Die Geburtsstunde des Sports auf dem weißen Berg
Wie das Skifahren auf den Monte kam

Dieses Bild entstand oben auf dem Monte und zeigt, wie sehr das Sandskifahren bei der Hirschauer Jugend Anklang fand. Links Martin Götz, neben ihm Hans Dobmeyer, Dritter von rechts (mit Brille) dessen Bruder Josef. Bild: Archiv Dobmeyer
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Hirschau
04.11.2016
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Martin Götz braust in nicht ganz idealer Haltung den Monte hinunter. Die Aufnahme dürfte von der Eröffnung der ersten Hirschauer "Sommerskispiele" am 2. September 1956 stammen. Rechts hinten der 40-köpfige Fanfarenbläser-Trupp der Kolpingsfamilie, der dabei für Musik sorgte. 4000 Zuschauer wollten sich an diesem Tag das neuartige Spektakel nicht entgehen lassen. Repros: Strobl (2)
 
Dreimal Monte: hier circa 1957 mit Schanze und Sprungrichterturm ...
 
... hier auf einer Postkarte Ende der 50er Jahre bereits mit Schlepplift, Talstation und Sommerfrischlern ...
 
... und hier 2001 als weißer Riese, an dessen Fuß ein ganzes Freizeitzentrum liegt. Bilder: Sepp Strobl, hfz, ma

Sandskifahren auf dem Monte Kaolino ist heute so selbstverständlich, als hätte es das schon immer gegeben. Doch es mussten zwei Lebenswege zusammenfinden, um diesen Sport zu etablieren: der eines Kriegsveteranen aus dem Alpenkorps und der eines jungen Hirschauers, den dessen Idee in Euphorie versetzte.

Amberg/Hirschau. Martin Götz war kein gebürtiger Amberger. Seine Wiege stand 1888 in Unterpeißenberg bei Weilheim in Oberbayern. Die Eltern zogen später mit ihm nach Bodenmais, und als Martin Götz 1902 eine Lehre als Maschinenbauer begann, landete er in der Maschinenfabrik I. G. Kayser in Nürnberg. 1911 kam er als Maschinentechniker an die Amberger Luitpoldhütte.

Auf Skiern stand er zum ersten Mal als Zehnjähriger in Bodenmais. Diese Bretter wurden sein großes Hobby. Später probierte er das Skifahren auch in der Fränkischen Schweiz oder auf dem Amberger Erzberg. Mit diesen Voraussetzungen war der 26-jährige Soldat hervorragend geeignet für das im Mai 1915 gegründete Alpenkorps, wo er im 1. Königlich Bayerischen Schneeschuhbataillon Dienst tat.

Bei Verdun verwundet


Dessen Name klingt etwas idyllischer, als es seine Einsätze waren. Götz lag an Frontabschnitten in den Vogesen, in der Champagne, in Italien, Serbien und Griechenland. Seit Juni 1916 kämpfte er vor Verdun. Er wurde verwundet, aber vergleichsweise leicht, so dass er im Oktober 1916 seine Verlobte Marie Ketterl heiraten konnte. An die Ambergerin hatte Götz während seiner Militärzeit regelmäßig Briefe geschrieben, die vor einigen Jahren wieder auftauchten - als Zufallsfund im Sperrmüll. Einige Beschreibungen daraus zu den Erlebnissen von Götz in Verdun hat die AZ bereits veröffentlicht. Er überlebte den Krieg nach weiteren Einsätzen in den Karpaten, in Italien und in Lothringen.

Dem Bergsteigen und dem Skifahren blieb Martin Götz nach dem Krieg treu. Der Langlauf war seine große Stärke, aber auch beim alpinen Sport machte er mit. Als 1933/34 die Amberger Skivereinigung gegründet wurde, gehörte er zu den Männern der ersten Stunde, übernahm nach dem Kriegsausbruch sogar das Amt des Vorsitzenden.

Wie kam es aber, dass Martin Götz zum "Entdecker des Sommerskilaufs auf den Kaolinbergen der Oberpfalz" wurde? Angeblich begann alles mit einem Foto von einem Skifahrer auf Sanddünen. Das soll (laut einem AZ-Bericht von 1958 zum 70. Geburtstag von Götz) dem begeisterten Wintersportler wieder eingefallen sein, als er an den weißen Bergen bei Hirschau vorbeikam. Er wollte nun wissen, ob man auf dem Quarzsand Ski fahren konnte. Dafür brauchte er allerdings die Genehmigung von AKW-Direktor Wolfgang Droßbach, dessen Firma den Berg aufgetürmt hatte. Er bekam sie.

