"Das Maß ist jetzt voll"

"Es ist schon ärgerlich, wenn beispielsweise eine ältere Frau am Bahnsteig steht und zum Einkaufen oder vielleicht zur Kur muss, und wir die geplanten Züge nicht fahren können. Das tut einem verdammt leid", beklagt der Lokführer Michael S. (Name geändert). Bild: whü
Lokales
Kemnath
10.05.2015
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Ausfälle, Verspätungen, Notfallfahrpläne und leergefegte Bahnsteige. Auch die Menschen in der Region haben im längsten Streik im Personenverkehr der Deutschen Bahn seit Jahren einiges mitgemacht. Was sagt ein Lokführer dazu?.

Bundesweit sind Millionen Menschen davon betroffen - so auch in der Kulm-Region. Als Pendler fühlt man sich oft genervt - und vor allem machtlos. Unverständnis macht sich in der Bevölkerung breit. Die Bahn legte der Gewerkschaft ein Angebot vor - es wurde abgelehnt. Warum nehmen es die GDL-Mitglieder nicht an und beenden damit den Streik? Und wie bewerten die Lokführer selbst die Situation? Wir haben mit einem Zugführer aus der Kulm-Region gesprochen.

Michael S. (Name geändert) arbeitet seit 1992 bei der Deutschen Bahn. Zuerst als Zugbegleiter, seit 2006 ist er als Lokführer tätig. Den Streik zu bewerten, fällt dem Routinier schwer. Als Mitarbeiter kennt er sowohl die Lage der Bahn-Bediensteten, als auch die der Fahrgäste. Er findet es wichtig, für seine Rechte einzutreten. Andererseits könne er auch den Ärger der Bürger über die derzeitige Situation verstehen.

GDL schon viel erreicht

Mit der Arbeit der GDL sei er aber sehr zufrieden. "Sie haben schon viel für uns erreicht. 2007 haben sie für uns Lokführer einen eigenständigen Tarifvertrag ausgehandelt", erklärt Michael S. Dieser Vertrag endete Ende Mai vergangenen Jahres. Seitdem wird wieder verhandelt - ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Geld spiele dabei aber eine eher nebensächliche Rolle. Vorrangig gehe es darum, dass die GDL zukünftig auch für Zugbegleiter und Lokrangierführer Verträge aushandeln wolle. Bei den Verhandlungen mit der Bahn werfe noch eine andere Sache einen Schatten - der nicht enden wollende Konflikt zwischen den Gewerkschaften GDL und EVG. Eine verzwickte Situation, an der für Michael S. keine der beteiligten Parteien unschuldig ist.

Die Forderungen der GDL nach weniger Arbeitszeiten und einer angemessenen Überstundenbeschränkung hält er allerdings für sehr sinnvoll: "Wir bauen wahnsinnig viele Überstunden auf, manche Kollegen bis zu 600. Da es aber einen extremen Lokführer-Mangel gibt, können wir sie nur sehr schlecht abbauen."

Das habe einen gravierenden Grund: Das Unternehmen wolle den Betrieb mit möglichst wenigen Mitarbeitern aufrecht erhalten, um Geld zu sparen. Dadurch werde erheblich weniger ausgebildet als noch vor ein paar Jahren - zum Leid der Arbeitnehmer. Den Konflikt zwischen der EVG (Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft) und der GDL sieht er dagegen sehr kritisch. "Es muss für alle einen einheitlichen Tarifvertrag geben. Deshalb müssen sich die Gewerkschaften einigen und aufhören, gegeneinander zu arbeiten. Würde das gelingen, da ist er sich sicher, würde eine "Riesen-Macht" entstehen, "dann könnten sie alles durchboxen". Bis 2015 war Michael S. Mitglied in der GDL. Am 1. Januar ist er zur EVG gewechselt. Somit kennt der Lokführer beide Seiten und Positionen der Gewerkschaften. Der Wechsel habe allerdings nichts mit Unzufriedenheit oder mangelndem Vertrauen in die Gewerkschaft zu tun: "Als Mitglied in der EVG bekomme ich jährlich einen Kindergartenzuschuss von 250 Euro pro Kind, das ist der einzige Grund, warum ich gewechselt habe."

Die Arbeitstage von Michael S. sind in der vergangenen Woche ruhig geworden. "Ich würde gerne fahren, aber es gibt nichts zu fahren. Durch die streikenden Kollegen kommen Züge nicht, mit denen wir weiterfahren würden. Wir sitzen unsere Stunden in der Dienststelle ab, können nichts machen", erklärt der Mann die belastende Situation. Sein Gehalt wird ihm dennoch von der Bahn gezahlt, auch alle Zuschüsse.

Sein persönliches, engeres Umfeld reagiere zu einem großen Teil mit Verständnis für ihn und seine Lokführer-Kollegen. "Und dann gibt es aber auch immer wieder Kommentare von Nachbarn, die die Situation ins Lächerliche ziehen. Da bekomme ich dann schon mal Sprüche wie ,gehst du nicht mal wieder arbeiten' oder ,bist ja schon wieder daheim' zu hören", erzählt Michael S.

Die Stimmung unter den Bahn-Mitarbeitern sei sehr entspannt. Da mache es keinen Unterschied, ob man GDL-Mitglied, EVG-Angehöriger oder Beamter ist. "Trotz der Streiksituation nimmt niemand etwas übel, das Arbeitsklima ist sehr gut, der Umgang völlig normal", betont der Lokführer. Dennoch gebe es unter den Kollegen unterschiedliche Meinungen zur derzeitigen Situation - überzeugte Befürworter und Kritiker des Streiks.

Mitleid mit Bürgern

Die Leidtragenden sind die Bürger, das ist Michael S. bewusst. "Es ist schon ärgerlich, wenn beispielsweise eine ältere Frau am Bahnsteig steht und zum Einkaufen oder vielleicht zur Kur muss, und die geplanten Züge nicht fahren können. Das tut einem verdammt leid", beklagt der Lokführer. Aber wo gehobelt wird, da fallen Spähne. "Die GDL setzt sich wirklich ein, und ist nicht alleine an der momentanen Situation schuld." Mann. Es gebe nur eine Lösung: Die Bahn müsse einlenken, genauso wie die EVG und die GDL. "Ich denke, das Maß ist jetzt voll. Es kommt bald zu einer Schlichtung", prognostiziert der Lokführer.
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