In der alten Mälzerei Ausstellung mit Hirschauer Steingut
Zeugen einer bedeutenden Epoche

Ein Beispiel für in der Hirschauer Keramik hergestelltes Steingut, das noch in so manchem Haushalt lagern könnte: Geschirr mit Asternmuster.
Vermischtes
Hirschau
17.05.2016
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Unter Führung von Bürgermeister a. D. Hans Drexler (links) und von Alfred Härtl (rechts) hat der Festspielverein den Erdgeschossraum der alten Mälzerei von Grund auf saniert und einen geschmackvollen Ausstellungsraum geschaffen. Dort ist eine Dauerausstellung "Hirschauer Steingut - 1826 bis 1956" mit rund 700 Exponaten zu besichtigen. Interessenten können bei Drexler (09622/56 75) einen Besichtigungstermin vereinbaren. Bilder: u (2)

Sie begann vor ziemlich genau 190 Jahren und endete vor sechs Jahrzehnten - die für die Stadt Hirschau kulturell wie wirtschaftlich bedeutsame und wechselvolle Industrie-Ära der Steingutproduktion. Eine Ausstellung in der alten Mälzerei dokumentiert diese Epoche.

Hirschau. (u) 1826 erteilte die Regierung des Regenkreises die Konzession für den Betrieb einer Steingutfabrik, die Heinrich Waffler und die Brüder Karl Martin und Josef Konstantin Dorfner erbauten. 1894 errichteten die Kinder Josef Dorfners 300 Meter südlich der Stadt die neue Steingut- und Porzellanfabrik. Beide Betriebe wurden 1918 an den Konzern E. & C. Carstens verkauft. Die alte Fabrik wurde 1918 geschlossen, für die neue musste ihr letzter Geschäftsführer Alois Luckscha 1956 Konkurs anmelden.

Rund 700 in der alten und neuen Fabrik hergestellte Steingutstücke - Gebrauchsgeschirr genauso wie dekorative und künstlerisch gestaltete Exemplare - aus den Epochen Dorfner, Carstens und Luckscha sind in acht Vitrinen im Erdgeschoss der alten Mälzerei im Pflegschloss zu besichtigen. Die Ausstellung wird dauerhaft im sanierten Erdgeschossraum verbleiben. Möglich wurde dies, nachdem der Festspielverein den Pachtvertrag mit Clemens Dorfner für das Gebäude bis 2047 verlängerte.

Unter Führung von Bürgermeister a. D. Hans Drexler und Alfred Härtl wendete der Verein knapp 84 000 Euro an Baukosten auf. Etwa ein Viertel davon erbrachten die Vereinsmitglieder in Eigenleistung. Für den unteren Erdgeschossraum entstanden Materialkosten in Höhe von 49 637 Euro. Die Ausstattung mit Vitrinen, Schautafeln und anderen Gerätschaften kostete weitere rund 24 000 Euro. Der Festspielverein besitzt aktuell 791 Exponate. 226 davon sind der Dorfner-Zeit zuzuordnen. 221 Exponate stammen aus der Carstens-Ära und 353 aus der Luckscha-Epoche. Ein Großteil der Stücke wurde dem Festspielverein geschenkt oder ihm bei der Auflösung des Kulturvereins überlassen. Viele Exponate wurden im Internet ersteigert. Für alles zusammen hat man 15 350 Euro ausgegeben. Der Sammlerwert ist jedoch deutlich höher.

Die Schautafeln stammen aus der 2004 von Michael Popp initiierten Steingutausstellung im Schloss. Sie zeigen wichtige Zeitdokumente und informieren über die Rohstoffe, die zur Herstellung der Steingutwaren benötigt wurden und schildern die Fertigungsprozesse. Außerdem werden auf ihnen die Geschichte der beiden Hirschauer Steingutfabriken und deren Besitzer beschrieben.

Für die Ausstellung wäre es eine Bereicherung, wenn sie durch Leihgaben erweitert werden könnte. Der Festspielverein räumt auch die Möglichkeit ein, Steingutware befristet in einer Extra-Vitrine zu präsentieren. Wer daran Interesse hat, setzt sich mit Hans Drexler (0 96 22/56 75) in Verbindung. Für die Ausstellung gibt es im Moment keine festen Öffnungszeiten. Wer sie besichtigen will - egal ob Einzelpersonen oder Gruppe - meldet sich ebenfalls bei Drexler melden. Der Eintritt ist frei.

Ab Samstag, 17. September, ist auf Initiative von Michael Popp in der alten Mälzerei eine Sonderausstellung "Siegfried Möller" zu besichtigen. Möller (1896 bis 1970) war einer der vielseitigsten Keramiker des 20. Jahrhunderts und ab 1923 Leiter einer speziell für ihn eingerichteten Kunst-Keramik-Werkstatt der Hirschauer Steingutfabriken C. & E. Carstens.

Initiative: Rettet das Hirschauer Steingut!Michael Popp treibt eine Sorge um: Zu viel wertvolle Hirschauer Keramik landet im Müll-Container, wenn ältere Menschen ins Seniorenheim umziehen oder Haushalte aufgelöst werden. Die Nachkommen haben oft kein Interesse an den Stücken, weil diese alt, nicht mehr vollständig und/oder nicht spülmaschinenfest sind.

In einem Brandrief mit der Überschrift "Rettet das Hirschauer Steingut!" weist er auf deren Bedeutung hin. Diese Teile seien in einer der Hirschauer Steingutfabriken, den größten in der Oberpfalz, hergestellt worden, die bis 1956 vielen Menschen hier Arbeit gegeben und einen bescheidenen Wohlstand beschert hätten. Deshalb sollte die Erinnerung an dieses wichtige Kapitel Hirschauer Kulturgeschichte bewahrt werden. Eindringlich appelliert Popp mitzuhelfen, Hirschauer Steingut vor dem Wegwerfen und Vergessen zu retten und die Sammlung des Steingutmuseums zu bereichern: "Jede Tasse, jeder Teller, jede Vase kann wichtig sein."

Er schlägt vor, die Steingutstücke im Vorzimmer von Bürgermeister Hermann Falk mit Namen und Adresse versehen abzugeben und mit ihm Kontakt aufzunehmen (Michael Popp, Rosengartenweg 9, 90451 Nürnberg, 09 11/64 67 90, m.popp@popp-und-partner.de). Wenn jemand unsicher ist, ob seine Stücke wirklich in Hirschau hergestellt wurden, komme er gerne, um bei der Bestimmung zu helfen. (u)
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