"Muss ein Blöder sein"


Von diesem Punkt an kann Hans Dobmeyer erzählen, wie es weiterging. Der heute 85-Jährige war damals ein junger Bursche und stand an einem heißen Sommertag 1956 in Hirschau mit Freunden auf dem Marktplatz, als Martin Götz erschien. "Der kommt da tatsächlich mit dem Rad und hat die Ski hingebunden." Staunen. Kopfschütteln. Ratlosigkeit.

Dobmeyer denkt: "Das muss doch ein Blöder sein." Doch irgendwie wirkt der alte Mann mit dem Steinklopferhut auch faszinierend, und Hans Dobmeyer ("ich hab als Junger doch immer selber jeden Blödsinn mitgemacht") will wissen, was er vorhat. Als Götz sich an eine Straßenecke setzt, geht er zu ihm hin, deutet auf die Ski und fragt: "Was machen Sie denn damit?" Antwort: "Ich darf's gar nicht sagen." Doch schließlich kann Götz es doch nicht für sich behalten: "Mir hat es der Herr Droßbach einmalig erlaubt, den Sandberg mit Skiern runterzufahren."

Diese Idee war den jungen Hirschauern offensichtlich noch nie gekommen, doch sofort fangen sie Feuer. "Ich rufe am Nachmittag gleich den Klaus Conrad an und sage ihm: Da fährt einer den Sandberg auf Skiern runter. Das müssen wir auch ausprobieren." Conrad ist sofort dabei, seine Schwester Christa ebenfalls; dazu Hans Dobmeyers Cousin Karl Leistl.

Weil es schon dunkel ist, schalten die Nachahmungstäter einen Autoscheinwerfer ein, um auf dem Berg was zu sehen. Beim Abfahren auf ihren Holzskiern empfinden sie es genauso wie Martin Götz: Das geht sogar super. Die Euphorie gebiert gleich die nächste Idee: Da machen wir einen Skiclub auf.

Doch hier bremsen die Amberger Kaolinwerke (AKW). Denen wäre es ja eigentlich wurst, ob da ein paar Verrückte auf ihren Brettern den Berg runterrutschen, aber sie bestehen darauf, dass nur das Amberger Bergamt die Erlaubnis dafür erteilen kann. Schließlich ist das für die Abraumhalden zuständig.

Widerstand im Bergamt


Also fährt Hans Dobmeyer mit dem Hirschauer Bürgermeister Lederer, den er für die Idee gewonnen hat, zum Bergamt. "Das kommt gar nicht infrage, das bleibt verboten", heißt es dort zunächst. Doch dann kommt ein Angestellter aus dem Nebenzimmer, hört ein paar Sätze mit und weist auf die Möglichkeit hin, dass man es genehmigen kann, wenn ein mit Leinen abgesperrtes Gebiet von der sonstigen Nutzung abgegrenzt wird. Die Verantwortlichen des Bergamtes lassen sich darauf ein, und sofort bläst Dobmeyer mit seinen begeisterten Kameraden zur Gründung eines Sandskiclubs. Die geht am 31. August im Café Dorfner über die Bühne.

Scherbelino der Pate


In dieser Zeit erhält der Monte auch seinen jetzigen Namen. Vorher sprechen die Hirschauer nur vom Sandberg und dem Abraumberg daneben. Hans Dobmeyers Bruder Josef hat aber eine pfiffige Idee, wie man dem weißen Riesen einen attraktiveren Namen verpassen kann. Er kennt aus Stuttgart den "Monte Scherbelino", den der Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg immer höher wachsen lässt. "Mensch, Monte Kaolino, das wär doch für uns das Richtige", schlägt er für die Oberpfalz ebenfalls eine südländisch klingende Bezeichnung vor. Dass der Berg fast kein Kaolin enthält, sondern nur Quarzsand - geschenkt, den neuen Namen finden alle gut.

