Gedenkgottesdienst zur Vertreibung der Russlanddeutschen in der Sowjetunion in der ...
Zwangsarbeit bei Hunger und 50 Grad Kälte

Die Russlanddeutschen in der Sowjetunion hatten ein schweres Schicksal. Stalin erklärte sie zu "Staatsfeinden" und verordnete Zwangsarbeit und Vertreibung. Pfarrer Fischer erinnerte daran bei einem Gedenkgottesdienst. Bild: rgr
Vermischtes
Grafenwöhr
21.09.2016
58
0

Erst ein fünf Kilometer langer Marsch in tiefem Schnee bei etwa 50 Grad Kälte, dann schwere Waldarbeit bei leerem Magen. Russlanddeutsche Männer und Frauen ab 17 Jahren mussten in der Sowjetunion Zwangsarbeit in der sogenannten "Trudarmee" leisten.

(rgr) "Die Vertreibung der Russlanddeutschen in der So-wjetunion und der Beginn der Zwangsarbeit jähren sich heute zum 75. Mal. 15 lange Jahre Leiden folgten diesem verheerenden Befehl Stalins vom 28. August 1941, der die Russlanddeutschen zu Staatsfeinden erklärte", sagte Pfarrer Dr. André Fischer zu Beginn des Gedenkgottesdienstes in der Michaelskirche.

Erst 1956 wurden die schlimmsten Folgen behoben, so dass die Russlanddeutschen wieder halbwegs frei waren. "All das gehört wohl zu den schmerzlichsten Kapiteln russlanddeutscher Geschichte. Kaum jemand unter uns weiß von dieser tragischen Geschichte." Zum Gottesdienst begrüßte Fischer Bürgermeister Edgar Knobloch, den ehemaligen Bürgermeister Helmuth Wächter sowie Luisa Deibele aus Pressath, die Tochter der Zeitzeugin Erna Scheck.

Geschichte ernst nehmen


Für den Umgang mit der Geschichte gebe es mehrere Möglichkeiten. "Was nicht verarbeitet ist, holt uns ein. Und wer die Vergangenheit verdrängt, riskiert ihre Wiederholung in der Zukunft." Für die in Deutschland Geborenen sei entscheidend, dass sie die Russlanddeutschen und ihre Geschichte ernst nehmen. Pfarrer Fischer bat auch die Russlanddeutschen um Verständnis dafür, dass sich 1945 in weiten Teilen der Bevölkerung in Westdeutschland das Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte auf Nazi-Diktatur, Holocaust und Weltkrieg konzentriert hat.

Der Pfarrer blendete zurück ins Jahr 1941 nach der Auflösung der Wolgarepublik. Die Menschen wurden aus ihren Siedlungen durch die Vertreibungen gewaltsam hinausgeschleudert in die Weiten des riesigen Sowjetreiches. Er erinnerte auch an die Flüchtlingsströme aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und an die heutigen Kriegsflüchtlinge, die verzweifelt zu uns kommen.

Zeitzeugin berichtet


Es sei klar, dass Deutschland nicht alle Notleidenden zu sich holen kann und dass die Politik hier gefordert ist. Auch müssen die Gäste in unseren Land elementare Spielregeln unserer Gesellschaft einhalten. Trotzdem sollten Menschlichkeit und Solidarität vorhanden sein. "Die Kraft dazu kann aus unserem Gottesglauben erwachsen", betonte Pfarrer Fischer. Die Aussagen der Zeitzeugin Erna Scheck, die ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitet hat, wurden auszugsweise von Melanie Kittner vorgelesen. Dabei hielten die Gläubigen den Atem an. Im Gottesdienst sprachen Konfirmanden sowie Jugendliche aus der Gemeinde ihre selbst verfassten Fürbitten. Organist Walter Thurn umrahmte den Gedenkgottesdienst musikalisch.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.