Heilpädagogisches Zentrum Irchenrieth klärt über freiheitsbeschränkende Maßnahmen auf
Kinder sicher hinterm Zaun

Den Garten der Wohngruppe im Heilpädagogischen Zentrum in Irchenrieth können die Kinder jederzeit betreten. Die Tür dahinter bleibt geschlossen, zu ihrem eigenen Schutz. Bilder: Luber (2)
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Irchenrieth
07.10.2016
2013
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"Viele der Betreuten wissen schon hinter der nächsten Ecke nicht, wo sie sind. Die sind dann weg." Zitat: Helmut Dörfler, Geschäftsführer des HPZ

Heime für geistig behinderte Kinder stehen in der Kritik. Reporter hatten Missstände aufgedeckt. Die Mitarbeiter des Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) in Irchenrieth fühlen sich verunglimpft.

Vergangenes Jahr rief eine Reporterin des Bayerischen Rundfunks (BR) beim HPZ-Geschäftsführer Helmut Dörfler an. Die Einrichtung hat eine Wohngruppe für Kinder mit geistiger Behinderung. Die Journalistin wollte wissen, ob das HPZ in Irchenrieth (Kreis Neustadt/WN) freiheitsbeschränkende Maßnahmen anwende, wie Fixierungen oder einen Auszeitraum. "Ja", antwortete Dörfler und erklärte eine halbe Stunde lang, warum das manchmal notwendig sei. Im April schrieb der BR unter dem Titel "Blackbox Heim", dass in bayerischen Heimen Kinder immer wieder eingesperrt würden. Er berichtete über Pflegeskandale wie nächtliche Einschlüsse oder Eimer für die Notdurft. Dazu veröffentlichte er auch eine Umfrage unter 30 Heimen. Darunter auch das HPZ, das zugibt, freiheitsbeschränkende Maßnahmen anzuwenden.

Die Folgen: Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in einigen Heimen sowie ein 10-Punkte-Plan der Sozialministerin Emilia Müller (CSU). "Was macht ihr denn mit euren Kindern?", fragten die Nachbarn Dörfler. Seine Mitarbeiter sind wütend. Die BR-Reporter deckten Skandale auf, zogen jedoch auch andere Einrichtungen ins Kreuzfeuer. Dörfler will aufklären:

Der Fakt: Das Gelände der Wohngruppe umschließt ein zwei Meter hoher Zaun. Die Tür ist abgesperrt. Das Grundstück dürfen die Kinder nur in Begleitung verlassen.

Der Hintergrund: Vor zwei Jahren schuf Dörfler die Wohngruppe zum großen Teil aus Mitteln des HPZ. Es gibt sieben Plätze, die meist alle belegt sind. "Die Wohngruppe ist aus der Not geboren, aus der Not der Eltern", stellt der Leiter dar. Sie ist die einzige in der Oberpfalz. "Die Eltern haben uns aufgefordert, die Gruppe zu eröffnen. Sie wollten nicht mehr so weit fahren, um ihre Kinder zu besuchen." Die geschlossene Tür sei eine freiheitsentziehende Maßnahme, die von einem Familienrichter angeordnet werde. Dem gehe eine Untersuchung von Kinder- und Jugendpsychiatern voraus. Die Kinder in der Wohngruppe seien mehrfach behindert, geistig und körperlich, dazu komme manchmal auch eine psychische Störung. Sie seien zwischen 14 und 21 Jahren alt. "Ihr geistiges Entwicklungsalter liegt jedoch zwischen 2 und 12 Jahren", erklärt Wohnstättenleiter Alfons Bäuml. Sie seien räumlich und zeitlich nicht orientiert. "Wir haben nach vorne raus die B 22, nach hinten raus Wald. Und viele der Betreuten wissen schon hinter der nächsten Ecke nicht, wo sie sind. Die sind dann weg. Bei einem Dreijährigen sperren Sie doch auch die Wohnungstür zu, bevor er auf die Straße läuft."

Der Fakt: Die Wohngruppe im HPZ hat einen Time-Out-Raum. Boden und Wände sind gepolstert, keine Stühle, kein Tisch. Der Raum ist schallgedämpft und von innen nicht zu öffnen.

Der Hintergrund: Als wir den Raum besichtigen, spitzen auch die Kinder neugierig hinein. Der Raum ist voll einsehbar durch eine Scheibe vom Büro aus. In der Wohngruppe leben Kinder, von denen sich einige massiv fremd- und eigengefährdend verhalten. "Meist sind das sehr liebe Menschen. Ein Bewohner beispielsweise ist supernett und total unauffällig, wenn er einen stark strukturierten Tagesablauf hat. Läuft da jedoch etwas quer, verletzt er sich selbst oder geht auf die Mitarbeiter los", erzählt Bäuml. In der reizarmen Umgebung des Time-Out-Raumes beruhigten sich die Kinder. Höchstens 15 Minuten würden sie dort sein, schätzt Bäuml. Dass sie dort eingesperrt würden, gegen diese Formulierung wehrt sich Dörfler: "Das ist eine beschützende Maßnahme, für die Kinder, ihre Mitbewohner und Betreuer." Der Auszeitraum sei die letzte Alternative, wenn andere heilpädagogische Methoden nicht mehr greifen. Die Flure sind hell und bunt gestaltet mit Bildercollagen.

Der Fakt: Das HPZ verwendet auch andere freiheitsbeschränkende Maßnahmen wie gepolsterte Schutzhandschuhe gegen Eigen- und Fremdaggression und vergitterte Betten, die von innen nicht geöffnet werden können.

Der Hintergrund: Ein Bewohner habe ein vergittertes Bett. "Das geschah auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern", erzählt Dörfler. Ansonsten habe der Gang einen Bewegungsmelder, so dass der Nachtdienst mitbekomme, wenn jemand sein Zimmer verlasse. "Manche Bewohner werden auch sexuell übergriffig, deshalb ist das nötig." Auch die Schutzhandschuhe seien notwendig, falls sie sich selbst verletzen.

Am Ende des Rundgangs sieht Dörfler den Medienrummel positiver. "Wenn so die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird, hat das Ganze doch seinen Sinn gehabt."

Viele der Betreuten wissen schon hinter der nächsten Ecke nicht, wo sie sind. Die sind dann weg.Helmut Dörfler, Geschäftsführer des HPZ


Kritik anderer HeimeAuch zwei Einrichtungen der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg tauchen in der Umfrage auf: Das Cabrini-Zentrum in Offenstetten wendet freiheitsbeschränkende Maßnahmen an, das Nardiniheim in Straubing nicht. Direktor Matthias Eibl kritisiert das Verfahren der BR-Journalisten. Eine Einladung, die Heime selbst aufzusuchen, sei nicht angenommen worden. "Kritischer Journalismus ist wichtig", sagt Eibl, aber mit dem BR-Bericht seien alle Einrichtungen diskreditiert worden. Der Landes-Caritasdirektor Bernhard Piendl beschwert sich: ",Skandal', ,Missstände', ,Isolation', ,Wegsperren': Das sind die Begriffe, mit denen derzeit (...) die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen konnotiert werden. " (blu)
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