Das SOS-Kinderdorf in Immenreuth
Wir sind eine Familie

Hochkonzentriert spielen Maximilian und Lukas mit Kinderdorfmutter Monika (Namen von der Redaktion geändert). Bilder: esc (2)
Vermischtes
Immenreuth
14.05.2016
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Bei uns ist jeder Tag Tag der Familie.

Eine Mutter, ein Vater und fünf Kinder: Eine Großfamilie, die am Rande von Immenreuth lebt. Sie ist nicht alleine - um sie herum stehen kleine Häuschen, in denen ebensolche Familien wohnen. Sie alle verbindet etwas Gemeinsames.

Im Haus von Monika R. ist ganz schön was los: Fünf Kinder im Alter von einem bis sieben Jahre tummeln sich in Küche, Wohn- und Esszimmer sowie im Garten. Und jedes braucht etwas von Monika - Salzstangen, ein Glas Wasser oder nur eine Antwort auf eine Frage. Vor allen aber wollen die Kinder Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge. Davon haben sie bisher wenig bekommen.

Kinder mit Rucksack


"Jedes bringt einen Rucksack mit", weiß Holger Hassel, Leiter des SOS-Kinderdorfes in Immenreuth. Er meint die Schicksale, die sie mit in die Einrichtung bringen. Die Buben und Mädchen im SOS-Kinderdorf kommen meist in die Einrichtung, weil sich ihre Eltern nicht um sie kümmern können.

So ist es auch bei den fünf Kindern, die Monika R. großzieht. Vier Buben und ein Mädchen wachsen bei ihr und ihrem Mann auf wie Geschwister. Luca und Toni sind Zwillinge, Maximilian und Lukas Brüder. Nesthäkchen und Neuzugang ist die einjährige Amelie. Deren zwei ältere Brüder sind in einer Wohngemeinschaft im Nachbargebäude untergebracht.

Langweilig wird es in der Kinderdorf-Familie von Monika und ihrem Mann nicht. Montag ist quasi Therapietag. Am Nachmittag stehen Heilpädagogik und Ergotherapie auf dem Programm. Im Wechsel sind die Jungs an der Reihe. Und das geht alles ohne Murren: Einer nach dem anderen stellt sich für die Therapien an. Ergo- und Logopädie stehen ebenso auf dem Programm wie Heilpädagogik. "Wir sind ein kleines logistisches Unternehmen", lacht Monika ob des vollen Tagesprogramms. Sie muss auch dokumentieren, wenn sich eines der Kinder verletzt oder hinfällt.

Ganz normaler Tagesablauf


Ansonsten geht es bei der siebenköpfigen Familie so zu wie bei jeder anderen. Um circa halb sieben stehen alle auf, um halb acht gibt es Frühstück, dann bringt Monika die Kinder in den Kindergarten. Zur Seite stehen ihr und ihrem Mann eine Haushaltshilfe sowie eine Erzieherin. Die brauchen die beiden: Monika ist beim SOS-Kinderdorf angestellt und hat somit Anspruch auf Urlaub. "Einen Tag in der Woche haben die Mütter frei", erklärt SOS-Kinderdorf-Leiter Holger Hassel. Die meisten Frauen würden diese freien Tage sammeln und am Stück freinehmen. Für diese Zeit steht die Erzieherin, die auch unter der Woche hilft, zur Verfügung. Ihren Urlaub nehmen die Mütter, die alle eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert haben, meist in den Sommerferien. In dieser Zeit bietet das SOS-Kinderdorf Kinderbetreuung an wie beispielsweise ein Zeltlager. Zum Mutter- und Vatertag gab es für Monika und ihren Mann auch kleine Geschenke, die die Kinder im Garten versteckten und die Kinderdorf-Eltern suchen mussten.

Rückzugsraum wichtig


Monika ist seit 2007 im SOS-Kinderdorf. "Ich bin nicht mit dem Ziel gekommen, Kinderdorf-Mutter zu werden", blickt sie zurück. Drei Jahre später übernahm die heute 50-Jährige dennoch diese Aufgabe. "Es macht Spaß", lacht sie. Mit ihrem Mann, der als Hausmeister angestellt ist, bewohnt sie eines der Häuser im "Dorf im Dorf", wie sie sagt. Sie haben bereits zwei erwachsene Söhne, die selbstständig sind und nicht im Kinderdorf wohnen. Die Eltern haben ihren Lebensmittelpunkt nach Immenreuth verlegt. Hier bewohnt die siebenköpfige Familie ein Haus mit Küche, Ess- und Wohnzimmer, einem Elternschlafzimmer und -bad, einem Spielzimmer, sowie einem Schlafzimmer für jedes Kind. "Das ist wichtig", sagt Monika. "Die Kinder brauchen einen Rückzugsraum, in dem sie sich entspannen und runterkommen können."

