Geringes Lösegeld für Glocken

Ein Blick in die Vergangenheit: Die Skizze aus dem Staatsarchiv zeigt, wie die Burgkapelle einmal ausgesehen hat. Die Glockenweihe am Wochenende beendet die glockenlose Zeit auf dem Schlossberg. Damit geht auch ein großer Wunsch des verstorbenen Helmut Zillner in Erfüllung. Bild: hl
Lokales
Kemnath
29.08.2015
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Im Spanischen Erbfolgekrieg wurde die Burgkapelle St. Ägidius in Waldeck zerstört. Mit der Glockenweihe an diesem Wochenende, 29./30. August, sind somit 310 Jahre vergangen, seit 1705 die Glocken entführt worden und verstummt sind.

Am 14. September 1705, elf Monate nach der Übergabe im Spanischen Erbfolgekrieg, brach der Tag des gänzlichen Untergangs der einst stolzen Veste und damit auch der Burgkapelle St. Ägidius an, nämlich die vom Kaiser befohlene Demolierung der Befestigungsanlagen, unter Leitung des Regierungsrates von Wörner. Die drei Glocken und die eiserne Uhr wurden vom markgräflichen Obristen von Liebsdorff entführt.

Über das Schicksal, das das Kirchlein bei der Demolierung der Burganlagen erleben musste, gibt ein Brief Auskunft, den Pfarrer Johann Erhardt Friedl am 8. April 1706 an den Dechanten in Mockersdorf richtete. Er berichtet, wie die Schlosskirche bei der Belagerung durch die Bomben und die Zersprengung der Veste sowohl ruiniert worden sind. Um dies alles zu reparieren, müsse ein großer Geldbetrag aufgewendet werden.

Gottesdienste in St. Anna

Pfarrer Friedl berichtete in seinem Brief auch von der Entführung der drei Glocken und der eisernen Uhr durch den fränkischen Obristen von Liebsdorff. Dieser gab dazu als Vorwand an, dass die Glocken während der Bombardierung geläutet worden seien . Diese Behauptung wurde vom Pfarrer als "wahrheitswidrig" zurückgewiesen. Er fuhr fort, dass nunmehr die Gottesdienste in der kleinen St.-Anna-Marktkapelle abgehalten würden, zu denen er nunmehr ein Zeichen "mit den Wandl Klenslein", den Wandlungsklingeln, geben lasse.

Dem Brief ist weiter zu entnehmen, dass man einen Wiederaufbau des St.-Ägid-Pfarrkirchleins erwogen hat, weil in der Marktkapelle zu wenig Platz war. Man wollte mit dem Kastner in Kemnath darüber reden. Offensichtlich wurde dieser Plan wegen der hohen Kosten verworfen.

Zu der Entführung der Glocken und der Einnahme der Burg Waldeck, machte auch der Erbendorfer Pfarrer Dr. Johann Michael Weiß einen Eintrag in sein Tagebuch. Darin sind auch die beiden Kommandanten Rametha und Schwanenberg sowie der Markgräfliche Obrist von Liebsdorff genannt, die "unwissend des Marktes Waldegg und der ganzen Garnison sehr spöttisch capituliret" haben. Nach der Übergabe der Burg waren die Einwohner des Marktes großen Bedrängnissen durch die plündernden fränkischen Soldaten ausgesetzt. Besonders schmerzlich war dabei die schon genannte Entführung der Glocken und der Uhr. Darüber kam es zu langwierigen Auseinandersetzungen, die in einem Briefwechsel mit Regierungsstellen ihren Niederschlag fanden und erst 1718 beendet wurden.

