HAK zeigt neue Ausstellung
Schiffeversenken für „Patrioten“als patriotischer Spaß

Der Krieg - ein Kinderspiel? Diesen Eindruck sollte die Propagandakarte aus dem Ersten Weltkrieg vermitteln, die Museumsleiter Anton Heindl bei der Ausstellungseröffnung vorführte: Ein Zug an der Lasche, und das feindliche Kriegsschiff war versenkt. Bild: bjp
Kultur
Kemnath
26.07.2016
34
0

Für Anton Heindl "grenzt so etwas an Gotteslästerung". Allein mit Kopfschütteln mochte der Leiter des Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums gewisse Auswüchse militaristischer Indoktrination nicht abtun. Was ihn bei der Eröffnung der neuen Sonderausstellung "Schätze aus Papier" (wir berichteten) so erbitterte, war eine Weihnachtskarte.

102 Jahre alt ist das Exponat. Und bei aller scheinbaren dezenten Unauffälligkeit doch ein beredt-brisanter Zeuge des chauvinistischen Hochmuts, der während des Ersten Weltkriegs nicht nur in Deutschland grassierte.

"Wie unser Herrgott Weihnachten 1914 den deutschen Christbaum geschmückt hat - Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat", steht darauf neben einem Weihnachtsbaum zu lesen. Als Schmuck trägt dieser außer zeitgenössischem Kriegsgerät Schildchen mit Orten siegreicher Schlachten. Wie viele tausend Soldaten bereits in diesen ersten Kriegsmonaten, vor allem beiderseits der schon damals "festgefahrenen" Westfront, ihr Blut vergossen hatten, liest man dort freilich nicht. Stattdessen feierte man "keine Parteien" und forderte noch mehr "Gut und Blut für Kaiser und Vaterland". Dazu passt eine Karte, die dem Empfänger das "Vergnügen" bereitete, durch Ziehen an einer mit einem Eisernen Kreuz geschmückten Lasche ein britisches Kriegsschiff zu versenken.

Anstoß dürften derartige "Späße" nur bei wenigen erregt haben, schätzte Anton Heindl. Er verwies zur Erklärung auf zeitgenössisches patriotisches Papier- und Pappspielzeug: "Ob Kinder-Offizierspickelhaube, Ordensspange oder Brustlatz aus Pappe: die Kinder sind von klein auf mit dem Militarismus aufgewachsen." Doch kommen in der neuen Ausstellung auch die friedlichen, fröhlichen, kunstvollen und kuriosen Seiten des damaligen Lebens nicht zu kurz: Neben Poesiealben, Kulissen-Glückwunschkarten oder "Ballspenden" für Besucherinnen der Hofbälle in München und Berlin findet sich in der Fronveste auch ein Verlobungsbild Ludwigs II. von 1867.

Dieses sei insoweit eine Kuriosität, da die Verlobung mit Sophie Charlotte, einer Cousine seines Vaters, nach wenigen Monaten geplatzt sei, merkte Heindl an. Mit zahlreichen Werken aus verschiedenen Epochen, darunter zehn Arbeiten des Pressather Stadtpfarrers Edmund Prechtl mit Motiven aus dem Leben der Mutter Jesu, würdigt das Museum die anmutige Kunst des Scherenschnitts. Zwei Goldene Bücher der Stadt erinnern an illustre Gäste und markante Ereignisse der Lokalgeschichte seit 1950. "Blättern" können die Museumsbesucher allerdings nur am Computer in digitalen Seitenreproduktionen, die Kunstfotograf Rainer Sollfrank angefertigt hat.

Servietten aus Eissalon


Eine Vitrine reservierte das Museumsteam für eine Auslese aus der Papierserviettensammlung von Lieselotte Priebe. Schon "in jugendlichen Jahren" habe sie mit dem Sammeln begonnen, verriet die gebürtige Selberin: "Damals waren es die italienischen Servietten aus einem Eissalon, die mich faszinierten." Später hätten eigene Urlaubssouvenirs, Mitbringsel von Verwandten und Bekannten sowie Tauschobjekte die Kollektion vergrößert. "Diese Sammlung ist so groß und vielfältig, dass unsere Ausstellungsräume dafür nicht ausgereicht hätten", begeisterte sich auch Heindl. Der Ausstellungs-Untertitel "Vergängliche Zeitzeugen" passe zu diesen Stücken besonders gut: "Von derlei Verbrauchsgegenständen hat sich ja nur wenig erhalten."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.