In der Hirschauer Florida- und Flamingo-Bar ging's einst schwer zu
Ständig Randale im Dirnen-Nest

1909 legte ein Großfeuer fast die gesamte südliche untere Stadt in Schutt und Asche. Sepp Strobl zeigte dieses Foto von der Brandkatastrophe mit einem offenen Hausgiebel. Im Zimmer darunter erblickte er selbst rund 50 Jahre später das Licht der Welt. Bilder: u (2)
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Hirschau
19.11.2016
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Bevor in der Hirschengasse 8 die Florida- bzw. Flamingo-Bar für Unruhe sorgte, wurde das Lokal als "Weinstube-Spetzibar" betrieben.

Randalierende Soldaten und "sittlich anstößige Ausschreitungen": Wo gibt's denn so was? Antwort: In Hirschau - zumindest in den 50er- und 60er-Jahren, als die berüchtigte Flamingo-Bar noch existierte, von der dieses Treiben ausging.

Geschichten aus dieser Zeit gab es bei einer Stadtführung mit Heimatpfleger Sepp Strobl für die Zwergerltreff-Eltern zu hören. Sie erfuhren nicht nur Wissenswertes über Rathaus und Pfarrkirche, sondern auch über das einstige Nachtleben der Stadt. Einen langen Stopp legte Strobl in der Hirschengasse beim Haus Nummer 8 ein, dem früher als Florida- bzw. Flamingo-Bar regelrecht verschrienen Sündenpfuhl.

Karl Fleischmann, Opa von Markus Meier, der das Nachbargebäude nach der Schließung des Nachtlokals mit voll eingerichteter Bar gekauft hatte, lud die Gruppe zu einigen Drinks, sprich selbst gebrannten Schnäpsen, ein. Er und Strobl erzählten, dass Hirschau in den 50er- und 60er-Jahren für seine zwei Nachtlokale bei den US-Soldaten in ganz Bayern bekannt war: Eines war das von Karl Weinberger betriebene Strandcafé am Moosweiher, von den Amerikanern Charlesplace genannt. Das andere war die Florida-/Flamingo-Bar.

"Gewerbsmäßige Unzucht"


Wie es dort zuging, erfuhren die Teilnehmer aus einem Schreiben des Landratsamts vom 30. August 1955: "Durch die Landpolizei Hirschau wurde festgestellt, dass die laufenden Störungen der Sicherheit und Ordnung und der Sittlichkeit durch US-Soldaten insbesondere ihren Ausgangs- und Mittelpunkt im Lokal Florida-Bar haben. Die GIs randalieren aus dem Lokal kommend nicht nur, sondern besuchen die Gaststätte vor allem auch deswegen, um die dort anwesenden, im Verdacht der gewerbsmäßigen Unzucht stehenden Mädchen anzutreffen. Dabei kommt es in der Bar in der Regel zu sittlich anstößigen Ausschreitungen."

Nachbar Karl Fleischmann, Jahrgang 1930, erinnerte sich noch sehr gut an die damalige Zeit: Ursprünglich habe eine Frau Schießl in dem Haus einen Kramladen gehabt. Sie sei sehr fromm gewesen. Wenn man zum Beispiel "Vergelt's Gott" sagte, habe man einen Bonbon bekommen. Nach deren Tod habe Bernhard Rosing eine Gassenschänke betrieben. Danach hätten Tekla Weinzierl und später Kurt Burkert den Laden unter dem Namen Weinstube-Spetzibar geführt, ab 1955 dann als Florida-Bar.

Fleischmann hatte die "kuriose" Inneneinrichtung des Lokals noch haarscharf im Gedächtnis: Beim Eingang im Erdgeschoss war ein großer roter Vorhang, links eine Spiegelwand. Die zwei mal zwei Meter große gläserne, von unten mit Neonröhren beleuchtete Tanzfläche befindet sich noch immer an Ort und Stelle. Sie wird nur von einem Parkettboden überdeckt. Im hinteren Abschnitt war eine indische Tempellandschaft mit einem Buddha in einer Nische und einem Drachen aus Sperrholz gestaltet. Gefertigt wurde sie laut Fleischmann von jungen Künstlern aus Schwabing, die für ihre Arbeit "in Naturalien bezahlt wurden".

Vor allem an Wochenenden sei es häufig zu Raufereien zwischen Amerikanern und Einheimischen gekommen, die ebenso um die Hirschauer Damenwelt bemüht waren. Fleischmann erinnerte sich besonders an eine Schlägerei, bei der Hans Hopfner von Wirtin Erika Weinberger losgeschickt wurde, um den Arzt Dr. Georg Dausch zu holen. Er klingelte und rief zum Fenster, an dem er den Mediziner sah, hinauf: "Herr Dausch, sie soll'n sofort in d'Flamingo kumma, dou raffas!" Dr. Dausch soll ganz ruhig in der von ihm gewohnten Art geantwortet haben: "Hopfner, wenn's aasgrafft hom, dann schickst as affa!" Wie ernsthaft die Auseinandersetzungen damals waren, schildert ein AZ-Bericht mit der Überschrift "Großkampf dem Dirnenunwesen":

"Hirschauer Texas-Leben"


"Der Leiter der amerikanischen Kriminalpolizei des heimischen Distrikts sowie Polizeimeister Schmitt leiteten die Untersuchungen, die in mittelbarem Zusammenhang mit der folgenschweren Messerstecherei am vergangenen Montag standen. Die Bevölkerung nahm an den Vorgängen lebhaften Anteil, als damit zu rechnen ist, dass mit dem berüchtigten Hirschauer ,Texas-Leben' endlich aufgeräumt wird. Die Polizei des Hirschauer LP-Postens ist jedenfalls fieberhaft dabei, das ganze Nest auszuheben und auf diesem Gebiet diesmal ganze Arbeit zu leisten."

Weitere Stationen ohne sündige NoteNach ihrem "Baraufenthalt" marschierte die Gruppe weiter durch die Stadtmauerngasse zur Georg-Schiffer-Straße. Auf halber Höhe blieb sie vorm Geburtshaus von Jakob Bauer stehen. Er war von 1838 bis 1854 Erster Bürgermeister von München. Beim Trösterschmied-Haus waren die Teilnehmer erstaunt, dass sich hier vom 15. Jahrhundert bis 1637 das städtische Badehaus befand und bis 1760 Bader, Chirurgen und Wundärzte darin wohnten. Im Stadel brach 1909 ein Brand aus, der fast die ganze südliche untere Stadt in Schutt und Asche gelegt hätte. Strobl zeigte ein Foto von der Brandkatastrophe mit einem offenen Hausgiebel. Genau im Zimmer darunter erblickte er selbst rund 50 Jahre später das Licht der Welt.

Eine weitere, zuvor absolvierte, Station war die Pfarrkirche, deren Turm 1743 eingestürzt war. Am 20. April 1945 wurde sie Opfer eines Bombenangriffs. Der Turm hatte einen schweren Treffer abbekommen, außerdem war das Dach abgedeckt worden. Eigentlich sollte das wenige Meter entfernte Knabenschulhaus getroffen werden, in dem Waffen lagerten, berichtete Strobl. An der Ecke Hauptstraße/Klostergasse durfte sein Hinweis nicht fehlen, dass im Februar 1960 im Goldenen Lamm Elvis Presley während eines Wintermanövers zu Gast war. Vorbei am Haus Conrad, dem Ex-Kloster der Schulschwestern und dem Seniorenheim, einst Stiftungskrankenhaus, führte der Weg in die Postgasse mit ihrem originalen Katzenkopfpflaster. (u)
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