Krankenschwester Margarete Hirsch trainiert Angehörige von Pflegebedürftigen
Schmerzarm und schonend

Trainerin und Krankenschwester Margarete Hirsch (rechts) leitet bei der AOVE in Hahnbach einen Auffrischungskurs in Kinaesthetics. Dabei lernen Angehörige, wie sie sich selbst und ihre pflegebedürftigen Verwandten richtig bewegen. Bilder: hfz (3)
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Hahnbach
04.09.2016
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Die gelernte Krankenschwester Margarete Hirsch trainiert Angehörige von Pflegebedürftigen. In ihren Kursen lernen sie, sich selbst und den Patienten richtig zu bewegen. Die Pflegenden sollen dadurch nicht mehr so viel heben müssen.

Kinaesthetics gibt es seit Anfang der 70er-Jahre. Geprägt hat die Lehre der US-Forscher Frank White Hatch. Hirsch hat vor 18 Jahren ihre Ausbildung zur Kinaesthetics-Trainerin absolviert. Sie erklärt, was es damit auf sich hat und wie die Lehre in der Pflege eingesetzt wird.

Was ist Kinaesthetics?

Margarete Hirsch: Das ist die Lehre von der Bewegung, von den Bewegungsabläufen. Sie beschäftigt sich mit den Fragen: Wie bewege ich mich? Wie stehe ich auf? Wie komme ich vom Boden wieder hoch? Und im Pflegekontext: Wie kann ich einen anderen so unterstützen, dass er das auch wieder tun kann?

Wie profitieren Angehörige, die Verwandte pflegen, von einem Kinaesthetics-Kurs?

Die Philosophie, die dahinter steckt, ist: Nur wenn ich selber weiß, wie ich mich bewege, kann ich meinen Angehörigen unterstützen. Die Kursteilnehmer lernen zuerst untereinander, wie man jemanden vom Stuhl hochbringt oder wie man jemand vom Stuhl auf die Bettkante setzt - was sie mit ihren Angehörigen ja auch so machen. Es gibt einen theoretischen und einen praktischen Kursteil. In die zweite Hälfte kommen sie mit ihren Erfahrungen aus der Pflege und wir lernen dann weiter.

Und was haben die Patienten davon?

Die Patienten profitieren auf alle Fälle, weil die Pflege schmerzarmer und schonender vonstatten geht. Hauptaufgabe des Kurses ist es, zu lernen, wie ich das Gewicht einer Person von A nach B bringe. Da schaut man darauf, wie man es gestaltet, dass man in der Pflege mehr bewegt und nicht so viel hebt.

In einem AOVE-Flyer zu den Kursen heißt es, dass Pflegebedürftige länger selbstständig sind. Wie gelingt das?

Das große Ziel ist: Das, was er kann, zu erhalten. Es ist auch für pflegende Angehörige wichtig, den zu Pflegenden nicht immer alles abnehmen zu wollen, sondern diese Selbstständigkeit zu erhalten. Nur, wenn es nicht mehr geht, kann ich mich fragen, wie ich jetzt bedarfsgerecht unterstütze.

Spielt die geistige Fitness überhaupt noch eine Rolle?

Das kommt ganz auf die Ressourcen des Betreffenden an.

Jemand ist dement und vergisst zum Beispiel, wie er sich die Zähne putzt. Auch wenn er es körperlich noch könnte - was macht der Pflegende dann?

Solche Fälle schaut man auch im Kurs an: Wie kann ich unterstützen, dass er den Mund noch findet, wobei ich die Bewegung führe und begleite, aber nicht gleich komplett übernehme. Oder auch beim Essen geben: Dass man schaut, ob Fingerfood vielleicht eine Alternative wäre, bevor ich füttere: zum Beispiel Fischstäbchen oder Wienerl, die er anfassen und dann zum Mund führen kann. Das funktioniert oft noch länger als das Essen mit Messer und Gabel.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie es gelingt, dass Angehörige zum Beispiel auf das Heben des Patienten verzichten können?

Ich habe eine Angehörige im Kurs, die Grund- und Aufbaukurs besucht hat. Sie pflegt ihre Mutter jetzt schon sieben Jahre. Sie sagt, ihr sei es so wichtig, die Kurse zu besuchen, sonst hätte sie die sieben Jahre nicht geschafft. Sie schaut, dass ihre Mutter immer die Beine auf dem Boden hat und damit Gewicht übernehmen kann. Dabei muss man die Höhen von Bett und Rollstuhl angleichen. Ihre Erfahrungen gibt sie an andere Kursteilnehmer weiter, die davon auch wieder profitieren.

Absolvieren auch Mitarbeiter von Pflegediensten, Seniorenheimen oder Krankenhäusern diese Kurse?

Es gibt verschiedene Schulungsmodelle und -module. Am Klinikum St. Marien in Amberg, wo ich arbeite, ist fast jeder in Kinaesthetics geschult. Kerstin Wittmann, die Pflegedirektorin, steht da enorm dahinter.

Wie kamen Sie überhaupt auf Kinaesthetics?

Ich war einmal auf einer Fortbildung und habe dort gesehen, wie jemand ganz leicht einen Patienten kopfwärts bewegt hat - also vom Bettende nach oben gebracht. Und das hat mich so fasziniert, dass ich darüber mehr erleben und erfahren wollte. Kinaesthetics war in Deutschland zuerst wenig verbreitet. Ich habe meine Ausbildung noch in der Schweiz begonnen. Mittlerweile hat sich das Programm in Deutschland stark etabliert und ist nicht mehr von der Pflege wegzudenken.

Kinaesthetics-KurseKinaesthetics ist in Wissenschaft und Medizin etabliert "und aus der Pflege nicht mehr wegzudenken", sagt Trainerin Margarete Hirsch. Die Kurskosten übernimmt die Barmer GEK. Die Gebühr rechnet Barmer mit den verschiedenen Versicherungen der Kursbesucher ab. Die Teilnehmer müssen lediglich 25 Euro für Materialien selbst bezahlen. Kinaesthetics-Trainerin Hirsch bietet Grund-, Aufbau- sowie Auffrischungskurse im Gebiet der AOVE (Arbeitsgemeinschaft Obere Vils-Ehenbach) an, manchmal auch in Amberg. (esa)

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Weitere Informationen zu den Kursen der AOVE: www.altwerdenzuhause.de

Weitere Termine zu Kinaesthetics-Kursen in Deutschland gibt es auf der Internetseite:

www.wir-pflegen-zuhause.de
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