. Oktober, um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Grafenwöhr möchte er den Besucher die Gedankenwelt des Islamischen Staats vorstellen. (esm)
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