Allerheiligen vor 65 Jahren
Abschied von der alten Heimat

Der letzte Kirchgang Anfang November 1951 in Pielenhofen. Die Betroffenheit der Menschen kann man besonders in den Gesichtern der Kinder ablesen.
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Hohenfels
31.10.2016
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Die Familie Xaver und Anne Renner mit ihren Kindern im November 1951: Das Haus ist bereits zum Teil ausgeräumt. Auch hier sprechen die Gesichter Bände, auch bei den Kindern. Das Jüngste, Sebastian, ist erst sechs Jahre alt.

Was mag das damals, vor 65 Jahren, für die Menschen im Erweiterungsgebiet des Truppenübungsplatzes Hohenfels für ein Gefühl gewesen sein? Sie mussten innerhalb weniger Tage ihre Heimat verlassen.

An Allerheiligen 1951 hatten die Bewohner die letzte offizielle Möglichkeit, an den Gräbern ihrer Angehörigen in den Friedhöfen in Lutzmannstein, Pielenhofen und Griffenwang zu stehen: Sie wussten alle, dass sie diese Gedenkstätten zurücklassen mussten.

Im Juli 1951 hatte man zum ersten Mal von der Absicht gehört, dass Hohenfels wieder Truppenübungsplatz werden soll. Dann ging alles sehr schnell: Die Politik stellte die Weichen innerhalb weniger Wochen - auf Drängen der Amerikaner. Im August 1951 hatte der Bayerische Ministerrat beschlossen, den ehemaligen Truppenübungsplatz Hohenfels abzutreten. Entsprechend der amerikanischen Forderung sollte das Areal um mehr als 6000 Hektar nach Westen, in Richtung Velburg, erweitert werden. Ende August begannen schon die Ablösungsarbeiten. Ab 21. September wurden 3202 Einwohner aus 85 Ortschaften und Weilern ausgesiedelt - begleitet von einer riesigen Holz-Aktion. Mehrere Hunderttausend Festmeter wurden vom Spätsommer bis zum Herbst in den Wäldern rund um Lutzmannstein, Pielenhofen, Geroldsee und Griffenwang geschlagen.

Seit dem 16. November 1951 steht das 16 129 Hektar große Übungsareal unter amerikanischer Verwaltung. Für die Kinder war es damals, in den ersten Novembertagen, der letzte Schultag in ihrem Heimatort.

Der letzte SchultagWer könnte die Situation der Menschen vor 65 Jahren besser schildern, als einer, der den letzte Tag in den Dorfschulen von Pielenhofen und Lutzmannstein Anfang November 1951 als Bub miterlebt hat?

Aus dem Nachlass des inzwischen verstorbenen Pielenhofeners Johann Renner stammt dieser Bericht: "Tränenüberströmte Kindergesichter beim Abschied in den Schulen von Lutzmannstein und Pielenhofen". Dieser Situationsbericht spricht Bände: "In den letzten 14 Tagen hat sich das Bild im Ablösungsgebiet des Truppenübungsplatzes wenig geändert. Noch immer stehen die Menschen im Kampf mit der Zeit, denn in zwei Wochen ist der Räumungstermin abgelaufen. Pausenlos rollen schwere Lastzüge und baumlange Holzfahrzeuge über die ausgefahrenen Straßen und Wege, auf denen die großen Reifen tiefe Fahrspuren hinterlassen haben.

Von dem rastlosen Hasten in diesen letzten Tagen der Räumungsaktion des Erweiterungsgebietes sind natürlich auch die Kinder erfasst worden. Anfangs war es ja etwas Neues in der Abgeschiedenheit ihrer Juraheimat gewesen. Was war das noch für eine schöne Sache gewesen, als in den Wäldern Motorsägen kreischten und die Raupenschlepper ganze Bündel von Baumstämmen über die Felder schleiften, die große Strohpresse eines Tages in den Hof einfuhr, um das Heu und Stroh der letzten Ernte zu festen Ballen zu pressen.

Doch, wer hätte in diesen Tagen noch Freude an der Schule und am Lernen haben sollen? Wer konnte da Aufsätze schreiben und Rechenaufgaben lösen, wo es doch überall so viel zu sehen gab? Warum machten nur die Eltern so seltsame Gesichter? Warum schien es, als ob jeder Handgriff mit besonderer Sorgfalt, ja Liebe getan wurde?

Fröstelnd eilten die Kinder durch die nebeldüsteren Dorfstraßen in Lutzmannstein und Pielenhofen zum Gotteshaus, denn der Lehrer hatte ihnen ja gesagt, dass sie heute zum Schulgottesdienst in die Kirche kommen sollen, weil Schulschluss sei. Letzter Schultag! Jetzt, wo der Unterricht nach den großen Ferien gerade erst wieder angefangen hatte? Ehrfürchtig drängte sich die Schar der Kleinen in dieser frühen Morgenstunde in den Kirchenstühlen und blickte verwundert zum Herrn Pfarrer vor, der heute so eigen jeden von ihnen anschaute und ihnen dann die Hand gab, alles Gute in der neuen Heimat und Gottes Segen für die Zukunft wünschte. Und immer wieder diese Worte vom Heimat-Verlassen und In-die-Fremde-gehen-Müssen gebrauchte.

Auch im Klassenzimmer herrschte eine gedrückte Stimmung. (....) Merkwürdig trocken würgte es dem Franzl aus der letzten Reihe im Hals und ein verhaltenes Schluchzen kam aus seinem Mund, der sonst immer nur Keckheiten und freche Scherze hervorsprudelte. Betreten sah der eine zum anderen und jeder merkte, wie sich die Augen mit Tränen füllten; auch die Buben wischten verstohlen mit ihren Händen im Gesicht herum. Da konnte der Lehrer nicht mehr anders, als ihnen allen mit einem stummen Händedruck Lebewohl zu sagen und die kleine Schar zur Klassenzimmertür hinauszulassen." (bö)
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