"Titanic" vor dem inneren Auge

Nach der Meditation ein bisschen Schwung: Den Teilnehmern am Schauspiel-Training, das Gabrielle Odinis (Zweite von links) leitete, machte es riesigen Spaß - aber auch die Dozentin hatte viel Freude mit den Laien.
Lokales
Kastl
17.01.2015
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Wer an der Tür lauscht, hört viel von fließender Energie und Kraftfarben. Drinnen im Seminarraum fordert Gabrielle Odinis die Leute auf, mit geschlossenen Augen die Aura zu spüren, erst seine eigene, dann die des Nachbarn. Nanu, ein Esoterikseminar?

Gabrielle Odinis muss lachen, als sie darauf angesprochen wird. "Ja, das könnte man wirklich meinen", sagt sie und grinst. Na ja, ein bisserl was hat das, was sie macht, schon damit zu tun. "Es war eine kleine Meditation", gesteht sie. Nach Kastl gekommen ist die Schauspielerin, die unter anderem im Oscar-gekrönten "Nirgendwo in Afrika" mitgewirkt hat, um Laiendarsteller zu coachen. Und diese stehen gerade mit geschlossenen Augen im Seminarraum des Gasthofs Forsthof und erspüren die Energie derjenigen, die zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten stehen.

Zwei Mal der Schalksnarr

Harald Meier ist einer von ihnen. Ihm haben es die anderen zu verdanken, dass sie hier sind. Der Utzenhofener bringt eine gewisse Schauspiel-Erfahrung mit. So war er 2008 und 2014 der Schalksnarr bei den Schweppermannspielen in Kastl, außerdem als Statist in der Kultserie "Dahoam is dahoam" des Bayerischen Fernsehens. Jetzt schlüpft er zum ersten Mal in die Rolle des Regisseurs. Dass er dies tut, hat er der DJK Utzenhofen zu verdanken.

Der Ort, der zu Kastl gehört, hat eine lange Theatertradition und die wollte der örtliche Sportverein im vergangenen Jahr wieder beleben. Harald Meier hatte sogleich ein Stück parat, er hatte es vor Jahren gelesen: "Wo geht's denn do zum Himmi" von Ulla Kling. "Das hat mir gut gefallen", urteilt er heute über seine damalige Lektüre. Eines Abends setzte er sich an den PC und schrieb und schrieb. Nach gut fünf Stunden und ein paar Gläschen Wein war sein Werk vollbracht - und die Hälfte des Stücks abgeändert. Meier nahm Kontakt mit der Autorin auf und fragte, ob ihr Stück in der neuen Fassung aufgeführt werden dürfe. Das darf es.

Die erste Hürde war genommen, die nächste wartete schon: Die Utzenhofener bekamen nicht genügend Leute für die Bühne zusammen. Da heuer die Nachbarn aus Kastl nicht spielen, tat sich eine Kooperation auf: Entstanden sind die "KaUtzigen", deren Name sich aus den Anfangsbuchstaben beider Orte zusammensetzt.

Und weil Harald Meier die Schauspielerin Gabrielle Odinis und deren Mann Thomas Stammberger, Regisseur von "Dahoam is dahoam", kennt, kam das Paar nach Kastl, um den 16 Laien zwei Tage lang die Grundlagen des Schauspiels zu vermitteln. "Als Schauspieler darf man eine Rolle nicht nur zeigen, sondern muss emotional zu 100 Prozent in sie reinschlüpfen", sagt die 40-Jährige und bringt den Kastlern und Utzenhofern bei, wie sie die Rollen leben und nicht nur spielen. Was Unbedarfte, die an der verschlossenen Tür des Seminarraums lauschen, als Esoterik bezeichnen würden, nennt sie Psychologie und mentales Training.

"Man muss der Rechtsanwalt seiner Rolle sein", betont die Schauspielerin und erklärt das am Beispiel der Alexa Hofer, ihrer Rolle in der Vorabendserie "Girl friends". Alexa als böse Chefsekretärin sei die Antagonistin. Um sich der Figur zu nähern, müsse man wissen, warum sie sich in dieser und jener Situation so verhält wie sie sich eben verhält. Das mag in der Theorie einfach klingen, ist es aber in der Praxis nicht. Eine kleine Übung bewies es. Zwei sitzen im Kino und schauen die "Titanic" an, welche Wendung nimmt die Geschichte? Ist es ein Liebespaar, sind es Geschwister, sich zoffende Eheleute oder einfach nur Kumpels? Da fällt es nicht leicht, sein eigenes Ich hinter sich zu lassen und ganz in der Rolle aufzugehen.

Bühne eine Parallelwelt

"Stopp, stopp, stopp", ruft Gabrielle Odinis plötzlich und stellt die alles entscheidende Frage: "Ist das glaubwürdig?" Alle schütteln den Kopf, einschließlich der Darstellerin, die gesteht, dass sie nur auf die weiße Leinwand im Seminarraum geblickt, ihr inneres Auge eben nicht die "Titanic" gesehen habe. Somit bestätigte sich wieder Odinis' Aussage, die Bühne sei eine Parallelwelt, die in sich lebt. "Wenn euch was gruselt, dann müsst ihr euch diese Situation vor dem inneren Augen vorstellen", sagt sie. Nur so komme man glaubwürdig rüber.

Manfred Knauer ist einer der Spieler. Für ihn war das Schauspiel-Seminar ein Novum. "Ich habe in meinem Leben noch nie meditiert", gesteht er freimütig. "Und es hat mich voll mitgerissen." Nie und nimmer hätte er gedacht, dass man durch Meditation verschiedene Farben hochholen und diese dann einem bestimmten Gefühl - Traurigkeit oder Fröhlichkeit - zuordnen kann. "Aber es funktioniert", freut er sich. Irgendwie klingt er verblüfft: "Wenn man an die Farbe denkt, kommt automatisch dieses Gefühl."

Er habe schon öfters Theater gespielt, aber bei dem Seminar sei etwas mit ihm passiert: "Ich konnte komplett abschalten. Was um mich rum war, das habe ich gar nicht mehr wahrgenommen." Ebenso verblüffend für ihn, wie gut das erste Spiel funktioniert hat. "Hallo, ich bin der Manfred und wenn ich mich freue, dann mache ich so", sagt er und macht eine dafür typische Handbewegung. "Freeze", ruft Gabrielle Odinis dazwischen und klatscht zwei Mal in die Hände. Manfred Knauer friert seine Bewegung ein, alle anderen machen sie nach: "Aha, so sehen mich also die anderen."

"Ihr müsst euch einlassen"

Neues Spiel, neuer Versuch. Und wieder lernen die Darsteller, dass die Schauspielerei nicht so einfach ist. Wann immer es einem der Akteure peinlich ist, dass die Szene schon wieder ins Stocken geraten ist, winkt Odinis gelassen ab. "Traut euch", sagt sie. Was kann denn schon schief gehen? Was sollte passieren? Nix! "Nur dass ihr euch nicht einlässt." Doch das tun die Laien zweifelsohne - ab 21. Februar dann auf den Himmel.
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