Flüchtlingsstreit in Immenreuth
Wie viele Asylbewerber verkraftet der Ort?

Alfred Schuster plädiert für eine interkommunale Lösung: "Das Haus liegt in etwa zwischen Immenreuth und Kemnath. Ich habe mit Kemnaths Bürgermeister Werner Nickl geredet, der sich auch vorstellen kann, eine gemeinsame Einrichtung mit Kemnath, Kulmain und Immenreuth zu unterhalten - wie beim interkommunalen Freibad, das prima läuft."
Politik
Immenreuth
20.01.2016
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Bürgermeister Heinz Lorenz kann sich eine Integration mit fester Obergrenze vorstellen, die der Gemeinderat bereits ins Spiel gebracht hatte: "Ich bin der Überzeugung, dass wir 80 Flüchtlinge gut integrieren können. Das Gremium war immer gesprächsbereit." Bilder: Herda (2)
 
Die Familienferienstätte wurde 1975 mit Mitteln des Bundes, Landes und der Kommune gebaut - allerdings offensichtlich mit Formfehlern.

Die Aufregung in Immenreuth ist groß. Die Betreiber der Kolping- Familienferienstätte möchten ihr Haus als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge nutzen lassen. Im Redaktionsgespräch diskutieren deren ehrenamtlicher Geschäftsführer Alfred Schuster und Bürgermeister Heinz Lorenz das Für und Wider. Ein Kompromiss scheint möglich.

Herr Lorenz, egal wie man sich in der derzeitigen Flüchtlingskrise positioniert - der Druck ist da und Sie hätten ein geeignetes Gebäude. Warum sträuben Sie sich gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge?

Lorenz: Eine Gemeinschaftsunterkunft, eine GU, ist immer problembelastet. Ich sehe nicht ein, dass ein Ort mit so wenigen Einwohnern derart überproportional überschwemmt wird. Die Flüchtlinge müssen ja auch betreut werden. Wer soll das leisten?

Schuster: Es geht um einen Hausmeister für 75 Leute bzw. zwei für 150.

Lorenz: Hermann Gmeiner gründete SOS-Kinderdörfer mit kleinen, dezentralen Häusern. Als Kinderdorf-Kind bin ich dankbar, dass ich die Chance hatte, in einer kleinen Einheit groß zu werden und nicht von meinen Geschwistern getrennt zu sein. Das Ziel verfolge ich, deshalb sträube ich mich gegen die Zahl 150.

Schuster: Selbst Gmeiner hat in einer Krisensituation wie dem Vietnam-Krieg ein Massenlager aufgemacht.

Gab es denn bisher Probleme mit den Flüchtlingen?

Lorenz: Die kleine Gruppe im SOS-Kinderdorf ist top betreut. Die Leute sind in Vereinen aktiv und integriert. Die unbegleiteten Jugendlichen in der Kolping-Familienferienstätte laufen völlig an uns vorbei. Die Bürger fragen nach, warum die Polizei wieder runtergefahren ist - am Anfang mit Blaulicht, jetzt still und heimlich. Und wenn wir dort 151 Leute reinbekommen, ist das nicht mehr vernünftig zu handlen.

Schuster: Die Polizei fährt routinemäßig, auch wenn gar nichts ist. Aber klar, es gibt auch Schicksale, wo die Emotionen hochkochen. Als die Nachricht kam, dass der Bruder eines syrischen Flüchtlings erschossen wurde, hat er eine Türe eingetreten. Kann man ihm das übelnehmen? Die ganzen Geschichten, wonach sich ein Junge aus dem Ort nicht mehr in die Schule traut, sind doch maßlos übertrieben.

Was halten Sie für zumutbar?

Lorenz: Sicher gibt es Vorurteile. Aber umso mehr müssen wir schauen, dass das nicht aus dem Ruder läuft. Der Gemeinderat hat sich intensiv Gedanken gemacht über die Unterbringung. Aus unserer Sicht kann die nur dezentral laufen in kleinen Einheiten. Was mich stört: Ich nehme nicht alle Flüchtlinge im westlichen Landkreis auf. In der Bürgerversammlung im Juli 2013 war Konsens, dass eine Obergrenze von 60 bis 80 Flüchtlingen zu verkraften ist. Darüber wurde aber nie ein Beschluss gefasst.

Schuster: Wenn man realistisch diskutiert, sprechen wir von zusätzlich 130 Flüchtlingen, die man braucht, um die Bezahlung eines zweiten Hausmeisters zu sichern. Was Angst macht sind doch die Gerüchte, man wolle 300 bis 500 Leute unterbringen, weil genügend Gemeinschaftsräume vorhanden seien.

