Nach zehn Jahren Leerstand
Klosterburg Kastl wird Fachhochschule

Weil die Wurzeln der Klosterburg auf der Anhöhe über Kastl mehr als 1000 Jahre weit zurückreichen, hat bei dem historischen Gemäuer auch immer der Denkmalschutz ein Wörtchen mitzureden. Das macht die Nutzung des Areals, das ordentliche Geldmengen nur für die Heizung und den Bauunterhalt verschlingt, nicht leichter. Für den Umbau zur Fachhochschule sind Kosten von 10 bis 15 Millionen Euro im Gespräch. Bild: ge
Politik
Kastl
27.09.2016
2321
0

Womöglich hat Markus Söder sein Ministerium auf dem falschen Fuß erwischt, als er am Freitag beim CSU-Bezirksparteitag in Roding ankündigte, die Klosterburg Kastl werde Ausbildungsstandort für die Polizei. Es tut sich noch am Montag schwer mit weiteren Informationen.

Kastl/München. Doch örtliche CSU-Politiker wissen schon etwas mehr: Eine Fachhochschule der Polizei soll es werden, sagt der Kastler Bürgermeister Stefan Braun. Als zweiter Standort der "Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern - Fachbereich Polizei" in Sulzbach-Rosenberg; gewissermaßen als Außenstelle.

Besser als Container


"Aber Sulzbach-Rosenberg wird dadurch nichts weggenommen", baut der Landtagsabgeordnete Harald Schwartz etwaigen Befürchtungen vor. Der Standort bekomme rund 250 neue Schüler, "die dort nicht untergebracht werden können". Als Überbrückung sei eine Containerlösung im Gespräch. Die verursache Millionenkosten, während es in Kastl bei einigen Zimmern reiche, die Wände zu streichen, um sie wieder nutzen zu können. Selbst wenn man die Klosterburg mit Polizei-Fachhochschülern voll belege, "bleiben noch 100 oder 150 für Sulzbach-Rosenberg". Für Schwartz eine "absolute Win-win-Situation".

Vor seiner Zeit im Landtag war Schwartz als Insolvenzverwalter für die Klosterburg zuständig. Er erinnert sich noch an den kleinen Buben, der damals aufgeregt fragte, ob sie denn jetzt wegen der Energiekosten in ihren Zimmern noch Tee kochen dürften. Oder dass er als Insolvenzverwalter 2006 quasi auch Schulleiter war und zur letzten Abiturfeier einlud. Fast wehmütig erzählt er von den vielen Besichtigungsterminen, die er mit Interessenten hatte, die schließlich alle wieder zurückzogen.

Deshalb freut er sich, dass die politische Entscheidung zugunsten von Kastl ausfiel. Denn bei der fachlichen Bewertung der möglichen Standorte für die FH seien zwei sogar besser eingestuft worden als die Klosterburg. "Aber die sind nicht im Eigentum des Freistaats." Er sei "superfroh über die Unterstützung aller Beteiligten", auch wenn noch "ein bis zwei Formalien" zu erledigen seien, bevor man absolute Sicherheit habe.

Am Abend lässt dann doch noch das Ministerium von sich hören, wenn auch in recht knapper Form: "Wir kalkulieren derzeit mit rund 90 Polizisten, die ab 2020 in Kastl studieren könnten", wird Söder in einer schriftlichen Stellungnahme zitiert. Als nächster Schritt sei ein Bauantrag mit einer konkreten Kostenschätzung vorgesehen. Außerdem stehe noch die Zustimmung des Haushaltsausschusses im Landtag aus.

Bürgermeister Braun hat seit 2006 bei der Klosterburg schon einige zerstobene Hoffnungen erlebt. Möglicherweise hat er deshalb am Freitag bei Söder genau hingehört und weiß, dass es "noch einige Prüfungen und Beschlüsse" braucht, bis der Polizeistandort Kastl in trockenen Tüchern ist. "Wenn das klappt, bin ich einer der glücklichsten Politiker."

"Perfektes Konstrukt"


Zweifel, dass die beabsichtigte Nutzung erfolgt, hat der Bürgermeister nach der Ansage des Ministers nicht mehr. "Das wäre für Kastl ein Riesenerfolg", meint Braun, zumal die Marktgemeinde diese Lösung mit initiiert habe. Das Heimatministerium habe dabei seinem Namen alle Ehre gemacht und gezeigt, dass die Stärkung des ländlichen Raums dort nicht nur eine Worthülse sei. Es liefere jetzt ein Paradebeispiel, wie man diesen Gedanken mit dem Sicherheitsaspekt ganz stark verbinde. "Das perfekte Konstrukt", sagt Braun. "Für Kastl ist es existenziell wichtig, dass unser Wahrzeichen für die Zukunft wieder mit Leben erfüllt wird. Deshalb war das für uns als Gemeinde die wichtigste Entscheidung der letzten Jahrzehnte.

