Mehr Platz fürs Militär
Vor 65 Jahren mussten Dörfer weichen

Die Familie Ludwig Schiedrich aus Pielenhofen, Hausnummer 42, musste im September 1951 ihre angestammte Heimat verlassen.
Kultur
Hohenfels
04.09.2016
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Über den Kräutergarten von Schwend hat man einen schönen Blick auf das spätsommerliche Übungsdorf mit seinem Minarett.
 
Ein echtes Tor in die Vergangenheit: Der Eingang in die ehemalige Dorfschule in Lutzmannstein hat 65 Jahre überstanden. An den Mauerresten im Hintergrund ist noch erkennbar, dass diese einst einmal hellblau gestrichen waren. Bilder: bö (12)

"Wird Hohenfels wieder militärisch genutzt?" Vor 65 Jahren beschäftigte diese Frage die Menschen in der Region. In der schwelenden Korea-Krise und den Spannungen mit der ehemaligen Sowjetunion forderte die US-Militärregierung für ihre Verbände in Süddeutschland weitere Übungseinrichtungen.

Bereits im März 1951 waren Zivilbeamte der US-Militärregierung im Rathaus des Marktes Hohenfels. Sie interessierten sich für die wirtschaftliche Lage des ehemaligen Wehrmachts-Übungsplatzes. Es entstand der Eindruck, dass der Besuch eher einer allgemeinen Information diene, die womöglich aber auch im Zusammenhang mit einer US-Wirtschaftshilfe stehen könnte.

Das hätte keiner gedacht


Doch sehr bald wurde darüber gesprochen, dass die Besatzungsmacht sich allgemein über das Hohenfelser Land und die westlich davon gelegenen Gemeinden Geroldsee, Griffenwang, Lutzmann-stein, Pielenhofen, aber auch Gemeindeteile von Hörmannsdorf, Schmidmühlen und Hohenburg sowie den damaligen Gemeinden Adertshausen, Allersburg, Ransbach und Utzenhofen informieren wollte.

Die Amerikaner wollten prüfen, ob ihr Anspruch auf einen Truppenübungsplatz vertretbar und erfolgversprechend sein würde. Doch an die Verwirklichung eines solch immensen Vorhabens glaubte niemand ernsthaft.

Protest der Anlieger


Am 9. Mai 1951 fand in Hohenburg eine Protestversammlung von sieben Anliegergemeinden statt, die 1938 Grundstücke an den Übungsplatz für die Deutsche Wehrmacht hatten abtreten müssen. Die damaligen Entschädigungen hatten sie durch den Krieg und die folgende Währungsreform verloren. Im Juni 1951 berichteten die regionalen Zeitungen wiederholt über die bei Land und Bund vorgebrachten Anträge, die Kreise Parsberg und Neumarkt zu Notstandsgebieten zu erklären: Siedler wollten Klarheit über die Eigentumsverhältnisse des ehemaligen Wehrmachts-Übungsplatzes, der mit der Gemeinde Nainhof die flächenmäßig größte Gemeinde umfasste.

Am 4. Juli 1951 schrieb die Heimatzeitung über einen erfolgreichen 100-stündigen Pumpversuch aus einem über 90 Meter tiefen Brunnen der Wasserversorgung Lutzmannstein.

"Wird Hohenfels wieder Truppenübungsplatz?" hieß es dann am 9. Juli 1951 in einem Bericht zu einer möglichen Abtretung des ehemaligen Wehrmachts-Übungsplatzes an die Besatzungsmacht und zu einer Westerweiterung des Areals. Im Juni 1951 hatten die Amerikaner eindringlich für ihre in Süddeutschland stationierten Truppenverbände der 7. US Army von der Bundesrepublik Deutschland die Abtretung eines Trainingsgeländes gefordert. In ersten Gesprächen wurden sowohl Hammelburg als auch Hohenfels abgelehnt.

Druck des Kalten Krieges


Unter dem Druck des aufziehenden Ost-West-Konfliktes, des Kalten Kriegs, erwarteten die Amerikaner nun eine rasche Entscheidung der Bundesregierung. Diese konnte sich ihrer Forderungen angesichts der laufenden Gespräche zum Truppenvertrag und zum möglichen deutschen Verteidigungsbeitrag nicht mehr verschließen. Hohenfels rückte damit vor Hammelburg bei den zuständigen Regierungsstellen immer mehr in den Vordergrund.

Historischen Betrachtungen nach scheint es nicht ausgeschlossen, dass das damalige Bundeskanzleramt nicht nur die künftige politische Entscheidung zu berücksichtigen hatte, sondern auch die ihm sicher bekannte schwierige und kostenintensive wirtschaftliche Entwicklung dieses Gebietes, die alle Abwägungen maßgeblich beeinflusst hat.