Jetzt liegt der Vorschlag von Herrn Lorenz mit 80 auf dem Tisch ...

Schuster: Wir können meinetwegen auch über 80 reden. Aber wir brauchen auch ein wenig Fantasie. Das Haus liegt in etwa zwischen Immenreuth und Kemnath. Ich habe schon mit Bürgermeister Nickl geredet, der sich auch vorstellen kann, eine gemeinsame Einrichtung mit Kemnath, Kulmain und Immenreuth zu unterhalten - wie beim interkommunalen Freibad, das prima läuft.

Hatten Sie schon Gespräche mit den Bürgermeisterkollegen?

Lorenz: Nein. Alfreds Ausführungen zum interkommunalen Konzept sind ja ganz schön, aber ich bin der Meinung, dass das zu einer Gemeinschaftsunterkunft für den westlichen Landkreis durch die Hintertür führt.

Wir hätten unser Kontingent erfüllt. Später können wir daraus ein Hotel machen mit Sporthalle, Tennisplatz und Beachvolleyball.Alfred Schuster, Ferienstätte

Schuster: Auch Landrat Wolfgang Lippert hält 75 Flüchtlinge für eine realistische Größe. Mit diesem Vorschlag können wir morgen zur Regierung fahren. Frau Kestel vom Landratsamt hat schon gesagt, das wäre die beste GU Bayerns. Und wir hätten unser Kontingent erfüllt. Später können wir daraus ein Hotel machen mit Sporthalle, Tennisplatz und Beachvolleyball.

Lorenz: Ich habe vom Landrat was anderes gehört. Mein großes Problem ist, Herr Schuster spricht von einer GU, Landrat Lippert von einer Notunterkunft.

Schuster: Eine Notunterkunft ist längst vom Tisch. Es ist doch auch im Sinn der Gemeinde, wenn das Haus erhalten bleibt. Deshalb verstehe ich nicht, warum der Gemeinderat bisher so dagegen ist.

Wenn man Sie so miteinander reden hört, sind Sie gar nicht so weit auseinander. Wie kam es zur Aussage, Sie wollen gar keine Flüchtlinge aufnehmen, Herr Lorenz?

Lorenz: Ich habe gesagt, wenn die Alternative lautet, entweder hop oder top, dann werden es 0 sein. 150 lehne ich ab.

Schuster: Die 150 wurden von der Kewog ins Spiel gebracht, weil man damit zwei Hausmeister finanziert bekommt. Wenn es sich nicht gegenfinanzieren lässt, macht's keiner.

Lorenz: Das Problem ist, wenn wir von 80 reden, dass man die 5 Personen, die privat untergebracht sind, und die unbegleiteten Jugendlichen wegrechnen muss. Dann sagt der Investor, das rentiert sich nicht mehr.

Schuster: Unbegleitete Jugendliche und Asylbewerber in den gleichen Topf zu werfen, ist jetzt aber unfair.

Lorenz: Machen die keine Arbeit?

Schuster: Die haben doch einen ganz anderen Betreuungsschlüssel.

Wäre ein Kompromiss auch auf interkommunaler Ebene denkbar?

Lorenz: Erst einmal bin ich einer von 13 Gemeinderäten, die darüber zu bestimmen haben. Einen großen Handlungsspielraum sehe ich nicht. Zwischen 50 und 80 ist schon ein großer Unterschied. Und von interkommunaler Zusammenarbeit höre ich heute das erste Mal. Ich sehe das eher fremdgesteuert von der Kewog, die hat das als Lösung für den westlichen Landkreis angepriesen. Und da sage ich klipp und klar nein.

Schuster: Setzen wir uns doch mit Bürgermeister Nickl und Landrat Lippert zusammen. Der ist schon heilfroh, wenn ihr 50 aufnehmt.

Warum gab es bisher kein gemeinsames Gespräch?

Lorenz: Eine gemeinsame Runde wurde nicht forciert. Wir werden über das Bürgermeister-Dienstverfahren informiert, die Zahlen von Alfred sind neu für mich. Ich wäre auch bereit gewesen, zur Regierung zu fahren, aber die hat sich geweigert, verbindliche Zusagen zu machen. Die haben das Dilemma, wenn doch mehr kommen, wären alle Zusagen hinfällig.

Ist die Zahl 80 denn nach der ganzen Aufregung noch vermittelbar?

Lorenz: Wenn die auf dem Papier steht, ja. Die Bürger hatten Angst, die durch die allmähliche Gewöhnung abgenommen hat. Es kommt immer auch darauf an, was in der Presse steht: Wie viele Millionen werden es noch? Immenreuth hat der Flüchtlingsstrom Ende des Zweiten Weltkriegs gut getan. Aber das war eine andere Situation. Die Leute hatten die gleiche Sprache, die gleiche Kultur. Dennoch, der Ort kennt sich da aus, ist offen dafür.

