Die Frau, die Stimmen sieht
Gehörlose arbeitet als Verkäuferin

Chefin und Angestellte: Sabine Gatti (rechts) hört kaum etwas und arbeitet trotzdem als Verkäuferin im Rewe-Markt in Hirschau. Filialleiterin Petra Fischer war zu Beginn skeptisch, das änderte sich aber.
Vermischtes
Hirschau
05.02.2016
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Gehörlose konzentrieren sich viel besser auf ihre Arbeit und lassen sich nicht so leicht ablenken.
 
Die Rewe-Stammkunden kennen Verkäuferin Sabine Gatti und wissen, dass sie von ihren Lippen liest. Die gebürtige Österreicherin ist gehörlos, seit sie im Alter von drei Jahren an einer Hirnhautentzündung erkrankte. Bilder: Steinbacher (2)

Ein Interview mit einer Gehörlosen könnte eine Herausforderung sein. "Sie müssen einfach langsam sprechen", sagt Sabine Gatti und blickt konzentriert auf den Mund, als sei Lippenlesen das Normalste der Welt. So etwas nennt man Entschleunigung auf Knopfdruck. Okay, stopp, noch mal von vorne und diesmal: ganz langsam.

Es ist kalt im Aufenthaltsraum des Rewe-Supermarktes in Hirschau, obwohl die Heizung läuft. Es gibt eine Kochnische und eine Pinnwand. Im Regal liegen Etiketten und andere undefinierbare Gegenstände. Ganz oben stapeln sich kleine Schultüten mit dem Aufdruck "Frozen" bis unter die Decke. Gefroren? So schlimm ist es dann doch nicht. Die Heizung läuft schon.

Fast komplett taub


Verkäuferin Sabine Gatti (46) und Filialleiterin Petra Fischer bringen noch mehr Wärme mit. Gatti setzt sich ganz bewusst zur Linken ihres Gesprächspartners. Es ist das rechte Ohr, das noch ein wenig funktioniert, zu 15 Prozent, um genau zu sein. Das andere ist komplett taub. Und genau deswegen ist es ein Wunder, wie sie hört und spricht, ohne eigentlich etwas zu hören. Das meiste liest sie ihrem Gegenüber von den Lippen. Seit über einem Jahr arbeitet Sabine Gatti als Verkäuferin im Rewe-Markt in Hirschau. Seit sie drei Jahre alt ist, ist sie gehörlos. Wie geht das? Wie kann jemand in einem Supermarkt arbeiten, der eigentlich kaum etwas hört, was um ihn herum passiert? "Das geht ziemlich gut", sagt Gatti und meint vor allem ihre Erfahrung in der Branche. Die gebürtige Österreicherin zog es erst 2013 der Liebe wegen nach Bayern. Mit ihrem Lebensgefährten wohnt sie in Hahnbach. Im Juni 2014 absolvierte sie ein Praktikum beim Rewe-Markt in Hirschau. 13 Bewerbungen hatte sie bis dahin verfasst. "Ich habe immer auf die erste Seite dazugeschrieben, dass ich gehörlos bin", erzählt Sabine Gatti, "das hätte ich nicht tun sollen". Sie erntete ausschließlich Absagen, bis sie vom Arbeitsamt den Tipp erhielt, einen Kurs am Beruflichen Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft zu belegen. Dieser beinhaltete auch verschiedene Praktika. "Natürlich habe ich im ersten Moment gedacht: Oh Gott, das wird was werden", gibt die Filialleiterin unumwunden zu, als die Anfrage der Gehörlosen kam. "Ich hatte Bedenken." Wovor? "Natürlich, ob das mit der Verständigung klappt. Oder wenn die Kundschaft was braucht. Oder wenn wir knapp besetzt sind oder das Leergut klingelt."

Vielleicht mit Button


Es klappte ganz hervorragend. Sabine Gatti machte ihre Sache so gut, dass sie prompt eine feste Anstellung als Verkäuferin erhielt. "Ich habe zu unserem Bezirksleiter gesagt, es wäre ein Fehler, sie nicht einzustellen", meint Fischer. Im Prinzip ist Sabine Gatti genau das, was Arbeitgeber brauchen: eine Frau mit einschlägiger Berufserfahrung. Bereits in Österreich hatte sie nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Gold- und Perlenstickerin und einer Elternzeit 20 Jahre in einer Spar-Filiale gearbeitet. Sie hatte "nie Probleme" mit Kollegen. Seltsame Kommentare kamen dagegen von Kunden: "Am Anfang gab es böse Aussagen, teilweise Äußerungen unter der Gürtellinie", ist die Filialleiterin heute noch schockiert. "Was wollt ihr mit der Tauben?", war ein Satz, den sie nicht vergessen werde. Den Stammgästen sei die Behinderung von Sabine Gatti mittlerweile ein Begriff. Sie sprechen sie direkt an, wenn sie Hilfe benötigen. Für alle anderen könnte ein Aushang oder ein Button hilfreich sein - "aber wir überlegen noch, was das Beste wäre", sagt die Filialleiterin.

