Alles hängt an der Mutter

Lokales
Immenreuth
17.06.2015
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60. Geburtstag feierte das SOS-Kinderdorf in Immenreuth am Wochenende. Was dort passiert, wenn kein Jubelfest gefeiert wird, kann Ahmed El-Zein beurteilen. Der junge Mann ist in einer Kinderdorf-Familie aufgewachsen - und heute selbst Erzieher.

(wüw) Von seinen leiblichen Eltern weiß Ahmed El-Zein nichts. Der 24-Jährige findet das nicht schlimm. El-Zein ist in einer Kinderdorf-Familie in Immenreuth aufgewachsen. Bei seiner Kinderdorf-Mutter hatte er nie das Gefühl, es würde etwas fehlen. "Deshalb hatte ich nie das Bedürfnis, mich mit den leiblichen Eltern zu beschäftigen." Von denen hatte ihn das Jugendamt weggeholt, als er ein halbes Jahr alt war. Das Paar hatte sich nicht richtig um ihn und seine drei älteren Geschwister gekümmert. Die drei Jungen und das Mädchen kamen 1992 nach Immenreuth. Einige Jahre später folgte der jüngste Bruder.

Familiäre Normalität

Dass es ihn ins SOS-Kinderdorf "Oberpfalz" verschlug, schildert El-Zein wie einen Glücksfall. In Immenreuth traf er seine "Mutter". Sie habe ihm geboten, was Kinder wohl nur vermissen, wenn es fehlt: familiäre Normalität. "Ich habe nie gefragt, wie es in einer normalen Familie wäre", sagt er. Im Dorf sei er gut integriert gewesen, die Brüder waren starke Fußballer beim SV, er selbst jahrelang Ministrant. "Probleme hatte ich nur wegen meines Namens", sagt der gebürtige Türke. Heute hat El-Zein die deutsche Staatsbürgerschaft - dank seiner Mutter. "Sie hat lange mit den Behörden gekämpft, bis wir den Pass bekamen." Ihr habe er noch weit mehr zu verdanken. "Wir waren nicht ihr Beruf, sie hat uns in ihr Leben aufgenommen", erklärt El-Zein. "Ihre Mutter war meine Oma, ihre Schwester meine Tante."

Konfliktfrei sei seine Kindheit aber nicht gewesen. El-Zein beschreibt seine Mutter als konservativ, mit klaren Wertvorstellungen, im katholischen Glauben verwurzelt. Ihre Werte habe sie hochgehalten, auch gegen den Widerstand der Kinder. "Ich kann mich gut erinnern, als ich den Ministrantendienst beenden wollte. Es hat gedauert, sie zu überzeugen."

Übel nimmt er ihr die sanfte Gewalt nicht. "Ein Kind muss lernen, sich mit klaren Normen und Strukturen zu arrangieren." Das sagt er heute als Experte. Vergangenes Jahr hat Ahmed El-Zein seine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher abgeschlossen. Seither kümmert er sich in Grafenwöhr um minderjährige Flüchtlinge, für ihn ein Traumjob. Beeinflusst habe ihn seine Mutter bei der Berufswahl höchstens unterbewusst. Er habe nicht geplant, sich einmal um Kinder zu kümmern. "Ich habe viel ausprobiert, an einer Fremdsprachenschule oder bei Praktika in handwerklichen Berufen." Erst als er sich im sozialen Bereich versuchte, habe er Erfüllung gefunden. "Mir wurde klar, dass ich Menschen helfen will."

Dies verbinde ihn mit seiner Mutter. Den unbedingten Einsatz für andere sieht er als Erfolgsgeheimnis des Konzepts der SOS-Kinderdorf-Mutter, gleichzeitig liege darin aber auch dessen Problem. Es gebe weniger Menschen, die sich so auf die Bedürfnisse anderer einlassen. "Wie eine Nonne mit ihrem ganzen Leben ins Kloster geht, so hat sich meine Mutter ganz für uns entschieden." Heute gebe es im Kinderdorf das Konzept einer Teilzeitmutter. Das lasse sich nicht mit dem vergleichen, was seine Mutter ihm geboten hat.

Kritik am Verein

El-Zein kritisiert auch den SOS-Kinderdorf-Verein. Ökonomische Zwänge nähmen überhand, Begriffe wie Personalschlüssel und Mitarbeiterfluktuation hätten zu großen Einfluss aufs Leben der Kinder. Außerdem mache es die Organisation den Menschen schwer, die Aufgabe zu übernehmen. Eine Kinderdorf-Mutter müsse eine Ausbildung durchlaufen, wie für einen gewöhnlichen Beruf. "Wer die entscheidende Prüfung nicht besteht, ist raus." El-Zein glaubt dagegen, dass Fachwissen für eine Mutter eine untergeordnete Rolle spielen sollte. "Es geht um Gefühle und Emotionen", ob die Mutter aus pädagogischer Sicht immer alles richtig macht, sei oft zweitrangig.

Trotz aller Kritik. Abgewandt hat sich El-Zein von dem Konzept der Kinderdorf-Familie nicht. Er sei zu jung, um sich die Frage aktuell zu stellen, aber er könne sich vorstellen, einmal ein Kinderdorf-Vater zu sein. "Es kann viel passieren", sagt er. Bislang gab es in Deutschland zwei Männer, die diese Aufgabe übernommen haben, einer kurzzeitig sogar in Immenreuth. Vielleicht wird Ahmed El-Zein der dritte.
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