Kurz vor 18. Geburtstag querschnittsgelähmt
Wie Rollstuhlfahrer Jürgen Weiß (36) seinen Alltag meistert

Seit 18 Jahren arbeitet Jürgen Weiß in der Gemeindeverwaltung in Hahnbach. Er sitzt im Ordnungsamt, passenderweise im Erdgeschoss, "das war da schon immer". Normalerweise ist in der Gemeinde bekannt, dass der 36-Jährige auf den Rollstuhl angewiesen ist. Wenn neue Bürger zu ihm ins Büro kommen, entdecken sie nach einem längeren Gespräch das Hilfsmittel oft erst, wenn er sich rückwärts rollen lässt, um etwas aus dem Drucker zu holen. Dann erntet der Verwaltungsfachangestellte erstaunte Blicke. Leiden und tra
Vermischtes
Hahnbach
23.04.2016
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Er hatte ein Nikolausgedicht abgegeben und wollte weiter zu einem Kumpel. Das Moped knatterte über die Gemeindeverbindungsstraße von Iber nach Süß. Dann: Filmriss. Mehr weiß Jürgen Weiß nicht mehr vom Tag, der sein Leben grundlegend veränderte. Am 30. November 1997 verunglückte der Hahnbacher. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Ein Leben, gefesselt an einen Stuhl auf Rädern: So erschreckend diese Behinderung für Gesunde klingt, so unaufgeregt erzählt Jürgen Weiß aus der Vergangenheit.

Gerade noch hängt er allerdings im Alltag: Der Schreibtisch in der Gemeindeverwaltung Hahnbach war an diesem Mittwochnachmittag aufgeräumt. Für Kunden hatte die Behörde gerade ohnehin nicht geöffnet. Trotz des geschlossenen Fensters dringen Geräusche einer Säge von draußen in die Amtsstube. Gegenüber wird ein Haus renoviert.

Rückenwirbel verschoben


"Na ja", sagt der 36-Jährige langsam und lächelt ein wenig, "ich bin halt in einer Kurve von der Fahrbahn abgekommen." Kein Wort der Wut, keine Trauer, kein Blick auf das, was gewesen wäre, wenn. Fast schon emotionslos erzählt er weiter. Der Unfall passierte sechs Tage vor seinem 18. Geburtstag. Bei dem Sturz verschob sich ein Rückenwirbel. Nach Krankenhaus und Reha kam er nach etwas über einem Vierteljahr wieder nach Hause. "Das war rekordverdächtig schnell", sagt er und freut sich darüber heute noch. Er ist ein Mann, so scheint es, für den das berühmte Wasserglas immer halbvoll ist. "Ich habe viele gesehen, denen es schlechter ging als mir", beschreibt er seine Gefühle von damals, "Menschen, die zum Teil vom Hals abwärts gelähmt waren."

Zu Hause wurden sein Zimmer kurzerhand nach unten verlegt und einige barrierefreie Umbauten vorgenommen. "In der Klinik kriegt man die Grundlagen vermittelt, wie man mit dem Rollstuhl trainieren kann, was man macht, wenn man umkippt oder rausfällt, wie man auf unterschiedlichen Untergründen fährt." Im Laufe der Zeit bekommt Jürgen Weiß ein Auge dafür, wohin er fahren muss, um Barrieren zu umgehen. "Der direkte Weg ist oft nicht der schnellste."

Im September 1998 begann er eine neue Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten. In seinem ursprünglichen Lehrberuf Zimmerer konnte er nicht mehr arbeiten. Es gab am Anfang so vieles, was nicht mehr so war wie früher. "Da will man das so machen wie immer, also einfach aus dem Auto aussteigen. Und dann fliegt man auf die Fresse." Drei bis vier Jahre dauere es, meint Jürgen Weiß, "bis es läuft, bis sich der Körper gefunden hat". Vom Geld, das er von der Unfallversicherung bekam, baute er sich mit 21 Jahren ein eigenes Haus. "Das wollte ich sowieso machen." Den anderen Plänen, Meisterprüfung und sich als Zeitsoldat bei der Bundeswehr zu verpflichten, trauert er heute nicht mehr nach.

Seine Ziele sind mittlerweile ganz andere: "Tokio. In vier Jahren." 2020 finden in Japan die Paralympischen Sommerspiele statt. Als Sportschütze trainiert er fast jede freie Minute am Schießstand. Er kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner Leidenschaft und den Trainingsmöglichkeiten erzählt. Seinen Urlaub opfert der Hahnbacher gerne für Camps und Wettkämpfe. Sein Leben als Sportler ist mit Erfolgen gepflastert. Bei der Sportlerwahl des Jahres unserer Zeitung gewann er jeweils mit der Mannschaft des Rollstuhlsportclubs Amberg nach den Aufstieg von der Bayernliga in die Oberliga und von der Oberliga in die Regionalliga. Hier siegte das Team bereits dreimal. Zweimal wurde Jürgen Weiß im Landkreis Amberg-Sulzbach zum Sportler des Jahres gewählt.

Sport: Gelebte Inklusion


Er nahm bereits an zwei Weltmeisterschaften und mehreren Welt-Cups mit Finaleinzug teil und erlangte diverse Platzierungen auf dem Treppchen bei Deutschen Meisterschaften. Auch wenn sein Herz dem Schießsport gehört, als Vorsitzender beim Rollstuhlsportclub spielt er auch Basketball. An Integration verschwendet der 36-Jährige kaum einen Gedanken. "Bei uns im Sport wird Inklusion gelebt." Und Jürgen Weiß lebt mit seiner Lähmung. Er macht offensichtlich das Beste draus. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er ehemalige Arbeitskollegen auf einer Baustelle arbeiten. In Gedanken ist er längst in Tokio.
Da will man das so machen wie immer, also einfach aus dem Auto aussteigen. Und dann fliegt man auf die Fresse.Jürgen Weiß über seine ersten Jahre im Rollstuhl


Die SerieMenschen wie wir

Amberg. (roa) Nach den Reportagen über Sabine Gatti, die gehörlose Verkäuferin (AZ, 6. Februar), und die an Depressionen und Angststörungen erkrankte Claudia Schlögl (AZ, 1. April) steht heute Rollstuhlfahrer Jürgen Weiß im Mittelpunkt der Serie. In Zusammenarbeit mit dem Projekt Wundernetz, das sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, reden wir nicht über Menschen mit Behinderungen, sondern mit ihnen.

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/themen/wundernetz
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