Endlich läutet das Glöckerl

"Wenn die Glock soll auferstehen, muß die Form in Stücke gehen." So beschrieb Friedrich Schiller in seinem "Lied an die Glocke" den Augenblick, wenn eine gegossene Glocke aus ihrem Lehmmantel geschält wird. Bild: blu
Lokales
Kemnath
27.07.2015
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Mehr als tausend Besucher waren bei der Geburt der Glocke dabei. Der Heimat und Kulturverein holte für den Schauguss Glockengießer aus einer Benediktinerabtei in der Eifel. Und die sorgten für Spannung.

"Drei Tode sterbe ich beim Glockenguss", sagt der Benediktinermönch Bruder Michael. Der erste Tod beim Guss selbst. Steht die Temperatur für die Metallmischung nicht auf genau 1150 Grad, kann der Guss nicht beginnen. Eine große Herausforderung an die Fähigkeiten von OTV-Moderator Thomas Bärthlein, der durch die Veranstaltung am Freitagabend führt.

Da der große Moment sich immer wieder um fünf Minuten verzögert, springt er zuletzt sogar zur Fragestunde ins Publikum. 1400 Besucher erwarten auf einer eigens gebauten Tribüne am Dorfeingang den großen Augenblick. Veranstalter des Spektakels ist der Waldecker Heimat- und Kulturverein. Seit 30 Jahren graben die Mitglieder auf dem ortsnahen Basaltkegel. Sie brachten eine Burgruine zutage, die sogar die Auszeichnung als national wertvolles Kulturdenkmal erhalten hat. Auch die St.-Ägidius-Kapelle auf dem Schlossberg haben sie wiederbelebt, und dort soll nun bald das Glockerl läuten. Doch zunächst klingen beim Schauguss erst einmal die Instrumente von Hubert Treml und Band. Am Ende improvisierte der Sänger im feinsten Oberpfälzerisch. "Lass es Feier worm wern, damit Glockn a schei wird". Doch dann war es soweit. "I gschbier die Hitz scho", meldete Treml. "In Gottes Namen", sagte Bruder Michael. Die Glockenspeise ist fertig.

Still verfolgen die Zuschauer und zahlreiche Redaktionsteams von BR, OTV und Radio Ramasuri das uralte Handwerksverfahren. Die Gießer schöpfen große Kellen der glühenden Kupfer-Zinn-Mischung, die Glockenspeise. Diese zähe Masse gießen sie in den Boden, wo sie langsam in die unterirdische Glockenform versickert. Das entweichende Gas aus der Form entzündet Flammen, die aus dem Boden stechen. Es brennt und glüht in der Waldecker Nacht.

Kohleneimer oder Glocke?

Und dann ist die Arbeit der Gießer erst einmal vorbei. Das Spannende geschieht jetzt unter der Erde, wo kein Auge, keine Kamera und kein Moderator hindringen können. Langsam und gleichmäßig muss die Glockenspeise in ihrer Form abkühlen. "Sonst haben wir keine Glocke, sondern einen Kohleneimer", sagt der Benediktinermönch.

Der nächste Morgen. Die Waldecker stehen schon wieder bereit mit Weißwurstfrühstück, als würden sie jede Woche eine Großveranstaltung stemmen. Die Glocke wird ausgegraben, und da steht sie nun, umgeben von einer dicken und warmen Schicht Lehm. Bruder Michael stirbt seinen zweiten Tod. Die Glocke wird aus ihrer Hülle herausgeschält. Mit Hammer, Presslufthammer und Flex befreien die Gießer die Glocke aus ihrer Geburtshülle. Bruder Michael prüft das Aussehen. Die typischen Kristalle auf der Oberfläche haben sich gebildet, die Verzierung sieht gut aus, keine Risse. Der Ordensbruder lebt noch.

Vor dem ersten Glockenschlag um 12 Uhr schlägt der Heimatverein nochmal zu. Mit einer Auszeichnung für Bundestagsabgeordneten Albert Rupprecht. Er wird kurzerhand zum Botschafter des Schlossberges gekürt. Rupprecht wolle schon immer Mal Botschafter werden, doch ihm schwane, dass die "Bazis vom Heimat-und Kulturverein" ihn auch für die Zukunft einspannen wollen.

Heimatverein "auf Zack"

Mit seiner Hilfe bekamen die Waldecker 200 000 Euro aus Bundesmitteln zur Finanzierung der St-Ägidius-Kapelle. Klar müsse diese große Summe auch inhaltliche gerechtfertigt sein. "Aber wenn keiner marschiert, dann passiert nichts", so der CSU-Politiker. Und Rupprecht ist marschiert, um die Finanzierung aus dem Staatsfonds zu ermöglichen. Neben den Klosteranlagen Speinshart und Waldsassen ist der Schlossberg nun eines der wenigen Kulturdenkmäler "von nationaler Bedeutung" in der Oberpfalz. Gemessen an der Einwohnerzahl sei Waldeck wohl der Ort in der Oberpfalz, in den am meisten Bundesmittel fließen, schätzt Rupprecht. Sicher sei die Zusammenarbeit leichter, weil er und Leonhard Zintl, zweiter Vorsitzender des Heimatvereins und Stifter der Glocke, befreundet seien. Doch der Verein mache auch eine gute Arbeit. "Der Ort ist auf Zack, die haben Ideen", betont Rupprecht. Die jahrzehntelange Ausgrabung der Burg, die Wiederbelebung der Kapelle, der Glockenguss. "Das ist gelebtes Bürgerengagement", bestätigt Zintl.

Es ist fünf vor 12 Uhr und Bruder Michael steht kurz vor seinem dritten Tod. Mit Spannung erwarten alle, dass Gemeindepfarrer Heribert Stretz endlich die Glocke anschlägt. Hell, kraftvoll und wunderschön klingt sie beim Schlag mit dem Handklöppel. Perfekt klingt sie aber erst, wenn sie im Kloster Maria Laach fertig poliert wird. Der Gießermeister prüft die Sekunden des Schalls. 65 Zentimeter hat die Glocke im Umfang, und genauso viele Sekunden soll sie klingen. Bei 70 Sekunden hört er auf zu zählen. "Passt", schließt Bruder Michael. Der Mönch ist nicht gestorben und in Waldeck ist eine Glocke geboren.
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