Alois Seegerer erzählt von der Zeit nach seinem Schlaganfall
Der Weg zurück ins Leben

Seit seinem Schlaganfall ist Alois Seegerer auf den Rollstuhl angewiesen. Mit eisernem Willen und viel Geduld, mit Physio- und Ergotherapie arbeitet er daran, dass sich sein Gesundheitszustand weiter verbessert. Seine wichtigste Stütze ist Ehefrau Luise. Bild: Völkl
Vermischtes
Guteneck
03.09.2016
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Der 15. Oktober 2015, das ist der Tag, der Alois Seegerers Leben veränderte. Er wird aus seinem gewohnten Alltag gerissen. Schlaganfall, halbseitige Lähmung. Doch der langjährige Gutenecker Bürgermeister macht Menschen mit ähnlichen Schicksalen Mut: Er sitzt - noch im Rollstuhl - weiterhin im Schwandorfer Kreistag und erzählt von seinem langen, schweren Weg zurück ins Leben.

Trefnitz. Kann ich helfen? Luise Seegerer winkt bei gut gemeinten Angeboten dankend ab, als sie ihrem Mann vom Rollstuhl in den Gartensessel hilft. Die Griffe sitzen. Ein eingespieltes Team. Auf der Terrasse, neben Kamin und Rehgehörn, in der Idylle des Gartens plaudert Alois Seegerer gerne mit den Gästen, die oft ganz spontan vorbei schauen. "Hier wollte ich wieder sein, das wollte ich wiederhaben", erzählt der 73-Jährige, für den sich vor knapp einem Jahr alles veränderte.

Überlegt reagiert


Alois Seegerer ist ein Politiker mit Bodenhaftung. Kaum einer im Landkreis kann eine so lange Zeit der Akzeptanz und Wertschätzung durch die Bürger aufweisen. 30 Jahre war er Bürgermeister, viele Jahre Bezirksrat, und seit 1972 gehört er als einziger Kommunalpolitiker ununterbrochen dem Schwandorfer Kreistag an. Landvolk, VHS und Jagdverbände zählten auf ihn. Im verdienten Ruhestand ließ es Seegerer etwas gemächlicher angehen.

Am besagten 15. Oktober 2015 bot er noch an, bei Arbeiten an der Weidenthaler Kirche zu helfen. Am Abend ging es zum Gesellschaftstag ins Sportheim. Eine nette Unterhaltung, Seegerer will von seinem Bier trinken, doch er kann den linken Arm nicht bewegen, auch das Bein ist taub, die Lippe hängt. Die jungen Leute im Sportheim reagieren geistesgegenwärtig, wählen die Notfallnummer, melden Verdacht auf Herzinfarkt. "Ich hab ihnen noch gesagt, das dass kein Herzinfarkt, sondern ein Schlaganfall ist", erzählt er. Im Amberger Marien-Krankenhaus wird sofort ein CT gemacht, Seegerer kommt auf die "Stroke Unit", eine auf Schlaganfall spezialisierte Abteilung. Eine Blutung in der rechten Gehirnhälfte hat den Schlaganfall ausgelöst. Seegerer spürt seinen linken Arm und das linke Bein nicht mehr. "Doch mein Verstand, meine Sprache, das ist mir geblieben", sagt er. Die Ärzte zeigen der Familie die Möglichkeiten eines Heimaufenthalts auf. Sie wissen um die Selbstüberforderung von Angehörigen. Pflege ist ein Knochenjob, der auch mental an die Grenzen geht.

Das Netz "Familie"


Aber Ehefrau Luise, die Kinder Wolfgang, Christian und Lisa mit ihren Familien, organisieren sich. Seegerer kommt auf Reha ins Bezirksklinikum, eine Station, "die ich selbst mit beschlossen habe." Vom 4. November 2015 bis 2. April 2016 ist er hier. Fünf Monate lang kommen jeden Tag Luise, die Kinder oder Schwiegerkinder. Es geht an die Grenze der Belastbarkeit. Luise Seegerer schaut sich bei den Krankenschwestern "für die Zeit danach" Griffe ab. Die Kinder haben zwischenzeitlich eine Rampe ums Haus gebaut.

Der Alltag beginnt. Die Seegerers sind froh, dass Sohn Christian mit seiner Familie im Haus wohnt. Luise Seegerer hat trainierte Oberarme bekommen. Alltag braucht Kraft. In den Rollstuhl, aus dem Rollstuhl. Doch Dank seiner Frau ist Alois Seegerer mobil. Der Rollstuhl passt in den Golf-Variant. Und so geht es zum Frauentag nach Stadlern oder zum Schützenbergfest nach Guteneck. "Ich geh' nach wie vor gerne unter d' Leut", erzählt Seegerer. Mit Frau Luise fährt er zu den Fischweihern. Das Füttern übernimmt jetzt sie. Dann sehen sie nach den Hochlandrindern des Sohns. Im Carport steht auch eine Art Golf-Car, mit dem er im Dorf unterwegs ist.

"Man braucht viel Geduld"


Der Alltag ist beschwerlich. Alois Seegerer hatte schon einige persönliche Schicksalsschläge einzustecken. Warum das auch noch? "Diese Frage stellt sich nicht. Die Natur hat eben eine Schwachstelle eingebaut", meint er mit feuchten Augen. Doch dann gewinnt der Optimismus wieder Oberhand: "Die Familie und mein Glaube geben mir Kraft. Es hat keinen Sinn nach dem Warum zu fragen". Seegerer und seine Frau nehmen ihr Schicksal an. Seit 48 Jahren sind die beiden verheiratet. "In guten wie in schlechten Zeiten", erinnert Luise Seegerer schlicht an das Versprechen, dass man sich gegeben hat. Zwei mal in der Woche kommt die Physiotherapeutin, zwei Mal die Ergotherapeutin vorbei. Die Fortschritte sind sichtbar, "doch man braucht viel Geduld". Schlimm ist es für Alois Seegerer, dass ihm seine Frau zum Teil noch bei der Körperpflege helfen muss. Doch dann kommt Enkel Vitus, mit 16 Monaten der Sonnenschein der Familie, durch die Tür. "Das ist mein bester Therapeut", lacht Seegerer.

Therapeuten sind auch die vielen Besucher, die vielen hundert Menschen, die Alois Seegerer besuchen, ihn anrufen. "Jeder Wunsch ist ein Meilenstein zur Genesung". Sogar aus dem Senegal hat der 73-Jährige Genesungswünsche erhalten. "Da kann ich nur ein herzliches Dankeschön sagen". Mit dem Landvolk hat er hier den Bau von Brunnenprojekten unterstützt.

Schafkopf im Wohnzimmer


Am Sonntag kommen die Schafkopffreunde vorbei. Die traditionelle Runde im Gasthaus Vetterl wurde ins Wohnzimmer verlegt. Im Gasthaus kann Alois Seegerer mit dem Rollstuhl die Toilette nicht erreichen. "Am Anfang habe ich unverzeihliche Fehler gemacht", erinnert sich Seegerer an die ersten Kartenabende nach der Reha. "Aber jetzt kenne ich wieder alle Schlitzohrigkeiten". Er blickt kurz zurück: "Sieben Jahre Gemeinderat, 30 Jahre Bürgermeister, 15 Jahre Bezirksrat, 44 Jahre Kreisrat. Wenn die Hundert voll sind, machen wir ein Fest."

Jeder Wunsch ist ein Meilenstein zur Genesung.Kreisrat Alois Seegerer
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