Ausweitung nötig


Am 25. Juli 1951 sprach der Regensburger Bundestagsabgeordnete Karl Kahn in Parsberg erstmals offen die Anforderungen an einen modernen Übungsplatz für schwere Artillerie und Panzerwaffen an: Eine Ausweitung auf 20 bis 25 Kilometer Länge und 10 bis 15 Kilometer Breite sei unbedingt nötig.

Daraufhin nahmen die Landräte von Parsberg und Neumarkt in einer Denkschrift zu dem Vorhaben ausführlich Stellung - in der Hoffnung, diese Beschlagnahme und Ausweitung des Übungsplatzes Hohenfels zu vermeiden. Doch zu diesem Zeitpunkt stand die Abtretung schon so gut wie fest.

Hirschwald: Nein, danke


Damit war auch der US-Forderung nach einer Westausdehnung des Übungsplatzes entsprochen. Den deutschen Vorschlag für die Nordausdehnung auf das Staatswaldgebiet des Hirschwalds bis vor die Tore von Ambergs, der weniger Opfer abverlangt hätte, hatten die Amerikaner abgelehnt.

Im November 1951 kam zum letzten Mal das Postauto
  • Am 7. August 1951 einigten sich Vertreter der 7. US Army des Standorts Nürnberg, der Bundesregierung und des Landes Bayern sowie der Resident-Officer aus Parsberg bei einer Besprechung in Amberg auf eine um 25 Quadratkilometer verminderte Westausdehnung. Damit war die Gesamtabtretung von 185 auf etwa 160 Quadratkilometer reduziert. Die Anzahl der auszusiedelnden landwirtschaftlichen Anwesen im Erweiterungsgebiet verringerte sich von 265 auf 171.

  • Am 13. August 1951 beschloss der Bayerische Ministerrat, den Amerikanern Hohenfels abzutreten. Der ungefähre Grenzverlauf wurde am 17. August 1951 in Parsberg von Vertretern der US-Militärbehörden und deutschen Dienststellen festgelegt.

  • Die amerikanische Zustimmung zum Grenzverlauf wurde am 24. August 1951 vom Amt des Hohen Kommissars der USA durch dessen Vertreter W. Pierce Mac Coy bestätigt.

  • Zweideutig war das Telegramm des Bayerischen Staatsministers Dr. Alois Schlögl vom 16. August 1951 an die Gemeinde Nainhof-Hohenfels, dass die Gerüchte über die Wiedererrichtung des Übungsplatzes unrichtig seien. Er regte dazu an, die Feldarbeiten fortzusetzen und begonnene Entschädigungsverfahren zum Wehrmacht-Übungsplatz weiter zu betreiben.

  • In den folgenden Wochen nutzten Rundfunksendungen aus der DDR die politische Situation aus. Landräten und Bürgermeistern gingen per Post ostzonale Flugblätter und handgeschriebene Hetzbriefe zu. Kommunistische Parolen wurden nachts an Scheunen gemalt. Auch eine in diesem Gebiet bisher unbekannte Agitation der KPD und anderer extremistischer Gruppen, unter ihnen einige Siedler, versuchte, Emotionen anzuheizen.

  • Mehr als 16 000 Hektar Grund, Gehöfte, ja ganze Kirchdörfer und Gemeinden, jahrhundertealte Ansiedlungen, unter ihnen die Hofmark Lutzmannstein, wurden ausgesiedelt. Viele Randgemeinden mussten Flächen aufgeben.

  • Aus den nach 1945 neu besiedelten 55 Ortschaften und Weilern der Gemeinde Nainhof (Bereich Wehrmachtsübungsplatz) mussten damals 2056 Menschen ihre Heimat für immer verlassen.

  • Aus dem Erweiterungsgebiet mussten 171 Bauernhöfe mit 1146 Einwohnern aufgegeben werden - aus den Gemeinden Geroldsee, Griffenwang, Lutzmannstein, Pielenhofen sowie den Ortschaften Raisch (Gemeinde Hörmannsdorf), Stetten und Weihermühle (beide Gemeinde Ransbach).

  • Am 29. August 1951 begannen die Ablösungsarbeiten. Am 21. September 1951 folgte die Aussiedlung von 3202 Einwohnern aus 85 Ortschaften und Weilern.

  • Der Truppenübungsplatz Hohenfels ist 16 129 Hektar groß. Seit dem 16. November 1951 steht er unter amerikanischer Verwaltung.

  • Am 24. November 1951 verkehrte zum letzten Mal das Postauto von Parsberg über Eichensee, Schmidheim und Raversdorf nach Hohenburg.

  • In den Jahren nach 1951 wurde der erweiterte Truppenübungsplatz von amerikanischen Streitkräften aufgebaut. Am 10. August 1956 stellte die Bundeswehr auf dem US-verwalteten Truppenübungsplatz eine Standortkommandantur auf.



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Vor 65 Jahren mussten Dörfer weichen by Onetz on Exposure
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Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 06.09.2016 | 14:39  
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