Bloß das mit den Holzskiern auf dem Sand, das geht den jungen Leuten bald zu langsam. Sie machen eine Art Resopal-Belag auf die Bretter - flutscht gleich viel besser. Ein AKW-Ingenieur hat eine weitere Idee: PVC könnte noch mehr Geschwindigkeit bringen - tut es tatsächlich. Überhaupt haben die Amberger Kaolinwerke ihre anfängliche Reserviertheit gegenüber dem neuen Trendsport (würde man wohl heute sagen) rasch abgelegt. Direktor Droßbach ist allen Vorschlägen gegenüber sehr aufgeschlossen, gibt den Skiclub-Leuten die Seile, damit sie ihre Piste abgrenzen können. Wer runterfahren will, muss allerdings zuerst mühsam den Sandberg erklimmen, es geht in Serpentinen hin und her. Ganz schön schweißtreibend.

Also muss ein Lift her! Kein Problem, die AKW liefern. Droßbach lässt 1957 einen Schlepplift aufstellen. Zuerst ist das mehr oder weniger nur ein Maureraufzug, später bekommt er eine Holzspur, wird immer weiter verfeinert. "Eine kleine Schupfn zum Abstellen der Ski haben wir auch gehabt", erzählt Hans Dobmeyer. Bald kommen Umkleide- und Duschräume dazu. Warum nicht auch ein Freibad, Platz genug wäre ja? Droßbach muss entscheiden. Er hört sich an, wie man diesen Plan umsetzen kann. Hans Dobmeyer hat noch heute vor Augen, wie der AKW-Direktor daraufhin kurz überlegt und sich auf seinen Stock stützt, den er immer dabei hat. Schließlich spricht er das entscheidende Wort: "Gut, das machen wir dann so."

"Eine Sprungschanze kam auch ganz schnell", schmunzelt Dobmeyer, "ganz professionell, mit Sprungrichterturm." Droßbach lässt - wenn schon, denn schon - den bekannten Schanzenbauer Heini Klopfer anrücken, um die Konstruktion abzunehmen, auf der Sprünge um die 30 Meter möglich sind. Nach kaum zwei Jahren allerdings befindet Droßbach: "Die bauen wir wieder ab." Begründung: zu viele Stürze, zu gefährlich. Zuvor allerdings hat die Nationalmannschaft der Skispringer dort geübt, genauso wie die besten deutschen Damen und Herren aus dem Alpinbereich auf der Piste.

Als Kinder sind wir zum Zeitvertreib oft auf den Sandberg raufgeklettert. Aufs Skifahren wären wir aber nie gekommen. Ohne den Götz, wer weiß, vielleicht wäre da heute noch nichts.Hans Dobmeyer

Als sich die Hirschauer Besonderheit rumspricht, will jeder mal testen, wie das so ist mit den Skiern auf dem Sandberg. Zeitungen und Zeitschriften berichten über dem Spaß auf dem seltsamen Schnee-Ersatz, sogar amerikanische und russische, die Wochenschau dreht einen kurzen Beitrag, der im Kino läuft. Skimode-Unternehmer Willy Bogner (der Vater des bekannten Skiläufers) macht Werbebilder und eine Wintermodenschau auf dem weißen Berg. 1962 kommt eine Minigolfanlage dazu. Bald zieht es jedes Jahr Tausende Besucher an den Monte. "Das ist märchenhaft losgegangen", blickt Hans Dobmeyer immer noch mit funkelnden Augen auf die Anfangsjahre zurück. "Da standen die Leute an, weil es was ganz Besonderes war." Erst um 22 Uhr wurde im Sommer das Gelände abgesperrt.

Vom Spleen zur Attraktion


Innerhalb weniger Jahre war aus dem Abfallberg der Kaolinindustrie ein attraktiver Freizeitpark geworden - und alles nur, weil ein nicht mehr ganz junger Amberger eine spleenige Idee nicht aus dem Kopf bekam und testen wollte, ob sie umsetzbar ist. "Als Kinder sind wir zum Zeitvertreib oft auf den Sandberg raufgeklettert", erzählt Hans Dobmeyer. "Aufs Skifahren wären wir aber nie gekommen. Ohne den Götz, wer weiß, vielleicht wäre da heute noch nichts."

Die Wochenschauberichte zu Hirschau






Wann war die erste Sandski-Fahrt?Unklarheiten gibt es um die Frage, wann genau Martin Götz das erste Mal den Monte mit Skiern befuhr. Nach der Erinnerung vom Hans Dobmeyer war seine Begegnung mit Götz nur wenige Wochen vor der Gründung der Hirschauer Skivereinigung am 31. August 1956.