Ich habe zu meinem Bezirksleiter gesagt, wenn wir sie nicht einstellen, ist das ein Fehler.Filialleiterin Petra Fischer


Sabine Gatti bekam mit drei Jahren eine Hirnhautentzündung, die sie taub und stumm werden ließ. Erst im Alter von sieben Jahren lernte sie mit Hilfe von Sprachstunden, Wörter zu bilden. Heute formuliert sie ihre Sätze zwar langsam, aber völlig verständlich. Für die zweifache Mutter und dreifache Oma ist die Beeinträchtigung ihrer Sinne kein Problem. "Das Einzige, was mir fehlt, ist die Musik", sagt sie, "die höre ich leider gar nicht richtig".

Im Wundernetz, ein Projekt der Lebenshilfe, sind Erfolgsgeschichten wie diese natürlich eine Wohltat. Das Wundernetz besteht aus sieben Partnern, darunter die Katholische und Evangelische Erwachsenenbildung, die Volkshochschulen, OTH und OTV. Mit jedem Bündnispartner wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, an der Menschen mit Behinderung teilnehmen. Hermine Meier ist Leiterin einer dieser Gruppen und selbst hörgeschädigt. Sie kennt nur ein weiteres Beispiel aus Hamburg, wo ein Gehörloser als Verkäufer arbeitet. "Das finde ich sehr mutig." Der Mann trage ein Leibchen mit der Aufschrift "Ich bin gehörlos". Ihrer Meinung nach gebe es nur wenige Hörgeschädigte, die als Verkäufer arbeiten und auch arbeiten wollen. "Das liegt einfach daran, dass es mit der Kommunikation vonseiten der Kunden nicht klappt. Mundbild ist immer ganz wichtig." Meier hat sich auch bei Firmen umgehört. Die Barrieren in den Köpfen der Chefs, wenn es darum geht, Behinderte einzustellen, sind "sehr unterschiedlich, von aufgeschlossen bis ablehnend". Manche befürchten Nachteile, bedingt durch höhere Krankheits- und Fehlzeiten. Andere hätten gute Erfahrungen durch Mitarbeiter mit Handicap gemacht. Sie seien oftmals sehr zuverlässig. "Die Gehörlosen konzentrieren sich viel besser auf die Arbeit und lassen sich nicht so leicht ablenken", ist Meier überzeugt.

Störungen gehören dazu


Ein wenig neidisch ist die Vorgesetzte der gehörlosen Sabine Gatti besonders dann, wenn sie die Frau beobachtet: "Sie kann wenigstens über der Arbeit bleiben." Für die anderen der insgesamt 18 Bediensteten sind Störungen im Rewe-Markt in Hirschau Alltag und gehören halt auch irgendwie zum Job. Nur die Kasse besetzt Gatti, die Frau, die Stimmen sieht, nicht. "Man sollte wirklich offener mit Behinderungen umgehen", wiederholt Filialleiterin Petra Fischer noch einmal und nimmt sich selbst als Beispiel: "Frau Gatti ist die erste behinderte Mitarbeiterin, der ich seit Beginn meiner Karriere begegnet bin." Das Verhältnis ist von einer freundschaftlichen Wärme geprägt. Ob die Heizung im Aufenthaltsraum ihren Job macht, ist mittlerweile bedeutungslos geworden.

Schwerbehinderte und das ArbeitsamtBeim Arbeitsamt wird in der Statistik nicht nach Art der Behinderung unterschieden. Ganz allgemein jedoch haben Schwerbehinderte vom Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt "überdurchschnittlich profitiert", sagt Reinhold Dauerer, Sprecher der Arbeitsagentur Schwandorf. Für den Bezirk Amberg belegen dies Zahlen: Waren 2014 noch 234 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet, so ging die Zahl im vergangenen Jahr auf 206 zurück.

"Das sind 11,4 Prozent weniger", so Dauerer. Zum Vergleich: Die Gesamtarbeitslosigkeit ging um 4,4 Prozent zurück. "Alleine der Grad der Behinderung sagt über die Leistungsfähigkeit nichts aus", ist Dauerer überzeugt. Gerade diese Personen "legen häufig ein hohes Maß an Motivation dar und sind wertvoll für die Betriebe". Die Arbeitsagentur stehe mit Rat und Tat zur Seite, unterstützt mit Bewerbungstipps, Seminaren, gewährt Eingliederungszuschüsse und bietet qualifizierende Maßnahmen an - "aber immer auf die Individuen zugeschnitten", betont Dauerer. (roa)
Gehörlose konzentrieren sich viel besser auf ihre Arbeit und lassen sich nicht so leicht ablenken.Hermine Meier, Arbeitsgruppen-Leiterin im Wundernetz
Fachkräfte werden händeringend gesucht. Und Behinderte haben wertvolles Potenzial.Reinhold Dauerer, Sprecher Arbeitsagentur Schwandorf
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