Als ehemaliger Soldat im Kosovo kenne ich die oft auch unbegründeten Ängste. Aufklärung leistet man am besten in kleinen Einheiten. Ich bin nach Absprache mit dem Gemeinderat der Überzeugung, dass 80 Flüchtlinge gut integriert werden können. Das Gremium war immer gesprächsbereit.

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Zukunft für den "Schwarzbau"


Mit der Entwicklungsgesellschaft Kewog zur Gemeinschaftsunterkunft oder Ausbau des Ferienangebots?


"Die Familienferienstätte Immenreuth ist ein Schwarzbau", sagen die einen. Außerdem bestünden Brandschutzbedenken. "Das fällt euch ja früh ein", sagen die anderen, weil das Thema erst auf die Tagesordnung kam, als über eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber diskutiert wurde. Und wie könne es sein, dass regelmäßig Jugendliche dort untergebracht werden, wenn das Gebäude für Flüchtlinge nicht sicher genug sei?Das Gespräch zwischen Bürgermeister Heinz Lorenz und Alfred Schuster, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Einrichtung (Artikel oben), könnte offene Fragen klären. "Im Rahmen einer Überprüfung wurde festgestellt, dass nur eine Teilbaugenehmigung vorliegt, die von keinem Juristen unterschrieben wurde", erläutert Lorenz seinen Wissensstand. "Weder der Gemeinde, dem Landratsamt, dem Archiv noch dem Staatsarchiv Amberg liegt eine gültige Baugenehmigung vor." Man könne doch nicht ernsthaft von einem Schwarzbau reden, kontert Schuster: "Die Finanzierung erfolgte zu je einem Drittel vom Bund, Land und Landkreis." Außerdem befinde sich die Architektin im Besitz der Baupläne. "Wenn die Pläne da sind, wird der Fakt neu bewertet", sagt Lorenz.

NPD-Kauf verhindert


Schuster habe zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Peter Merkl das Objekt 2005 übernommen, als es wegen der Schieflage im Kolpinghaus Sauerland in die Insolvenz schlitterte. Damals hätten sich Gerüchte verdichtet, dass der berüchtigte NPD-Chef Jürgen Rieger das Haus für seine Partei kaufen wollte. "Was machen wir damit?", habe er sich mit regionalen Politikern beraten. "Innerhalb von drei Monaten mussten wir uns entscheiden." Ziel sei gewesen, rechte Umtriebe zu verhindern. "Wir wollten zusammen mit Nachbargemeinden einen Verein gründen." Das Ziel, die NPD zu verhindern, habe man erreicht. Aber Schuster und Merkl fühlen sich allein gelassen. "Wir dachten an eine interkommunale Geschichte, um das Ferienlager zu erhalten - nicht an ein jahrzehntelanges privates Engagement."

Im Vergleich zur Ausgangslage ist die Zahl der Übernachtungen rapide zurückgegangen - von damals rund 20 000 auf 8000 im Jahr. "Wir hatten 2005 noch 18, heute gerade 4 Angestellte. Bei einem Gespräch mit dem Ministerium im Oktober habe sich außerdem herausgestellt, dass die Förderung gefährdet sei, eine Rückzahlung von Darlehen drohe. Mit anderen Worten: "Die Gefahr einer Insolvenz ist groß", sagt Schuster. "Wenn die Kewog, die Immobilienentwicklungsgesellschaft des Landkreises Tirschenreuth, in das Haus investiert, zunächst in eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge, später in eine integrative Bildungseinrichtung, hat doch die Gemeinde auch etwas davon." Darunter versteht Schuster die Ansiedlung einer gemischten Klasse mit je zur Hälfte Flüchtlings- und einheimischen Kindern. "So ein Modellprojekt kann das Haus auf lange Sicht auslasten."

Erlebnispädagogik im Fokus


"Als Kommune muss ich sagen", hält Bürgermeister Lorenz dagegen, "diese Einrichtung hat eine überregionale Bedeutung". Für ihn sei noch der ursprüngliche Auftrag gültig, das Gelände für Freizeit, Sport und Erholung zu nutzen. "Erlebnispädagogik wie auf Burg Hohenburg mit 100-prozentiger Auslastung" sei seine Wunschvorstellung. "Aber auch gegen eine Nutzungsänderung, etwa für ein Altenheim, hätte keiner etwas", sagt Lorenz.
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Ali Zant aus Weiden in der Oberpfalz | 21.01.2016 | 12:45  
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