Einige Zeitungsartikel aus den 50er-Jahren legen aber nahe, dass Götz schon zwölf Jahre zuvor, also 1944, zum ersten Mal mit Skiern den Sandberg runterfuhr. Laut Heribert Batzl (Geschichte der Stadt Hirschau, 1968) versuchte Götz 1952 "erstmalig das Skifahren auf den schneeähnlich aussehenden Bergen". Zeitzeuge Hans Wunsch erzählte Anfang 2016, dass Martin Götz einige Zeit Überzeugungsarbeit leisten musste, bis ihn zum ersten Mal Mitglieder der Skivereinigung Amberg zu dem Sandberg begleiteten - und da seien noch keine Hirschauer dort gefahren.

Ein Blick in die Amberger Zeitung Mitte 1956 liefert weitere Hinweise auf den zeitlichen Ablauf: Ende Juli unternahm demnach die Skivereinigung Amberg am Monte ein erstes "Sommersporttraining auf Skiern" und rief damit ungläubiges Staunen hervor. Rasch interessierten sich überregionale Medien bis hin zu den Wochenschauen für diese aus damaliger Sicht etwas skurrile Freizeitbeschäftigung, die an den folgenden Tagen und Wochenenden immer mehr Sportler aus ganz Deutschland ausprobieren und immer mehr Zuschauer sehen wollten. So lobte etwa bei einem Besuch Mitte August die Alpin-Weltmeisterin Ossi Reichert das Sandskilaufen.

Der Hirschauer Journalist Sepp Müller propagierte schon Ende Juli, daraus könne "ein toller Fremdenverkehrs-Schlager" für Hirschau werden. Er prägte offenbar auch den Begriff "Sommerskispiele" für die Sonntage, an denen die Sandpiste offiziell geöffnet war und sich eines besonders regen Zuspruchs erfreute. Offizieller Auftakt dafür war am 2. September, wobei Müller 4000 Zuschauer zählte. Für das Jahr 1957 prophezeite er "wenigstens 30 000 Besucher". Mitte August gab es auch schon eine provisorische kleine Schanze, deren Rekord bei 15 Metern lag und bis Mitte September auf 25 gesteigert wurde.

Die Gründung der Skivereinigung Hirschau als Abteilung des TuS vollzog sich in zwei Schritten: In einer ersten "Interessentenversammlung" am 24. Oktober wurde Hans Dobmeyer einstimmig zum kommissarischen Vorsitzenden bestimmt. Die offizielle Gründung mit Wahl des Vorstands war eine Woche später. Die Versammlung bestätigte Dobmeyer an der Spitze und machte Sepp Müller zu seinem Stellvertreter.

Nachdem die Bedenken des Bergamtes ausgeräumt waren, galt es, einen Vertrag zwischen dem Unternehmen AKW, der Stadt Hirschau und dem Skiclub zu finden. Der Stadtrat brauchte vier lange Sitzungen, um sich auf eine Abmachung mit den AKW zu einigen, die unter anderem einen Grundstückstausch sowie Leistungen des Unternehmens für den Ausbau des Sommerski-Geländes in einem Gegenwert von gut 86 000 Mark vorsah. Die Skivereinigung bekam das Gelände für 50 Pfennig pro Jahr von der Stadt verpachtet. (ll)


Der EntdeckerDie Hirschauer Sandskifahrer haben es dem Amberger Martin Götz (1888-1959) nie vergessen, dass er ihre Sportart "erfunden" hat. Sie machten ihn sofort zum Ehrenmitglied der Skivereinigung Hirschau, die sich später SC Monte Kaolino nannte. Wenn auf dem Monte Filme gedreht wurden, musste Götz stets mit auf den Brettern runterstauben. An die 30 Jahre lang gab es den Martin-Götz-Gedächtnislauf.

Und als die Amberger Skivereinigung 1956 verstimmt war, weil das Nürnberger 8-Uhr-Blatt den Hirschauer Journalisten Sepp Müller anstelle ihres Vorkämpfers Götz als den Erfinder des Sommerskisports bezeichnet hatte, renkte Hans Dobmeyer mit einem Leserbrief in der Amberger Zeitung alles wieder ein. Er stellte darin fest, "dass der alleinige Entdecker des Sandskifahrens Martin Götz aus Amberg ist". Müller habe dagegen die Idee für die "Hirschauer Sommerskispiele" gehabt, die man auch für den Fremdenverkehr nutzen könne. "Für die Skivereinigung Hirschau und auch die Bevölkerung von Hirschau gibt es deshalb nicht den geringsten Entdeckerstreit." (ll)


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