Zeichen einer mörderischen Katastrophe

Festgefahren: Die Bundeswehr probte die Effizienz ihrer Sperranlagen.
Lokales
Hirschau
10.10.2014
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Alles andere als eine gewöhnliche Kreisstraße: Diese Kurve zwischen Hirschau und Ehenfeld hat es in sich - drei Röhrensperranlagen, die im Falle eines Dritten Weltkrieges Panzer stoppen sollten. Die Röhren verlaufen im 45-Grad-Winkel zur Fahrbahn unter dem Damm hindurch. Bilder: upl (4)

Der Kalte Krieg ist kaum mehr greifbar. Doch 25 Jahre nach seinem Ende finden sich bei Hirschau noch immer Relikte. Wer sich mit ihrem Zweck beschäftigt, dem läuft ein eiskalter Schauer über den Rücken.

Die Detonation hätte noch die Menschen im 15 Kilometer entfernten Amberg aus dem Schlaf gerissen. Der Krach, den die Explosion von drei Tonnen Sprengstoff bei Hirschau verursacht hätte, wäre allerdings nur ein leichtes Husten gewesen, im Vergleich zu dem Bombendröhnen, das die Region bei einem Angriff der Truppen des Warschauer Paktes heimgesucht hätte. An der Kreisstraße zwischen Hirschau und Ehenfeld ist die schier unvorstellbare Katastrophe eines Dritten Weltkrieges 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wenigstens ansatzweise, aber immer noch greifbar.

Schräg zur Fahrbahn

In den 1987 aufgeschütteten Straßendamm am sogenannten Lothosweiher hat die Bundeswehr im 45-Grad-Winkel zur Fahrbahn drei sogenannte Röhrensperren einbauen lassen. Für den Fall, dass russische oder tschechoslowakische Panzer Richtung Westen vorrückten, sollten die Röhren mit jeweils einer Tonne Sprengstoff gefüllt und in die Luft gejagt werden. "Die Detonation hätte schräg zur Fahrbahn drei Gräben mit bis zu vier Metern Tiefe in den Boden gerissen", erklärt Stabsfeldwebel Andreas Götz aus der Kümmersbrucker Schweppermann-Kaserne. Er ist einer der letzten drei Wallmeister bei der Bundeswehr. Ihre Aufgabe ist es, die wenigen nach der Wende verbliebenen Sperranlagen zu betreuen. Etwa 2000 waren es einmal in Bayern, 53 davon im Landkreis Amberg-Sulzbach. Der Verteidigungsfall war akribisch genau vorbereitet. "Wenn es ernst geworden wäre, wären vermutlich die Panzerpioniere aus Amberg losgeschickt worden, um diese Straße unpassierbar zu machen", berichtet Götz. Dem Zugführer wäre das sogenannte Sprengheft ausgehändigt worden, ein in deutsch, englisch und französisch verfasstes Dokument, das alle relevanten Hinweise für die Sprengung enthielt - inklusive Schlüssel für den Munitionsbunker. Der Sprengstoff lagerte im Bundeswehr-Depot in Atzlricht bei Amberg. Etwa 30 Soldaten wären damit beschäftigt gewesen, die Schächte mit den explosiven Ladungen zu befüllen. Nach etwa drei Stunden hätte der Zugführer dann den Befehl zum Zünden gegeben.

Streng geheim

Ob die Gräben den Vormarsch der feindlichen Truppen aufgehalten hätten? "Für sich genommen sicher nicht", erklärt Götz. "Aber als Ganzes gesehen, hätten sie das Vorankommen zumindest erheblich erschwert." Die Bundeswehr hatte die Sperrwirkung solcher Anlagen erprobt. Verliefen die Rinnen schräg zur Fortbewegungsrichtung, hätten sich Panzer entweder festgefahren oder wären gekippt. Damit die Sperre nicht umfahren werden konnte, sollte die nähere Umgebung zusätzlich vermint werden.

"Wir wussten nie so genau, für was diese Betonschächte gut sein sollen", sagt ein Mann aus Massenricht. "Wir haben damals gedacht, das wären Kanalrohre, falls der Weiher mal überläuft." Teure "Abflüsse" - das Verteidigungsministerium ließ sich allein diese eine Sperranlage damals 167 000 D-Mark kosten. Die Bevölkerung sollte über den Einbau und die Wirkungsweise nichts mitbekommen. "Der Feind allerdings schon", hat Kreisheimatpfleger Mathias Conrad recherchiert. "Auch das weit verzweigte Netz der Sperrbauten war Teil der Abschreckung. Der Warschauer Pakt sollte einen Einmarsch erst gar nicht in Erwägung ziehen."


Auf Conrads Initiative hin hat das Landesamt für Denkmalpflege die Röhrensprenganlagen bei Hirschau in die Denkmalliste aufgenommen. "Auf diese Weise wollen wir vor Augen führen, wie real die Bedrohung damals war." Für ihn geht es nicht nur um Dokumentation von Geschichte, sondern auch um Friedensarbeit. "Wenn man hier steht und mitbekommt, was damals alles hätte passieren können, dann muss man dankbar für jeden Tag Frieden sein."

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