"Kallmünzer, zeigt eure Schätze!"

Der Beitrag von Kallmünz zur neueren Kunstgeschichte ist beträchtlich: "Ich könnte drei Ausstellungen bestücken", sagt Martin Mayer. Und das hat er langfristig auch vor. "Mein Ziel ist irgendwann eine Dauerausstellung." Bilder: Herda
Kultur
Kallmünz
17.07.2015
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Unser Ausstellungstipp im Sommer: Kallmünz, die Perle des Naabtals, mit den Augen der Maler von Palmié bis Panele gesehen, ist noch bis 30. August zu sehen. Und an diesem Wochenende (18.⁄19. Juli) kommt auch noch das Brückenfest dazu.
 
Werner Meier zeigt auf Palmiés Gemälde, wie es zu einem tödlichen Felssturz kam.

Was hat der Kallmünzer Bergverein mit Wassily Kandinsky zu tun? "Die Maler sind unsere Kronzeugen, um den Markträten zu zeigen, was für einen Schatz sie da haben", sagt der Vorsitzende Werner Meier. Daraus entstand die erste Dokumentation bedeutender Künstler, die die "Perle des Naabtals" porträtierten.

Die Qual der Wahl: 41 Originale von 34 Künstlern konnte Martin Mayer, Kurator und Vizechef des Vereins, für die Ausstellung "Von Palmié bis Panele" auswählen - nur ein Ausschnitt der über 100 Gemälde von 214 Malern, die der Internet-Unternehmer bisher aufspürte. "Zugegeben", sagt er "der Titel ist mehr an die Kallmünzer gerichtet, die beide Namen kennen." Die schöne Alliteration umfasst auch den zeitlichen Rahmen: Von Charles Palmié, dem Leiter der Kunstakademie München um 1900, bis zu Danze Pamele, einem 26-jährigen Zeitgenossen. Leider nicht vertreten sind Millionenwerte von Kandinsky, Münter oder Schmidt-Rottloff - ihre Arbeiten sind in Vitrinen dokumentiert.

Sie alle feierten auf ihren Bildern vor allem eines: die wildromantischen Felsformationen des Burghügels. Kunst und Bergverein haben ein Faible für dieses Panorama. Schon als die Vereinigung 1885 gegründet wird, steht die Stabilisierung der Ruinenmauern auf der Agenda. "Die Bergidealisten haben eine gewaltige Sanierungsleistung entfaltet, bis sie von den Nazis wie alle Vereine gleichgeschaltet wurden." Auch die Neugründung in den 1960er Jahren war ein Akt zum Schutz der Ruine: "Die Burg sollte verkauft werden", sagt der pensionierte IT-Berater. 2010 verhinderten die Mitglieder mit einem Bürgerbegehren den "Halligalli-Plan, mit dem dort oben für 600 000 Euro ein Eventtheater entstehen sollte".

Akademiker im Freien

Es ist ein Kuriosum: Seit 1901, als Palmié mit einer Gruppe hochkarätiger Professoren anreiste, riss das Interesse berühmter Künstler an der Idylle unter dem markanten Burgberg nicht mehr ab. Die Professoren aus München entschieden: "Hier taugt's uns - Unterkunft, Verpflegung und Landschaft genügen unseren Ansprüchen." Der Grund für die rege Reisetätigkeit der Herren Kunstmaler? "Die akademische Ausbildung hatte sich Ende des 19. Jahrhundert verändert", erzählt Mayer. "Die Ideen der französischen Impressionisten hielten Einzug, Landschaftsmalerei im Freien war nun auch im akademischen Betrieb en vogue."

Aber wie kamen die renommierten bayerischen Hauptstädter ausgerechnet an die Naab? "Von Palmié weiß man, dass ihn ein Versicherungsvertreter aus Amberg von Kallmünz vorgeschwärmt hat", erklärt Mayer. Der Professor beteiligte sich an der Ortsverschönerung, pflanzte Pappeln, schied dann aber im Streit und kam ab 1902 nicht mehr in die Oberpfalz. Immerhin: "Palmié prägte den Begriff ,Perle des Naabtals', womit Kallmünz bis heute wirbt." Dafür folgten andere, wie die Malschule Reich. Und der weltberühmte Kandinsky soll eine Postkarte des Ortes gesehen haben: "Das war damals das Marketinginstrument Nummer eins wie heute Facebook", lacht der Internet- und Reisepionier.



