Oskar Heinl und Johann Schäffler erinnern sich lebhaft die letzten Kriegstage in Immenreuth - ...
"Meine Schwester saß auf dem Topferl"

Am Immenreuther Bahnhofsgebäude sind heute noch Narben des Krieges zu sehen. Vor allem an der Nordseite sind viele Splittereinschläge erkennbar, auch wenn das Mauerwerk ausgebessert wurde.
Lokales
Immenreuth
20.04.2015
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Am 10. April 1945 griffen alliierte Kampfflugzeuge den Bahnhof an. Oskar Heinl, damals noch keine acht Jahre alt, wohnte im Gebäude. Sein Vater war bei der Reichsbahn beschäftigt. Nach seinen Worten wurden 16 Splitterbomben auf die Gleisanlagen geworfen. Die beiden Fahrdienstleiter Brendl und Benkler wurden getötet, drei Menschen verletzt. Das Sägewerk Schäffler brannte ab. Zwei Waggons mit Tarnstoff auf Höhe des damals noch bestehenden Basaltbrechwerks fingen Feuer. Nördlich der Bahnlinie, dort wo heute die Werkstatt der Baufirma Markgraf steht, erschossen die angreifenden Tiefflieger einen Ochsen bei Feldarbeiten.

Nur "Kollateralschaden"?

Als Kollateralschaden stuft heute Johann Schäffler die Vernichtung des Sägewerks ein. Der heute 93-Jährige erlebte den Angriff der Tiefflieger selbst nicht. Er war Fallschirmjäger und zu dem Zeitpunkt in einem holländischen Gefangenenlager interniert. Das Sägewerk baute er nach seiner Entlassung im März 1946 wieder auf. Sein Vater war am 4. April 1945 verstorben. Nach der Aussage Schäfflers gab es rund um den Bahnhof interessantere Angriffsziele. Neben Stellwerk und Basaltwerk dürften es in erster Linie Wehrmachtsoldaten gewesen sein. Im Wald rund um das Sägewerk wurden neue militärische Einheiten zusammengestellt. Sprengfallen sicherten das Gelände ab. Eine dieser in Bäumen versteckten Fallen erschreckte vor einigen Jahren den Waldbesitzer. Beim Spalten einer Birke offenbarte sich noch ein derartiger Sprengsatz. Vielleicht nicht der letzte.

Johann Schäffler nimmt an, dass der Fliegerangriff nicht dem Sägewerk, sondern den Soldaten galt und das Werk zufällig in Brand geschossen wurde. Einen anderen Verdacht äußerte Oskar Heinl. Nach den Erzählungen seines Vaters diente der Bahnhof auch als Umschlagsplatz von Munition für den Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Vielleicht, so sagt er, haben die Amerikaner im Sägewerk Schäffler ein Munitionslager vermutet. Ungeachtet dessen hatte Immenreuth großes Glück. Bei dem Tieffliegerangriff blieb ein Waggon auf einem der damals noch vorhandenen Abstellgleise unbeschädigt. Er soll mit hochbrisanten Stoffen voll beladen gewesen sein. Oskar Heinl gibt die Schilderungen seines Vaters wider. Nach dessen Worten wäre bei einer Explosion im großen Umkreis alles vernichtet worden.

Sprengung der Brücke

Die Aussage von Johann Schäffler über das massierte Auftreten vieler Soldaten bekräftigte Heinl mit seiner eigenen Beobachtung, dass der Wald an der Kulmainer Straße voller Uniformierter war. Heinl sah als Kind die die aus Westen kommenden Tiefflieger. "Meine Schwester saß gerade auf dem Topferl", schildert der Zeitzeuge. Er erlebte auch die Sprengung der Straßenbrücke in der Weidenberger Straße durch eigene Kräfte. Im Visier der sinnlosen Zerstörung befand sich ebenfalls der Bahnhof. Auch er sollte in Schutt und Asche gelegt werden. Doch die Amerikaner waren schneller. Sie erreichten am 20. April 1945 den Gemeindeteil Tiefenlohe.

Nicht mehr als baulicher Zeitzeuge vorhanden ist das militärische Gefangenenlager. Es befand sich gegenüber dem Bahnhof auf der nördlichen Seite der Gleise. Rund 50 Gefangenen sollen dort untergebracht gewesen sein - allerdings nicht lange: Ein Jahr, vielleicht etwas länger, soll das Lager gestanden haben (Hintergrund). Verschwunden ist auch das Basaltbrechwerk. Es wurde nach dem Krieg als Reparationsleistung an Russland abgebaut.

An eine Erzählung erinnert sich Johann Schäffler heute noch. Nach der Besetzung stellten die Amerikaner 12 bis 14 Nazis zur Schau. Sie wurden auf Panzer gesetzt und durch den Ort und die Dörfer gefahren.
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