Angemerkt

Söder haftet mit seinem Ruf

Für junge Menschen hat das Leben in einem Burginternat schon einen Reiz - ob man die Jugendbuchreihe "Burg Schreckenstein" von Oliver Hassencamp nun gelesen hat oder nicht. Der Erwachsene dagegen denkt zuerst mit Grausen an die Unannehmlichkeiten, die so ein Wohnort mit sich bringt: kalte, zugige und ungünstig geschnittene Räume, erhebliche Mitspracherechte des Denkmalschutzes, ständiger Reparaturbedarf, immense Unterhaltskosten.

Insofern ist es zumindest keine komplette Überraschung, wenn sich selbst der mit vielen potenziellen Nutzungsmöglichkeiten ausgestattete Freistaat als Eigentümer der Kastler Klosterburg schwertut, hier jemand dauerhaft unterzubringen. Aber zehn Jahre Leerstand (abzüglich ein paar Wochen College-Unterricht)? Dieses fragwürdige Jubiläum wollte sich Finanzminister Markus Söder als Hausherr offensichtlich nicht allzu lange vorhalten lassen. Schon im Juli hatte er bei einem Redaktionsgespräch in der AZ eine "öffentliche Nutzung" der Burg etwas verklausuliert in Aussicht gestellt.

In Roding hat er dann die Katze aus dem Sack gelassen, auch wenn anscheinend noch nicht alle notwendigen Beschlüsse gefasst sind, um die Kastler Burg als Außenstelle der Sulzbach-Rosenberger Fachhochschule der Polizei herzurichten. Doch mit der Verkündigung durch den Minister dürften die letzten Zweifel beseitigt sein. Denn eines wird sich Heimatminister Söder nicht nachsagen lassen: dass er ein Projekt zur Stärkung des ländlichen Raumes fest versprochen hat, es dann aber nicht umsetzen konnte.

Schließlich hat Söders Chef Horst Seehofer vorgemacht, wie man so etwas durchdrückt: Als der Ministerpräsident im Februar 2009 ins Goldene Buch der Stadt Augsburg überraschend hineinschrieb "Die Uni-Klinik kommt!!!", glaubte das eigentlich schon keiner mehr. Seit Juli sind alle Hürden dafür überwunden. Das darf sich Söder ruhig zum Vorbild nehmen. Vom Zeitrahmen her sollte es natürlich etwas schneller gehen.

markus.mueller@zeitung.org



Wenn das klappt, bin ich einer der glücklichsten Politiker.Stefan Braun, Bürgermeister von Kastl




Chronologie1958 Gründung des "Ungarischen Gymnasiums" in Kastl.

2000 Gründung einer gemeinnützigen Betreibergesellschaft des Europäisch-Ungarischen Gymnasiums Kastl aus Ungarischem Schulverein, Diözese Eichstätt, Landkreis Amberg-Sulzbach und Gemeinde Kastl.

2002 Die Diözese Eichstätt gibt ihre Anteile daran ab.

2005 Landkreis Amberg-Sulzbach und Gemeinde Kastl geben ihre Anteile an der Trägergesellschaft zurück. Grund: jahrelange Querelen mit dem Ungarischen Schulverein als Mehrheits-Anteilseigner; in fünf Jahren hatte sechsmal der Geschäftsführer gewechselt.

1. Juni 2006 Das Insolvenzverfahren für die Trägergesellschaft wird eröffnet. Insolvenzverwalter wird Dr. Harald Schwartz.

Juli 2006 Das Gymnasium schließt seine Pforten. Zuletzt sind noch gut 100 Schüler dort.

2006 Die Grundig-Akademie in Nürnberg und eine Bankengruppe fragen wegen alternativer Nutzungen an. Am konkretesten werden die Verhandlungen mit dem Kolping-Bildungswerk Baden-Württemberg, das in der Burg ein Gymnasium mit Internat betreiben möchte. Der Plan scheitert Ende 2006 an den 2,4 Millionen Euro, die für das Herrichten der Gebäude aufzubringen wären.

2007 Eine Stiftung will mit Investoren aus Ungarn den Schulbetrieb wieder aufnehmen, erhält aber vom Kultusministerium keine Unterrichtgenehmigung. Begründung: Die Qualität der Pädagogen ist nicht nachgewiesen.

Mai 2009 Das "Avicenna International College" (AIC) von Dr. Sharokh MirzaHosseini startet mit 40 Schülern Vorbereitungskurse fürs Medizinstudium. Sie enden bereits nach einigen Wochen.

2012 MirzaHosseini will ein achtklassiges Gymnasium nach bayerischen Regeln starten, erhält aber vom Kultusministerium dafür keine Genehmigung. Im Oktober kündigt der Freistaat den seit 2008 laufenden Mietvertrag mit dem AIC fristlos - wegen "Vertragsverletzungen". AIC habe sich etwa nicht um das Auffüllen der Heizöltanks gekümmert.

2013 Die Regierung prüft, ob ein Nebengebäude als Gemeinschaftsunterkunft für 40 Asylbewerber dienen kann. Das scheitert an hohen Umbaukosten. (ll)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.