Ausstellung in Hirschau
Der Steingutkünstler Siegfried Möller

Das Teeservice "Kugel" wurde 1924 in der "Schaulade" abgebildet und für einige Jahre in großen Mengen produziert. Es war prägend für das Produkt-Erscheinungsbild der Firma.
Kultur
Hirschau
28.10.2016
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Der Nürnberger Kurator und Sammler Michael Popp zeigt stolz die seltenen Exponate. Bild: ske
 
Vase mit typischem floralem Möller-Dekor. Repros: ske (3)

Noch bis 27. November wird, nach erfolgreichen Ausstellungen in den vergangenen Jahren, erneut an die traditionsreiche Steingutproduktion in Hirschau erinnert. Der Nürnberger Michael Popp präsentiert Arbeiten des norddeutschen Keramikkünstlers Siegfried Möller, die dieser zwischen 1923 und 1926 für die Steingutfabrik entwarf.

Michael Popp ist Nachkomme der Familie Dorfner, die jahrzehntelang in Hirschau Steingutkrüge produzierte und damit Käufer in aller Welt belieferte. 1826 erteilte die Regierung des Regenkreises die Konzession für den Betrieb einer Steingutfabrik, die Heinrich Waffler und die Brüder Karl Martin und Josef Konstantin Dorfner erbauten. 1894 errichtete die jüngere Generation 300 Meter südlich der Stadt eine neue Steingut- und Porzellanfabrik, die 1918 an den Konzern E. & C. Carstens verkauft wurden und 1956 Konkurs anmelden musste.

Jetzt präsentiert der ehemalige Kunsterzieher Michael Popp gemeinsam mit dem Festspielverein Hirschau Exponate aus einem Zufallsfund und aus Privatbesitz einiger Hirschauer Sammler-Familien, die es verdient hätten, auch in großen Galerien gezeigt, einem breiten Publikum vorgestellt zu werden. Zur Ausstellung gibt es einen reich bebilderten Ausstellungskatalog, der die Arbeit von Siegfried Möller erklärt und vorstellt.

Umworbener Keramiker


Siegfried Möller (1896 bis 1970) war Bildhauer, Keramiker und Hochschullehrer. Er gilt als einer der vielseitigsten Keramiker des 20. Jahrhunderts. Sein Studium absolvierte er an der Kunst- und Gelehrtenschule in Altona. Ab 1926 war er zunächst künstlerischer Leiter eines Werkes der Hirschauer Steingutfabriken C. & E. Carstens, von 1926 bis 1927 künstlerischer Leiter der Rheinsberger Keramik, einer Unterabteilung der Rheinsberger Keramikfabrik C. & E. Carstens. Zwischen 1923 und 1935 wurde Möller von fünf verschiedenen Steingutfabriken beauftragt, kunstkeramische Werkstätten aufzubauen. 1936 wurde er Lehrer an der Nordischen Kunsthochschule Bremen. Nach 1945 war Möller für die Keramik-Manufaktur Kupfermühle (KMK) tätig, schuf hier 1955 einen seiner bekanntesten Entwürfe, das Service "Siena", das bis 1970 im Handel war.

In der Kulturmälzerei beim alten Pflegschloss in Hirschau werden jetzt zahlreiche Möller-Entwürfe für die Hirschauer Steingutfabrik gezeigt.

Die beiden Unternehmer Christian Carstens Senior und Junior verpflichteten immer wieder junge Künstler, um die Produktpalette ihrer Steingutfabriken stets auf dem aktuellen Stand zu halten. 1923 wurde Siegfried Möller aus Hamburg beauftragt, in Hirschau eine Kunstkeramik-Abteilung aufzubauen und zu leiten.

Es war ein glücklicher Umstand, dass die Ausstellung möglich wurde. Im Januar 2015 erhielt Michael Popp einen Anruf aus Hirschau. In einem lange unbewohnten Haus, das jetzt saniert werden sollte, waren einige Stücke mit Hirschauer Keramik entdeckt worden. Popp fuhr nach Hirschau und war überwältigt, als er 140 Keramikteile aus der Zeit zwischen 1900 und 1932 vorfand. Michael Popp: "In diesem Haus muss einst ein Mitarbeiter der Steingutfabrik gewohnt haben, der auch Zugang zum Musterzimmer des Unternehmens gehabt hatte."

