Fasching im Frühsommer

Georg Schraml hinter seinem Haus auf dem privaten Fahrweg. Er hat Angst, dass den bald Hotelgäste und sonstige Fremde ganz legal nutzen dürfen. Bild: wüw
Lokales
Kemnath
10.06.2015
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An Waldecks Markt gärt ein Streit um alte Rechte und neue Hotels. Der Fall ist komplex, die Fronten verhärtet.

(wüw) Für Faschingszug und Prunksitzungen sind Waldecks Narren bekannt. Für ähnlich viel Unterhaltung sorgt ein Nachbarschaftsstreit im Markt. Letzter Höhepunkt war eine Verhandlung am Verwaltungsgericht. Georg Schraml hatte geklagt, weil Stadt und Landratsamt seiner Nachbarin Elisabeth Zintl genehmigt haben, aus einer Scheune einen Frühstücksraum für ihr Hotel zu machen. Das schriftliche Urteil liegt noch nicht vor. Aber schon jetzt steht fest, dass das Gericht den Streit nicht beenden wird.

Schraml ist ein akkurater Mensch. Er überlegt lange, bevor er etwas sagt. Er war lange im Kemnather Stadtrat, zuvor Waldecks letzter Bürgermeister vor der Eingemeindung. Danach habe er sich zur Ruhe setzen wollen, sagt der 75-Jährige. "Ich bin nicht einmal mehr ins Wirtshaus gegangen", erklärt Schraml. Jetzt müsse er etwas sagen, weil sich sonst sein Leben und der ganze Ort für immer verändern.

Auf Nachbars Rücken

Schuld an der Veränderung soll Elisabeth Zintl sein. Mit ihrem Mann Leonhard betreibt sie seit Jahren das Landhaus zum Hirschen. In den vergangenen Jahren kaufte das Paar mehrere leere Häuser am Markt und erweiterte den Hotelbetrieb mit diesen zu den Hollerhöfen. Schraml sagt, er finde es gut, dass Familie Zintl die Häuser nicht verkommen lässt, das helfe dem Ort. Aber er habe kein Verständnis, dass die Zintls ihren Betrieb auf dem Rücken der Waldecker ausbauen.

Die Hotelbetreiberin kann mit diesen Vorwürfen nichts anfangen. "Mir ist gute Nachbarschaft wichtig", sagt Zintl. Sie bemühe sich, dass der Ort von ihrem Hotelbetrieb nichts mitbekommen. Sie verweist auf eine Privatstraße, die sie von der Bundesstraße zu ihrem Stammhaus hat bauen lassen, dort sind 45 zusätzliche Parkplätze entstanden, ein eigener Fußweg führt die Besucher über Privatgrund zu den Gästehäusern am Markt. "Die Nachbarn bekommen davon gar nichts mit."

Schraml sagt, er habe andere Erfahrungen gemacht. Auch andere Markt-Anwohner berichten von Hotelgästen, die mit ihren Autos auf Privatwegen unterwegs waren. Zintl sagt, dass sie nicht ausschließen könne, dass sich ein Gast dorthin verirre oder bewusst über ihre Vorgaben hinwegsetzt. "Aber wir tun alles, um das zu verhindern." Schraml traut diesem Versprechen nicht. Er wirft ihr vor, nichts auf die Wünsche der Nachbarn zu geben. Zintl entgegnet, Schraml und andere Anwohner würden sich gegen jede Veränderung Sperren. Aber ohne Veränderung gehe es nicht, wenn Waldeck eine Zukunft haben soll.

Schraml fürchtet, dass er sein Waldeck bald gar nicht mehr erkennt. Schuld sei vor allem die Stadt, weil sie Zintl trotz des Widerspruchs mehrerer Anwohner erlaubt hat, auch die landwirtschaftlichen Gebäude ihrer Anwesen am Marktplatz fürs Hotel zu nutzen. Aus einer Scheune ist der "Hollerbusch" geworden, eine Frühstücksstube für rund 20 Hotelgäste. Eine weitere Scheune sollte für Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen umgebaut werden, diese Pläne liegen auf Eis, sagt Zintl, obwohl der Richter am Verwaltungsgericht kein Problem an der Umnutzung sehe. Sogar ihr Wegerecht soll Zintl auf ihre Gäste übertragen können.

Eine Horrovorstellung

Für Schraml eine Horrorvorstellung, obwohl Zintl verspricht, ihre Gäste von den Privatgrundstücken der Nachbarn fernzuhalten. Schraml glaubt dem Versprechen nicht, außerdem befürchtet er, dass auch andere Anwohner ihre landwirtschaftlichen Gebäude bald anders nutzen wollen. "Wenn Zintl dort ein Gewerbe betreiben darf, kann die Stadt das anderen nicht verweigern", sagt Schraml. Er habe Angst, dass sein Hinterhof bald Teil einer Geschäftsstraße ist.

Tatsächlich hat Manfred Betzold eine Anfrage an die Stadtratsfraktionen geschickt, ob er in seinem Hinterhof am Unteren Markt einen Getränkemarkt betreiben darf. Betzold gibt zu, dass die Anfrage eher als kreative Protestform zu verstehen ist. "Ich habe vor Jahren über so einen Markt nachgedacht und es dann gelassen, weil ich das meinen Nachbarn nicht zumuten wollte." Es wolle nun zeigen, was passiert, wenn jeder sein Recht nutzen will.

Viel Zuspruch

Elisabeth Zintl möchte zu diesen Plänen nichts sagen. Nur so viel: "Jeder soll sein Recht nutzen dürfen. Sie habe aber auch kein Problem, wenn die Anwohner die Einfahrt zu den Hinterhöfen durch Schranken oder "Anwohner frei"-Schilder sichern. Für sich wolle sie keine Extrawurst. Das wissen auch einige Nachbarn, von denen sie viel Zuspruch bekomme. "Einige haben mir gesagt, dass sie mit diesem Widerstand nichts zu tun haben, als ich von diesem Widerstand noch gar nichts wusste."
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