Der ehemalige Bundespolizist Reinhold Balk erzählt von seinen Erfahrungen am Rand von 128 ...
Rehe hält der Eiserne Vorhang immer noch auf

Lokales
Hahnbach
18.09.2015
7
0
Nicht Ahnen- oder Familienforschung, sondern "Grenzgeschichte(n)" zum Eisernen Vorhang waren die Hauptsache bei einem Informationsabend, zu dem der Arbeitskreis Amberg-Sulzbach der Gesellschaft für Familienforschung und die AOVE in den Gasthof Ritter eingeladen hatten. Die Leiterin des Stammtisches der Familienforscher, Monika Goldner, zählte trotz Fußballübertragung 30 Zuhörer.

Schwer befestigt

Der Referent Reinhold Balk erlebte in seiner Zeit als Beamter bei der Bundespolizei das Geschehen an der schwer befestigten Grenze zwischen Bayern und der Tschechoslowakei und war für die Überwachung von 128 Kilometern zuständig. Seine Ausführungen stellte er unter die Überschriften "Vom Grenzzaun zur Grenzlinie" und "Vom Eisernen Vorhang zum grünen Band".

Schluss mit Freiheit

Ursprünglich sei die böhmisch-bayerische Grenze die zweitälteste in Europa. Balk stellte die Entwicklung der Grenzziehungen zwischen den Königreichen Bayern und Böhmen sowie die Folgen des Ersten und Zweiten Weltkriegs voran. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich eine gravierende Änderung ergeben, indem die Tschechoslowakei als bisher freies Land dem Ostblock zugeschlagen wurde und der Eiserne Vorhang entstand. Dieser habe praktisch zwei Machtblöcke mit einem stark gesicherten Sperrabschnitt auf einer Länge von über 300 Kilometern voneinander getrennt. Dazu wurden Ortschaften ausgesiedelt, die Grenze streng überwacht und eigene Unterkünfte für Soldaten gebaut.

Das Kernstück der Sperrzone bildete eine von Hand geschlagene Schneise, in deren Verlauf ein Starkstromzaun stand, der Mitte der 60er-Jahre durch einen Signalzaun ersetzt wurde und Alarm auslöste. Balk erklärte den Aufbau des Grenzbereichs und den Ablauf eines ausgelösten Alarms. Beeindruckend dabei die Bilder von Sperranlagen, Wachtürmen, Standorten und Unterkünften des Überwachungspersonals. Diese Soldaten lebten in kleinen, autarken Orten zusammen und waren innerhalb weniger Minuten einsatzbereit.

Fast 5000 Menschen seien über 20 Jahre hinweg jährlich wegen versuchter Republikflucht verhaftet worden, sagte Balk. Immer wieder glückte dennoch die Flucht in den Westen. Aber auch menschliche Schicksale wie das des Oberstleutnants a.D. Johann Dick, der 1986 bei einer Wanderung auf bayerischem Gebiet erschossen wurde, brachte Balk den Zuhörern nahe. So viele Jahre dieses Grenzbollwerk Bestand hatte, so schnell verschwand es mit dem Niedergang des kommunistischen Machtbereichs. Nur etwa vier Monate habe es gedauert, bis die Tschechoslowakei die Sperranlagen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs beseitigt hatte.

Beweis durch GPS

Interessant: Rehe, die mit einem GPS-Sender ausgestattet wurden, machen immer noch diesseits und jenseits der Grenze kehrt und gehen zurück. "So lange wirkt der Zaun nach", beendete Reinhold Balk seinen zweistündigen Vortrag.
Weitere Beiträge zu den Themen: September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.