Unter den aufgefundenen Stücken befand sich ein fast vollständiges Möller-Teeservice mit einem seltenen Dekor, das 1924 in der Fachzeitschrift "Schaulade" vorgestellt worden war. Bernhard Siepen, in den zwanziger Jahren Mitherausgeber und Autor der Fachzeitschrift "Kunst und Kunstgewerbe", schrieb einst über das Service: "Form und Malerei klingen so schön zusammen, dass es zu einer geradezu anheimelnden Wirkung kommt."

Müllers stilistische Sprache entwickelte sich während seiner Jahre in Hirschau vom Jugendstil zur "Neuen Sachlichkeit". Merkmale des Jugendstils sind klare, fließende Umrisslinien, dekorativ geschwungene Linien und florale Elemente. Die "neue Sachlichkeit" hingegen ist gekennzeichnet durch Funktionalität und Schlichtheit der Formen.

Siegfried Möller bereicherte die Produktpalette der Hirschauer Fabrik, fand für die typischen roten Scherben künstlerisch reizvolle Dekore. Das Rot blieb mitunter sichtbar, wurde aber durch helle Farbtöne aufgehellt oder getrübt.

Reliefierter Wandteller


Eine weitere Sensation war die Entdeckung eines reliefierten Wandtellers, der bislang nur aus kleinen Abbildungen bekannt war. Der Teller zeigt den heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt. Die Möller zuzuordnenden Teile im leeren Haus gaben den Anstoß, eine eigene Ausstellung auf die Beine zu stellen. Zum Fund kamen für die Präsentation zahlreiche weitere Möller-Arbeiten, die sich im Besitz einiger Hirschauer Familien befinden.

Die Ausstellung in Hirschau umfasst Exponate, die das umfangreiche Werk Möllers zeigen und erstmals nachhaltig erforschen. Der Keramiker und Bildhauer Otto Lindig urteilte über Siegfried Möller: "Er gilt als einer der besten Keramiker Deutschlands." Die Besonderheit von Möllers Werk liegt darin, betont Michael Popp, "dass er einer der ersten jungen Designer war, die Unternehmer Carstens 1923 nach Hirschau holte, um die Produktpalette zu modernisieren, um also frischen Wind ins Unternehmen zu bringen." Möller lehnte sich in seinen ersten Schaffensjahren stakt an die Stilentwicklung der "Wiener Werkstätte" an. Als einer der ersten führte er diese Formensprache in Deutschland ein. Michael Popp: "Möller leistete Pionierarbeit zu Beginn der Neuen Sachlichkeit".

Eine Renaissance


Nachdem Möller einige Jahrzehnte lang aus den Köpfen der Fachwelt verschwunden war, erlebt sein Werk seit 2003 eine Renaissance. 2003 und 2012 waren seinem Werk Ausstellungen in Kellinghusen und Fürstenberg gewidmet. Jetzt wird mit der Präsentation in Hirschau ein weiterer Baustein zur Erinnerung gelegt. Michael Popp: "Wir alle hoffen, dass die Hirschauer Bürger sich auf ihren Dachböden und in ihren Kellern auf die Suche nach weiteren Möller-Arbeiten machen." Vielleicht ist ja dann in einigen Jahren eine noch umfangreichere Ausstellung mit überraschenden Exponaten zu sehen.

ServiceAusstellung: "Siegfried Möller" bis 27. November.

Ort: "Kultur-Mälzerei" neben dem alten Pflegschloss in Hirschau

Öffnungszeiten: Sonntag 15 bis 17.30 Uhr und auf Anfrage, Führungen jeweils am Sonntag um 15.15 Uhr

Katalog für 15 Euro im Zeitschriftenhandel in der Hirschauer Innenstadt sowie im Rathaus erhältlich

Info-E-Mail: m.popp@popp-und-partner.de
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