Während in den USA
Eine Gnade der Geschichte

Der Festredner Dieter Döhla war 1989 Oberbürgermeister der damaligen Grenzstadt Hof. Bild: waj
Lokales
Hirschau
09.10.2015
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das gesamte Land am Nationalfeiertag eine kollektive Party feiert mit großen Paraden, Barbecues und Feuerwerken, scheinen sich die Deutschen immer noch ein wenig schwer zu tun, für ihren Tag der deutschen Einheit ein echtes Konzept zu finden. Heraus kommt meist irgendetwas zwischen steifem Staatsakt und lockerem Volksfest.

(waj) Eine Ausnahme im Landkreis bildete die Stadt Hirschau. Hier bot man der Bevölkerung ein tagesfüllendes Programm rund um das 25. Jubiläum der Einheit. Nach einem ökumenischen Gottesdienst mit dem katholischem Geistlichen Josef Irlbacher und dem evangelischen Pastor Roman Breitwieser, der von der Hirschauer Jugendschola unter Leitung von Gertrud Siegert umrahmt wurde, gab es im Josefshaus einen Festakt. Bürgermeister Hermann Falk begrüßte die Gäste mit einem Zitat von Helmut Kohl anlässlich des Mauerfalls: "Für mich ist dieser Augenblick einer der glücklichsten in meinem Leben" - damit habe der damalige Bundeskanzler 1989 wohl das Gefühl der meisten Deutschen getroffen. Natürlich sei die erste Euphorie in den Folgejahren abgeebbt, als die Kosten klar geworden seien und unterschiedliche Lebenserfahrungen das Wir-Gefühl beeinträchtigt hätten. Doch Deutschland sei weltoffener und hilfsbereiter geworden - und damit in der Lage, auch die aktuellen Herausforderungen zu meistern, "wenn heute Leute zu uns kommen, die unsere Solidarität brauchen".

Die Kraft und Solidarität, die Deutsche in Ost und West einst aufgebracht hatten, rief ein Mann der ersten Stunde noch einmal in Erinnerung: Dieter Döhla war damals Oberbürgermeister der Stadt Hof nahe der damaligen ostdeutschen Grenze. Der Festredner skizzierte sehr lebendig seine Erlebnisse bei der Grenzöffnung: "Es war eine dramatische Zeit - aber auch eine Gnade der Geschichte, wenn man sie miterleben durfte", schilderte er. Er erinnerte sich, als am 1. Oktober 1989 die ersten Züge mit ostdeutschen Flüchtlingen aus der Prager Botschaft nach Hof kamen: "Wir hatten schließlich kein Handbuch ,Wiedervereinigung'; wir standen da erstmal schon ziemlich hilflos da." Aber er hatte nicht mit der Hofer Bevölkerung gerechnet: "Innerhalb kürzester Zeit war der Bahnhof voll mit Menschen, die Kleidung, Decken und Spielzeug brachten - ohne einen Aufruf unsererseits." Am ersten Tag seien rund 5500 DDR-Flüchtlinge in Hof eingetroffen, in den folgenden Wochen ein Vielfaches mehr. Eine Riesenherausforderung für das kleine Hof. Die Solidarität und das Wir-Gefühl hätten überwogen. "Am Ende zählten wir in den ersten Wochen rund 2,5 Millionen Besucher und zahlten etwa 91 Millionen Mark Begrüßungsgeld aus - eine unglaubliche logistische Leistung", resümierte er.

Im Anschluss an den Festakt, der von der Gruppe Vox Aeterna unter Leitung von Lisa-Marie Holzschuh musikalisch sehr passend unter anderem mit dem Lied "Freiheit" von Marius Müller-Westernhagen und der Bayern- und Deutschlandhymne umrahmt wurde, ging es weiter mit dem nachmittäglichen Festtreiben im Garten des Josefshauses.
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