Zu Beginn seien einige ihrer Bekannten und Freunde wegen der Entscheidung, Kinderdorf-Mutter zu werden, skeptisch gewesen. Einige hätten gefragt: "Ist da ein Zaun rum?" Aber der Gegenteil ist der Fall: Auch wenn das SOS-Kinderdorf am Rande von Immenreuth liegt, ist das Areal für jedermann offen.

"Bei uns ist jeder Tag 'Tag der Familie'", lacht Holger Hassel. Er ist seit Ende 2015 im Amt. Wenn er im Kinderdorf unterwegs ist, grüßen ihn die Kinder schon von Weitem. Der Diplom-Sozialpädagoge kam 2005 als pädagogischer Fachdienst nach Immenreuth und kennt das Dorf sozusagen auch von der Basis aus, 2012 wurde er Bereichsleiter für die Wohngruppen. Nächstes Jahr gibt es für das Kinderdorf ein Jubiläum: Dann feiert die Einrichtung 50 Jahre.

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Die Namen der Personen - außer von SOS-Kinderdorf-Leiter Holger Hassel - wurden von der Redaktion geändert.
Bei uns ist jeder Tag Tag der Familie.Holger Hassel

Für alleingelassene Kinder und Familien

Immenreuth. (esc) Der Österreicher Hermann Gmeiner ist der Gründer der SOS-Kinderdörfer. Er studierte Medizin, brach das Studium ab und gründete 1949 die "Societas Socialis", die später unter SOS-Kinderdorf bekannt wurde. Im Mittelpunkt stehen alleingelassene oder vernachlässigte Kinder sowie benachteiligte Familien. Wichtig für Gmeiner waren vier Punkte: Geschwister sollen zusammen bleiben, eine Mutter, ein kleines Einfamilienhaus und der Dorfcharakter.

Eltern dürfen ihren Nachwuchs im Kinderdorf besuchen, auch sonstiger Besuch ist erlaubt. In einem Einfamilienhaus leben fünf Kinder mit einer Kinderdorf-Mutter oder einem -Vater. Die Mütter und Väter haben eine Ausbildung zum Erzieher absolviert. Laut Holger Hassel gibt es auch einige branchenfremde Mütter und Väter. Alle müssen ein Jahr Praktikum in einem SOS-Kinderdorf machen. Sollten sie sich entscheiden, Kinderdorf-Mutter oder -Vater zu werden, müssen sie berufsbegleitend die Ausbildung zum Erzieher machen.

Die Kinder gehen in den Kindergarten und in die Grundschule in Immenreuth. Alltagsentscheidungen dürfen die Kinderdorf-Mütter und -Väter übernehmen. Geht es aber zum Beispiel um den Besuch weiterführender Schulen, Ausbildung oder Religion, muss Rücksprache mit den Sorgerechts-Inhabern gehalten werden. "Das sind entweder die leiblichen Eltern oder das Jugendamt", erklärt Hassel. Viele Kinder bleiben, bis sie mit Schule oder Ausbildung fertig sind. Das heißt für die Kinderdorf-Mutter oder den -Vater: "Sie bleiben 10 bis 15 Jahre", erklärt Hassel. Das Konzept sei darauf ausgelegt, dass "eine Generation Kinder" großgezogen werden soll. Das Ziel ist deren Selbstständigkeit.

Mütter und Väter bekommen Gehalt und Wirtschaftsgeld. Davon kaufen sie Lebensmittel und alles, was Kinder im Alltag brauchen,Kleidung oder Schulsachen. Die Buben und Mädchen bekommen Taschengeld. Ein Großteil der laufenden Kosten wird dem Jugendamt berechnet, Spenden decken den anderen Teil ab und ermöglichen gute und zusätzliche Förderung der Kinder. "Wir sind sehr dankbar, dass wir viele Spender und Förderer haben, die unsere Arbeit mit den Kindern unterstützen", sagt Hassel.
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