Granaten auf die Kirche

Sehr groß war das Interesse an den Erzählungen von Heimatpfleger Ludwig Graf (links). Bild: ibj
Lokales
Hahnbach
30.04.2015
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Ein Bürgermeister, der wegen des Nichttragens des Parteiabzeichens abgesetzt wird. Ein Pfarrer, der kurz vor Schluss noch eine Generalabsolution erteilt. Das Kriegsende in Hahnbach hat einige Kuriositäten zu bieten.

Es war gegen 10 Uhr am 22. April 1945, als die Amerikaner in Hahnbach einmarschierten. Damit endete auch in der kleinen Marktgemeinde ein 1000-jähriger Spuk, der doch nur zwölf Jahre gedauert hatte. Anlässlich der 70. Wiederkehr des Jahrestages berichtete Heimatpfleger Ludwig Graf jetzt bei einer AOVE-Führung von den damaligen Ereignissen und ihrer Vorgeschichte.

Zum Zeitpunkt der Reichtagswahl am 5. März 1933 zählte Hahnbach 903 Einwohner. Bürgermeister war Leonhard Riß, sein Vertreter Georg Trösch. Beide zwang am 24. April 1933 Kreisleiter Dr. Artur Kolb samt Gemeindeausschuss zum Rücktritt. Als Nachfolger wurde Georg Bäumler eingesetzt. Die Leitung der am 26. März 1933 gegründeten Ortsgruppe der NSDAP übernahm Jakob Siegert.

Mehrere Straßen erhielten neue Namen. Die Hauptstraße: Adolf-Hitler-Straße, die Breite Gasse: Hermann-Göring-Straße und die Mühlgasse: Hans-Schemm-Straße (Hans Schemm wer Gauleiter der Bayerischen Ostmark, Anm. d. Red. ).

Mit der Einführung der Wehrpflicht im Jahre 1936 waren in Hahnbach und Umgebung fast laufend Einquartierungen, unter anderem die Einheiten der Waffen-SS Nordland und Wiking. Das Verhältnis der Soldaten zur einheimischen Bevölkerung war gut. Und allmählich beeinflusste die Partei auch das kulturelle Leben. Für das Jungvolk, die Hitlerjugend (HJ) und den Bund Deutscher Mädchen (BdM) wurde im Amberger Tor ein Jugendheim eingerichtet.

Die Kreisfilmstelle der Partei führte im Saal des Gasthauses Post mit steigender Besucherzahl Filme vor. Auf Anweisung von Kreisleiter Kolb sollte 1934 das unter Leitung von Pfarrer Friedrich Schrems renovierte Kreuz am südlichen Kirchplatz abgebaut werden. Bei einem Gespräch mit ihm und dem Ortsgruppenleiter einigte man sich darauf, dass der vergoldete Corpus mit brauner Farbe überstrichen werden sollte.

Bürgermeister abgesetzt

Auf dem jetzigen Schulgelände wurde ein Landdienstlager für 32 Jugendliche errichtet, dessen Leitung ein eigener Landdienstführer hatte. Diese waren bei Bauern in Hahnbach und Umgebung eingesetzt. Bürgermeister Bäumler zeigte sich auf Dauer mit den Maßnahmen des Dritten Reiches nicht einverstanden. Wegen Nichttragens des Parteiabzeichens kam er vor das Kreis- und Gaugericht und wurde 1944 seines Dienstes enthoben. Ebenso traf es seinen Nachfolger Josef Gold bald darauf.

Im März 1945 berichtete Gendarmerieposten Ludwig Kneidl, dass die Stimmung und Haltung der Bevölkerung gegenüber den Machthabern etwas besser geworden sei. Die Verdunkelungsvorschriften würden eingehalten, nachdem fast jede Nacht das hiesige Gebiet von feindlichen Flugzeugen überflogen wurde. Unter Führung von Georg Falk errichteten Hahnbacher Bergleute einen großen Luftschutzraum in der Vilsecker Straße, indem sie drei dort befindliche große Felsenkeller miteinander verbanden.

Dorthin zog in den Abendstunden des 21. April der größte Teil der Bevölkerung, zusammen mit Ortspfarrer Johann Meyer. Um Mitternacht begann die Beschießung des Marktes aus Richtung Kreuzberg und Vilstal mit Sprenggranaten. Der Kirchturm und das Anwesen des späteren Bürgermeisters Strobl wurden schwer beschädigt.

Pfarrer Meyer schrieb in seinen Aufzeichnungen: "Am Sonntag, 22. April früh, beschloss ich mit dem Allerheiligsten und den Schulschwestern zu den Felsenkellern zu gehen. Die Leute atmeten auf; gegen 7 Uhr wurde Generalabsolution gegeben und die Kommunion ausgeteilt." Unterdessen wurde der Markt wieder mit Artillerie beschossen. Acht Granatvolltreffer auf die Pfarrkirche zerstörten das Dach des Seitenschiffes völlig. Gegen 10 Uhr rückten die Amerikaner in Hahnbach mit Fahrzeugen an die Keller heran. Außen waren weiße Tücher befestigt. Ein belgischer Kriegsgefangener ging mit einer weißen Fahne aus dem Keller und vermittelte den Amerikanern, dass sich hier nur Frauen mit Kindern und ältere Männer, aber keine Soldaten aufhalten.

Den Markt geplündert

Alle mussten die Keller verlassen und wurden Richtung Süß geführt. Nach der Durchsuchung Einzelner durften sie gegen 16 Uhr in die Häuser zurückgehen. Am nächsten Tag kamen etwa 20 Russen aus dem Gefangenenlager Sulzbach-Rosenberg und plünderten den Markt. In der Knabenschule wurde die amerikanische Kommandantur eingerichtet.

Mit der Besetzung Hahnbachs durch amerikanische Truppen endete auch die Amtszeit des bis dahin amtierenden Bürgermeisters und NSDAP-Ortsgruppenleiters Jakob Siegert. Vorübergehend wurde nochmals Georg Bäumler als Bürgermeister eingesetzt, der nach der Verhaftung wegen Parteimitgliedschaft von Johann Baptist Kotz als kommissarischer Bürgermeister abgelöst wurde.
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