Ein totes Dorf lebt wieder auf

Zeitzeugen erinnern sich vor einer Bildergalerie genau an die Zeit um 1950, als sie noch in Lutzmannstein zu Hause waren.
Lokales
Hohenburg
07.08.2015
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Den Gottesdienst auf dem Dorfplatz in Lutzmannstein zelebrierten Stadtpfarrer Martin Becker und Ruhestandspaffer Hans Öttl aus Finsterweiling für die gut 300 Gäste des Heimattreffens. Im Hintergrund zu sehen ist der ehemalige Kramerladen der Schloud Marie, die ihren Spitznamen ihren stets rußschwarzen Händen verdankte.

Im Kramerladen von Maria Eichenseer, bei der Schloud Marie, sind die Fledermäuse eingezogen. Doch der Backofen funktioniert noch wie in alten Tagen. Und sorgt für Lutzmannsteiner Holzofenbrot - erstmals wieder nach 64 Jahren.

Die aktuelle Sicherung der ehemaligen Schlossanlage soll ein Stück Lutzmannstein erhalten, so, wie man es von früher her kennt. Jetzt sind die Lutzmannsteiner wieder einmal dahoam - aber auch die Geroldseer und Krumpenwinner. Ihre Dörfer hatten sie allesamt im Herbst 1951 verlassen müssen. Für immer.

Und doch kennen sie sich hier bestens aus: "Das war unser Haus und dort hinten ist man in den Felsenkeller gegangen", hört man einen der Ehemaligen erzählen. Von seinem Elternhaus ist heute lediglich die trutzige, von Stauden umwachsene Quadersteinmauer vorhanden. Einiges hat die Umweltabteilung der US-Garnison in Hohenfels im vergangenen Jahr wieder instandgesetzt. Eine nicht abgesperrte Holztür gibt den Blick in den Keller frei. Erstaunlich: Das böhmische Gewölbe hat kaum Schaden gelitten. "Da waren immer unsere Kartoffeln gelagert, die wir mit unserem Ochsengespann heraufgebracht haben. Dort hinten waren die Runkelrüben fürs Vieh untergebracht", berichtet ein Zeitzeuge. 64 Jahren sind seither vergangen.

Im Oktober 1951 mussten die Familien das Kirchdorf Lutzmannstein verlassen: Die West-Erweiterung des Truppenübungsplatzes war der Grund dafür. Nur ein paar Monate blieben den Bewohnern damals, um Abschied zu nehmen und eine neue Heimat zu finden. Ende Juli 1951 waren die Erweiterungspläne bekannt geworden. Am 22. November 1951 verkehrte das Postauto zum letzten Mal zwischen Parsberg und Hohenburg. Knapp 300 Menschen mussten damals alleine aus Lutzmannstein fortgehen, wurden in alle Richtungen verstreut. Zum Heimattreffen alle zwei Jahre kommen sie aber immer wieder zurück. Insgesamt waren es etwa 3200 Menschen, die damals ausgesiedelt wurden.

Die Toten blieben zurück

"Jetzt ist Gras über die Sache gewachsen", merkt Bürgermeister Bernhard Kraus aus Velburg an - allerdings "nicht über die Gefühle, mit denen Sie in Ihre angestammten Heimatorte zurückkehren: Zurückgeblieben sind auch die Toten in den Friedhöfen in Lutzmannstein, in Pielenhofen und in Griffenwang." Eine Traditionsecke mit Grabsteinen aus diesen Friedhöfen gibt es - steinerne Zeitzeugen. Den Gottesdienst unter der Dorflinde zelebrieren Stadtpfarrer Martin Becker aus Velburg und Ruhestandspfarrer Hans Öttl aus Finsterweiling, genau so, wie es früher üblich war.

Als die Menschen 1951 Abschied nahmen, blieben ihre Häuser und Gehöfte zurück. Auch die Kirchen St. Maria und Lucia sowie, droben auf dem Schlossberg, das kleine OttilienKirchlein. Die Anwesen verfielen zunehmend. Viele wurden in Brand geschossen - und was übrig blieb, eroberte die Natur Stück für Stück zurück. Und doch: In einem Seitental, abseits der großen Panzerstraßen und Schießbahnen, sind die Außenmauern vieler Gebäude erhalten.

Den Charakter erhalten

Inzwischen versucht man, dominante Häuser zu halten. Es soll wieder Leben einkehren ins Dorf - auch wenn es nur Fledermäuse sind, die sich hier bevorzugt ein Sommerquartier genommen haben. Der ehemalige Kramerladen von Maria Eichenseer ist in den vergangenen Jahren gesichert worden: Das Gebäude wurde wieder aufgebaut und sieht nun so aus, als ob noch jemand dort wohnen würde.

Derzeit liegt die Aufmerksamkeit auf dem um 1710 erbauten Lutzmannsteiner Schloss. "Eine große und fordernde Baustelle", betont Dr. Albert Böhm von der US-Umweltabteilung - weil auch die Vorgaben des Denkmalschutzes berücksichtigt werden müssen. Fast 40 Meter Fassade sind momentan mit einem Baugerüst abgesichert, um das Mauerwerk zu halten. Wie Dr. Böhm anmerkt, habe man bei diesem Gebäude versucht, den ursprünglichen Charakter zu erhalten. "Es geht uns darum, die Strukturen zu sichern."

Brot-Duft liegt in der Luft

Die ehemalige Dorfstraße zum Schlossberg führt hinauf zum freigelegten Backofen des einstigen Pfarrhauses. Zur Feier des Tages wird dort Lutzmannsteiner Bauernbrot gebacken - leckerer Geruch liegt in der Luft. Donatus Lorenz und Swen Sobiella von der Kreuzermühle aus Allersburg haben sich bereiterklärt, hier erstmals nach 64 Jahren wieder Brot zu backen. Und sind hochzufrieden: "Der Backofen funktioniert, als wäre er letzte Woche zum letzten Mal geschürt worden."

Ein Besuch gilt noch den Resten des Ottilien-Kirchleins auf dem Schlossberg im Innenbereich der ehemaligen Lutzmannsteiner Burganlage. Belohnt wird man mit einem wunderschönen Fernblick bis hinüber zum Amberger Mariahilfberg und zum Habsberg. Dann steigt man den alten Kreuzweg wieder hinunter. Seine Stationen sind jetzt auf dem Habsberg zu sehen. Erneut heißt es Abschied nehmen. Von dem Dorf, das auch heute noch für viele der Inbegriff von Heimat ist.
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