Feldpost aus den "Erdhöllen"

In Zigarrenschachteln und einer Holzkiste haben die Angehörigen die Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg aufbewahrt. Nach ihrer Lektüre sieht man Hektik und Stress bei den Feiertagseinkäufen und Geschenkebesorgungen mit anderen Augen. Bild: bgm
Lokales
Irchenrieth
29.12.2014
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"Das sind Weihnachtsfeiertage, die man nicht vergessen kann und auch nicht vergißt." Weihnachtspost aus dem Jahr 1916 von den Frontlinien des Ersten Weltkriegs klingt ganz anders als heutzutage. "Es ist keine schöne Weihnachtspost dabei. Da war man schon schockiert", sagt Angelika Hummel.

(bgm) 100 Jahre nach Kriegsbeginn hat sie eine gut aufbewahrte Kiste mit Feldpost ihrer Familie vom Speicher geholt. "Dass auch die Neffen mitbekommen, wie es damals war", erklärt Angelika Hummel.

In Sütterlinschrift

Im November 1916 zieht ihr Großonkel Josef Reber mit seiner Einheit durch Rumänien. "Meine Lieben! Sind jetzt 4 Tage marschiert und haben erst heute wieder Post und Brod erhalten, den 30. November. Sind wir durch die Stadt Pitesti marschiert. Bin froh, daß wir aus den Bergen heraus sind. Euer Joseph." Am Rande hat Reber vermerkt, bei welcher Gelegenheit er die Karte geschrieben hat: "Am Feuer beim Kaffeekochen." Die Karten sind in Sütterlinschrift geschrieben, mit Bleistift. Hummel hat viele Stunden Zeit investiert, sie zu entziffern und zu übersetzen.

Pitesti, eine Stadt in der Walachei, liegt rund 120 Kilometer westlich von Bukarest. Rebers Einheit zieht an die Front. An Weihnachten werden sie die russischen Linien angreifen. Am 18. Dezember schreibt er an seine Eltern zu Hause in der Gemeinde Georgenberg. "Meine Lieben! Auf das kommende neue Jahr wünsche ich Euch alles Gute und auf frohes baldiges und gesundes Wiedersehen freut sich Euer Sohn Joseph."

Reber ist 21 Jahre alt, als er in der Nacht auf den 24. Dezember 1916 seine Stellung bezieht und sich auf den Sturm auf die russischen Linien vorbereitet. Am 23. Dezember, dem Tag vor dem Sturmangriff, schreibt er noch eine Feldpostkarte an seine Familie: "Meine Lieben, Kommen heute Nacht 12 Uhr in Stellung und bringen unsere Feiertage in Erdhöllen zu. Der Ruße hat auch viel Artiellerie da. Morgen den 24. Dezember ist der Sturm. Es kommen einen manche Erinnerungen zu dieser Zeit denn die Weihnachtsfeiertage bringt man am liebsten im Kreise der Familie zu. Es grüßt Euch Euer Sohn Joseph." Der Rechtschreibfehler "Erdhöllen" beschreibt die Lage in den Frontgräben wohl sogar treffender als das Wort "Erdhöhle".

Letztes Briefpapier

Der junge Soldat hat Glück. Er überlebt den Sturmangriff und verfasst am 26. Dezember einen längeren Brief an seine Eltern. "Das letzte Briefpapier" steht dabei unten auf der ersten Seite. "Vitapesti, den 26. 12. 1916: Meine Lieben! Diese Feiertage habe ich besonders als neue Gedenktage in mein Herz eingeprägt. Am Heiligen Abend anstatt in die Kirche ging es 10 Uhr in Sturmstellung vor 150 Meter an des Feindesgraben heran. Als die Rußen das ausgingen, knatterten die Maschinengewehre und alle Gewehre spiehen Feuer. Am Christtag um 7.30 Uhr setzte Artiellerie ein, von 8 bis 10 Uhr folgte Trommelfeuer auf das russische Tradferch. Die Stellungen waren schon sei langer Zeit gearbeitet wurde der Ruße schoß auch mit Artiellerie, um uns auch in der Sturmstellung niederzuhalten. Um 10 Uhr wurde Sperrfeuer auf die rückwärtig liegenden Linien abgegeben. Natürlich musste manch junger Kamerad am heiligen Tag sein Leben opfern und auch an ihn wurde in der Heimat gedacht. Das sind Weihnachtsfeiertage, die man nicht vergessen kann und auch nicht vergißt."

Zuhause in der Oberpfalz betreibt die Familie Reber eine Landwirtschaft und die Mühle in Gehenhammer. Neben Josef muss der ältere Bruder Heinrich im Juli 1914 zu seiner Truppe in Metz einrücken. Am 5. Mai 1915 verliert sich vor der Festung Verdun dessen Spur. Er gilt als vermisst. Der knapp zwei Jahre jüngere Bruder Adam zieht ebenfalls in den Krieg, auch er muss am Balkan kämpfen. Am 19. August 1917 wird er als vermisst gemeldet.

Der zweitgeborene Josef Reber überlebt zwar die Kriegshandlungen, in Sumpfgebieten erkrankt er aber an Malaria. Er wird im Krankenhaus von Maria Lach bei Koblenz behandelt. Seine Familie schickt Essenspakete aus der Heimat, doch der geschwächte Sohn kann nichts zu sich nehmen. Am 30. August stirbt er. Die Familie in Gehenhammer erhält die traurige Nachricht per Brief vom Seelsorger des Lazaretts: "Mit gleicher Post übersenden wir Ihnen den Nachlass Ihres verstorbenen Sohnes Josef. Gestern Morgen wurde er zur letzten Ruhe gebettet. Er ruht auf dem Friedhof zu Wehr Kr. Mayen (Rheinland-Pfalz)."

Zwölf Geschwister

Von zwölf Geschwistern verliert die Familie Reber die drei ältesten Söhne im Ersten Weltkrieg. Die jüngeren Brüder helfen zu Hause bei der Landwirtschaft und dem Betrieb der Mühle. Alle sechs verbliebenen Brüder müssen im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Sie haben Glück und überleben. Wenzelslaus und Anton werden 90 Jahre alt, Ludwig 94 und Franz Reber sogar 99 Jahre. Heinrich und Josef Reber starben im Krieg im Alter von 21 Jahren, Adam mit 20. "Wir wähnen uns alle in Sicherheit, aber ist es wirklich so?", fragt Großnichte Angelika Hummel.
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