ZDF-Sportkommentator hat eine Oberpfälzer Vergangenheit
Wie Béla Réthy aus Kastl floh

Béla Réthy war 1967/68 Schüler in der Kastler Klosterburg. Bild: dpa
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Kastl
06.07.2016
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Wenn ZDF-Reporter Béla Réthy heute Abend das EM-Halbfinale kommentiert, lohnt es sich, mal hinzuhören, ob er bei manchen Worten eine Oberpfälzer Aussprache hat. Denn seine ersten Brocken Deutsch lernte er in Kastl. Es war für ihn aber keine schöne Zeit.

In den offiziellen biografischen Daten zu Réthy findet sich die Kastler Episode nicht, aber in seiner Autobiografie "Live. Die Länderspiele meines Lebens" von 2014 schrieb er etwas darüber, das er im selben Jahr durch Aussagen in der Talkshow von Markus Lanz ergänzte. Daraus entsteht folgendes Bild:

Die Eltern Réthys waren 1956 nach dem Volksaufstand aus Ungarn geflüchtet und hatten sich in Brasilien niedergelassen. Dort gefiel es Klein-Béla prächtig, doch 1967 kamen seine Eltern auf die Idee, ihn ins Europäisch-Ungarische Gymnasium in der Kastler Klosterburg zu stecken. "Ich sollte die ungarische Sprache etwas vertiefen." Der noch nicht Elfjährige (Réthy ist im Dezember 1956 geboren) ließ sich überzeugen. Das mit der Schule in der Burg "klang spannend", außerdem sollte es nur für ein Jahr sein.

Das "Internat hinter dicken Mauern" verdarb dem jungen Brasilianer aber schnell die Stimmung. "Allein schon das Gebäude fand ich gruselig." Keine Spur von Harry Potters Hogwarts (das man ohnehin noch nicht kannte). "Alles war einfach nur alt und dunkel und erdrückend." Béla fühlte sich so unwohl, dass er sich weigerte zu lernen. "Vor allem wollte ich nicht Deutsch lernen. Ich hasste Deutschland, und ich fühlte mich gezwungen, hierzubleiben."

Ein Freund haut mit ab


Also schmiedete er mit seinem Sitznachbarn Robert Löw einen Plan, um nach Brasilien zurückzukehren. Sein Freund war zwar, wie Réthy bei Markus Lanz erzählte, "ganz zufrieden im Internat, aber ich habe ihn davon überzeugt, dass Brasilien ein noch schöneres Land sei als dieses kleine Dorf da". Der Plan lautete: mit dem Zug nach Neumarkt, dann weiter bis Hamburg, dort als Schiffsjungen anheuern und über den Atlantik bis zu den Eltern nach Santos.

Doch die Sache lief nach der nächtlichen Flucht nicht rund: "Wir sind getrampt, weil mit dem Bahnhof klappte das irgendwie nicht. Es war kalt, ein bayerischer Winter." Als die Jungs vor lauter Müdigkeit nicht mehr weiter konnten, schliefen sie in einer Telefonzelle. Als sie aufwachten, lief längst die Großfahndung inklusive Aufruf im Radio. Die hörte ein älterer Mann, dem die beiden Anhalter dann auffielen. Er lud sie zu sich nach Hause ein, kredenzte den durchgefrorenen Burschen heißen Kakao und rief heimlich die Polizei.

"So hat eine lumpige Tasse Kakao unser Abenteuer verhindert", erinnerte sich Réthy in der Autobiografie. "Aus der Schiffsreise nach Brasilien wurde ein Mini-Ausflug nach Neumarkt. Nach nur 28 Kilometern war unsere große Reise schon zu Ende."

Der eingefangene Ausreißer fügte sich und sehnte das Ende seines Exils herbei, nachdem seine Eltern ihm versichert hatten, wenn er das Schuljahr zu Ende mache, "holen wir dich raus, ganz offiziell". Doch dann teilten sie ihm mit, dass auch sie jetzt nach Deutschland kämen, weil der Vater dort im Rhein-Main-Gebiet eine neue Arbeit gefunden habe. Ab 1968 besuchte Réthy deshalb ein Gymnasium in Wiesbaden, wo er richtig Deutsch lernte.

Erstmals bei Bayern-Spiel


Die Zeit in Kastl hatte für ihn aber etwas Wegweisendes, urteilte er später, weil er damals sein erstes Fußballspiel in einem Stadion erlebte. Er fuhr in den Ferien zu Verwandten nach München und sah sich dort ein Spiel der Bayern gegen Köln an. Mit Beckenbauer und Sepp Maier - "ein ganz dürrer Torwart, der unglaubliche Sachen hielt. Wie ein Flummi sprang er von einer in die andere Ecke." Nachdem Réthy in Wiesbaden schnell neue Freunde gewonnen hatte, lautete sein Urteil über die neue Heimat: "Deutschland war doch gar nicht so schlimm und weit mehr als schlechtes Wetter, unmögliche Klöster und dicke Wände."

Nachgefragt

Béla Réthy kam noch einmal zurück

Obwohl die Erinnerungen von Béla Réthy an das Internat in der Klosterburg nicht nur positiv sind, hat er dort später noch einmal vorbeigeschaut – Anfang der 90er Jahre auf der Rückreise von einem Ungarn-Urlaub, wie er der AZ auf Nachfrage mitteilte. Sein Eindruck: „Sah genauso aus wie damals. Schade, dass so ein schönes Gebäude heute nicht mehr genutzt wird.“ Denn die Anlage an sich sei schon sehr beeindruckend gewesen. Réthy erinnerte sich sogar noch an den Namen des „Flüsschens im Dorf“ (Lauterach) und dass zu der Schule noch eine Freizeitanlage außerhalb namens Bärnhof gehörte.
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