Geburt einer Glocke

Rund 30 Jahre haben die Waldecker auf dem Burgberg nach ihren geschichtlichen Wurzeln geschaufelt. Die Grundmauern der freigelegten St.-Ägidius-Kapelle wurden inzwischen rekonstruiert. Nun soll das ehemalige Kirchlein auch wieder eine Glocke bekommen. Bild: hl
Archiv
Kemnath
22.06.2015
49
0
 
Er hat viel gebuddelt für die Glocke. Der Vorsitzende des Heimatvereins Waldeck, Georg Wagner, vor einer Musterglocke. Bild: hl

In der Oberpfalz wird eine Glocke geboren. Ein Benediktinermönch gießt sie live vor Publikum. Von diesem Ereignis träumen die Waldecker seit 30 Jahren. Der Traum wird nun wahr.

Ein Benediktinermönch aus der Eifel kommt nach Waldeck im Kemnather Land (Kreis Tirschenreuth). Er wird eine Glocke vor Hunderten von Zuschauern gießen. Dieses landesweit einmalige Ereignis ist nur möglich, weil die Dorfbewohner ihre Vergangenheit ausgruben - und Jahrzehnte ganz tief schaufelten.

"Wir hatten doch mal ein richtiges Wahrzeichen oben auf unserem Berg", sagten sich die Waldecker. Damals, 1978, wurden sie nach Kemnath zwangseingemeindet und suchten nach ihrer eigenen Geschichte. Auf dem Berg standen aber nur ein paar zugewucherte Mauerreste.

Es soll ein Glockerl läuten

"Also haben wir angefangen zu buddeln", erinnert sich Georg Wagner. Er war Mann der ersten Stunde beim Waldecker Heimat- und Kulturverein. Von ihm ging die Initiative im Jahr 1982 aus. Vier bis fünf Mann arbeiteten mit Schaufel und Pickel in ihrer Freizeit an der Ruine. Langsam legten sie den Mauerlauf der Burgruine frei. Das Landesamt für Denkmalpflege wurde auf ihre Bemühungen aufmerksam und unterstützte mit Beratung und Geld. So kam langsam ein historischer Schatz aus dem 12. Jahrhundert zum Vorschein.

Ende der 1980er-Jahre stießen sie auf die Reste der St.-Ägidius-Kapelle. Das, erinnert sich Georg Wagner, war der Beginn eines großen Wunsches: "Dass da oben wieder ein Glockerl läuten soll." Bis der Wunsch Wirklichkeit wurde, dauerte es jedoch noch ein paar Jahrzehnte. Nach vielem Schaufeln und Verhandlungen erhielten die Waldecker 200 000 Euro aus Bundesmitteln und konnten mit der Rekonstruktion der Kapelle beginnen.

Dass die Glocke läuten soll, war also klar. Doch wo bekommt man denn überhaupt eine Glocke her? Leonhard Zintl vom Heimatverein machte sich auf die Suche. Sieben Glockengießereien gibt es noch in Deutschland. Bei einem Besuch in Kloster Maria Laach bei Koblenz erfuhr er von der dortigen Glockengießerei. Sie ist die einzige weltweit, die noch von Patres geführt wird. Und in ganz wenigen Fällen gießen sie Glocken vor Ort und Publikum. Zintl konnte die Benediktiner überzeugen, diese Zeremonie in Waldeck vorzuführen. "Ich habe schon mit vielen gesprochen, aber keiner kann sich erinnern, dass es so etwas im Landkreis und in Bayern schon mal gab", erzählt Zintl.

Seltener Glockenschauguss

Am Freitag, 24. Juli, kommen die Ordensbrüder mit einem Lastwagen, beladen mit einem Schmelzofen, Lehm, Stroh, Kupfer, Zinn und Kohlen, vom Kloster Maria Laach im Rheinischen Schiefergebirge nach Waldeck in die Oberpfalz.

Auf einem Festgelände am Ortseingang errichten die Einwohner eigens eine Tribüne. Dort können die Besucher die Geburt der Glocke miterleben. Von dort aus können sie sehen, wie die Benediktinermönche nach 900 Jahre alter Tradition die Glockenform in einem Erdloch bauen, das Metall im Schmelzofen verflüssigen und in die Glocke gießen. Die Eintrittsgelder fließen in die Revitalisierung der St.-Ägidius-Kapelle, für die auch ein Spendenkonto eingerichtet ist. Am Samstag folgt der nächste große Augenblick. Die Glocke wird aus ihrer Form geschält und zum ersten Mal angeschlagen, wie es sich Wagner vor 30 Jahren gewünscht hat. Leonhard Zintl ist sich sicher: "Noch unsere Kinder werden ihren Nachkommen davon erzählen, wie sie damals beim Waldecker Glockenguss dabei waren."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.