Überhaupt, Kandinsky: Der Moskauer Expressionist kam einst mit dem Rad von Regensburg in das heute knapp 3000 Einwohner große Örtchen. Seine Geliebte, Gabriele Münter, kam mit dem Schiff nach. "Er war hin- und hergerissen zwischen seiner Frau und der Seelenverwandten", schildert Mayer, "er hat sich heimlich mit ihr verlobt, schickte die Freundin aber dann nach Köln und ging selbst zurück nach München zur Familie."

Kein Jahrzehnt verging, ohne dass sich bedeutende Meister der Leinwand zwischen Malerwinkel und Eselweg tummelten. Apropos Esel: "Was ich persönlich spannend finde", erzählt der Chronist Kallmünzer Kunstgeschichte, "dass sich NS-Künstler wie Fritz Bayerlein oder Hermann Gradl, der sagte, ,der schönste Tag meines Lebens war, als Hitler mein Atelier besuchte', und verfemte Maler wie Karl Schmidt-Rottloff oder Magnus Zeller über den Weg gelaufen sein müssen - die wohnten im gleichen Gasthaus."

Idee zum Brückenfest

Die Idee zur spannenden Dokumentation entstand, als sich die Mitglieder des Bergvereins berieten, was sie zum diesjährigen Brückenfest (18./19. Juli) beitragen könnten: "Da kommen immer an die 20 000 Gäste", sagt Mayer, "das sollte schon was Gscheids sein." Der Kurator greift auf die wenigen Vorarbeiten zurück, die sich finden lassen - etwa auf Eugen Okers eher literarische Publikation. "Durch seine Kontakte zum Fernsehen wurde Kallmünz als der Ort bekannt, in dem Kandinsky und Münter malten." Das greift dem Perfektionisten aber zu kurz, er möchte eine strukturierte Arbeit abliefern.

Mayer sammelt selber Gemälde, auf denen Kallmünz abgebildet ist: "Ich kann mir das auch nur leisten, weil die Preise für akademische Landschaftsmalerei im Keller sind." Die wertvollsten Stücke der Ausstellung kosten etwa 5000 Euro. Die Gemeinde steuert ein Drittel bei, einige kunstsinnige Haushalte ergänzen die Schau. Die Bilder zeigen idyllische Gassen, Brücken, das Naabufer - und immer wieder die Burgruine. "Wir glauben, dass der Funke bei der Vernissage übergesprungen ist", freuen sich Meier und Mayer über ein volles Haus bei der Eröffnung.

Höchste Zeit, denn die Burg wächst zu, die Wälle verwildern. "Der Berg war ohne Bewuchs", erklärt der Bergfex seine Abneigung gegen die Bewaldung, "es waren die wilden Felsformationen, die von den Künstlern begeistert gefeiert wurden." Ein DFG-Graduiertenkolleg habe sich dem bedeutenden Kaltmagerrasen dort oben mit seinen 400 zum Teil einzigartigen Blütenpflanzen gewidmet, von denen viele auf der roten Liste gefährdeter Pflanzen stehen, wie die geschützte blaue Küchenschelle, vulgo Osterglocken."

Die spätgotische Burg selbst wurde im 30-Jährigen Krieg zerstört und als Steinbruch benutzt: "Viele Kallmünzer Häuser wurden damit gebaut." Wie weit kann die Ausstellung das Bewusstsein verändern? "Da reden wir in zwei Monaten wieder", sagen die beiden vorsichtig. Die Leute waren zunächst sehr zögerlich mit der Präsentation ihrer Schätze." Inzwischen ist das ein Selbstläufer. "Immer mehr kommen auf uns zu und sagen, wir hätten auch ein Bild."
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