In leer stehendem Haus historisches Hirschauer Steingut gefunden
Unterm Staub der Jahrzehnte ein Schatz

Es war ein ausgesprochener Glücksfall, dass bei dem Fund von Helmut und Doris Kuhr ein fast vollständiges, von Siegfried Möller entworfenes Geschirr auftauchte. Es weist das seltene Dekor auf, wie es 1924 als neues Service namens Kugel in der Fachzeitschrift "Kunst und Kunstgewerbe" vorgestellt wurde. Bilder: u (2)
Vermischtes
Hirschau
20.08.2016
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Etwa 140 Keramikteile aus der Hirschauer Steingutproduktion entdeckte Helmut Kuhr auf dem Dachboden des von ihm und seiner Frau Doris erworbenen Nachbarhauses, darunter auch ein großes Sortiment an Bierkrügen.

Helmut und Doris Kuhr haben ein Faible für Hirschauer Steingut. Stolz sind sie auf das dekorative Keramikgeschirr, das sie geschenkt oder vererbt bekommen haben. Als sie vor knapp zwei Jahren das alte, lange unbewohnte Nachbarhaus erwarben, ahnten sie nicht, dass das Gebäude eine Unzahl Hirschauer Keramikstücke beherbergte.

Hirscha. (u) Helmut Kuhr entdeckte die Raritäten auf dem Dachboden in einer zentimeterdick mit Staub bedeckten Truhe. Dass es sich bei einigen Teilen um einen für Experten sensationellen Fund handelte, nämlich um vom namhaften Künstler Siegfried Möller entworfene Stücke, erfuhr die Kuhrs einige Zeit später vom in Nürnberg lebenden Kunstpädagogen und forschenden Steingutsammler Michael Popp. Doris Kuhrs Mutter, einst selbst in der Keramik beschäftigt, hatte empfohlen, ihn als Fachmann zu Rate zu ziehen. Er hatte den ern vor zwölf Jahren mit Ausstellungen, Vorträgen und Buchveröffentlichungen den Wert dieses Steinguts bewusst gemacht.

Rund 140 Keramikteile


Ein Anruf in Nürnberg genügte und Popp war vor Ort. Was er vorfand, versetzte ihn in freudiges Erstaunen. Etwa 140 Keramikteile aus der Zeit von 1900 bis 1932 standen unter dem Staub der Jahrzehnte auf dem Boden. Darunter befanden sich Stücke, die er selber und auch andere Sammlerexperten noch nie gesehen hatten. Eigentliche Sensation des Fundes waren ein aus 25 Teilen bestehendes, von Möller entworfenes Teeservice in einem sehr seltenen Dekor sowie ein vom selben Künstler stammender, reliefierter Wandteller, wie er bis dahin nur aus kleinen Abbildungen bekannt war. Auf ihm ist die Szene dargestellt, wie der heilige Martin den Mantel mit dem Bettler teilt. Interessant waren auch andere Stücke, mit deren Hilfe weitere, bisher nicht bestimmbare Teile als Möller-Produkte identifiziert werden konnten.

Diese rund 40 Keramikarbeiten, die alle ganz sicher aus Hirschau und von Siegfried Möller stammen, gaben Michael Popp den Anstoß, dem weithin unbekannten Designer eine eigene Ausstellung zu widmen. Möller hatte während der Carstens-Epoche von 1923 bis 1926 in der Hirschauer Keramik nicht nur Geschirr entworfen, sondern zusätzlich eine eigene Kunstwerkstatt betrieben. Für die Hirschauer Steingutfabrik war er nach der international renommierten Entwerferin Eva Striker Zeisel der zweitwichtigste Künstler.

Bei einer geplanten Ausstellung werden nicht nur die Steingutstücke aus dem Kuhr-Fund zu besichtigen sein. Popps Hoffnung hat sich erfüllt, dass Hirschauer Familien ihre mindestens 20 Möller-Produkte als Exponate zur Verfügung stellen. Unterstützung haben ihm außerdem seine über ganz Deutschland verstreuten Sammlerkollegen zugesagt. So werden ab Samstag, 17. September, in der alten Mälzerei beim Pflegschloss über 150 Objekte und damit die bislang größte Dokumentation des Werkes zu sehen sein, das Möller in und für Hirschau geschaffen hat.

Jedes Detail hilft


Michael Popp ist sich bewusst, dass damit "noch lange nicht der ganze Möller erforscht ist". Er hofft, dass die Ausstellung ein Anstoß vor allem für die Hirschauer ist, nochmals in Vitrinen, auf Dachböden und in Kellern nachzusehen, ob dort eventuell Stücke lagern. Ebenso wichtig wären Dokumente wie Katalog- und Werbeblätter sowie Preislisten aus dieser Zeit. Jedes Detail helfe, allmählich ein vollständiges Bild über diesen Künstler und damit eine Blütezeit Hirschauer Keramikproduktion zusammenzusetzen.
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