Ein Herz gefasst

Am 24. März 1706 nahm sich Pfarrer Johann Erhardt Friedl ein Herz, griff zur Feder und verfasste einen Brief an den "Durchlauchtigsten, Großmächtigsten, Unüberwindlichsten" Kaiser, dem die Zerstörung der Burganlagen zu verdanken war. Er richtete an Seine Majestät die inständige Bitte, dass die drei Glocken und die eiserne Uhr, die von seiner Pfarrkirche St. Ägid durch die Soldaten des Obristen von Liebsdorff nach Bayreuth geschafft worden seien, wieder zurückgegeben würden. Der Pfarrer bemerkte dazu, dass dem Vernehmen nach sich die größere Glocke zu Bayreuth, die anderen beiden zu "Tressen" befänden. Unter den Archivalien befindet sich kein Antwortschreiben aus der kaiserlichen Kanzlei. Es wäre wohl auch zu vermessen gewesen, dies zu erwarten.

Bittschrift zum Fürsten

Es vergingen vier Jahre, ehe sich der Marktrat entschloss, an den "Durchlauchtigsten Kurfürsten Maximilian II. Emanuel" eine Bittschrift zu richten. Obwohl kaum Hoffnung auf die Rückgabe der Glocken bestand, unterbreiteten die Ratsmitglieder am 10. Oktober 1710 dem Kurfürsten das Ersuchen, dass ihnen für den Fall, dass die Glocken nach Waldeck nicht "restituiert" werden sollten, ein "Äquivalent", also ein Ausgleich in Höhe von 1000 Gulden von den Bayreuther Räten entrichtet werde.

Aus den folgenden Schriftstücken geht hervor, dass es daraufhin zu einem Briefwechsel zwischen der Landesregierung und dem Landrichter in Kemnath kam. Die Waldecker mussten sich abermals in Geduld üben, denn erst nach fünf Jahren nach dem Bittbrief des Marktrates, nämlich am 11. Oktober 1715, verfasste der Landrichter von Voithenberg einen offenbar angeforderten Bericht an den Kurfürsten über die Einholung von Informationen über die Glocken. Der Landrichter übermittelte die Aussagen "an Aydesstatt" von drei Personen. Der 55 Jahre alte Bürgermeister von Waldeck, Johann Adam Finck, sagte aus: "Es ist wahr, dass gleich nach der Übergabe und dem Abzug aus dasiger Schlosskapelle 3 klockhen, von denen eine zerbrochen war, nebst einer schönen eisernen Uhr durch den damaligen Commandanten Liebsdorff dem Vernehmen nach nach Bayreuth verbracht worden waren."

Zeugen sagen aus

Die Erklärung des 40-jährigen Bonaventra Lang, Bürger zu Waldeck, hatte den gleichen Wortlaut. Matthias Vogt, 61 Jahre alt und Bürger von Waldeck, sagte aus, dass er die Wegnahme der Glocken bestätigen könne. Er sei vor drei Jahren in Bayreuth gewesen und habe gesehen, dass die größere Glocke in der Residenz sei, und er habe sie auch läuten gehört. Die kleinere Glocke sei auf dem Turm der Schlosskirche. Von der dritten wisse er nichts. Doch hätten die Leute gesagt, dass sie umgegossen im markgräflichen Warmensteinach weile und dass die Uhr nach Kulmbach gekommen sei.

Die Mühlen der Behörden mahlten schon damals langsam, denn erst am 20. April 1716 teilte der Landrichter der kurfürstlichen Landesdirektion in Amberg mit, dass er von den beiden Waldecker Bürgern Adam und Finckh das Schreiben bezüglich der Erkundigungen an die fürstliche "Bayreuthischen Rhätte" überbringen ließ. Wiederum verging fast ein Jahr, bis die Hofräte in Bayreuth am 28. April 1717 ein Schreiben an die Regierung in Amberg richteten.

Zunächst beteuerten sie, dass man von den Glocken und der Uhr nichts wisse. Immerhin gestand man, wenn auch etwas verschleiert, dass vom Obristen von Liebsdorff allerdings einige "pia corpora" (frei übersetzt: Gegenstände für kirchliche Zwecke) "erkauft" worden seien. Diese wären aber unbrauchbar und zerbrochen und die Uhr gleichsam als altes Eisen angesehen worden. Geradezu entschuldigend fügte man hinzu, dass der Obrist Liebsdorff nicht mehr am Leben sei. Schließlich folgte eine Art Schuldbekenntnis: Man habe sich "aus gnädiger consideration gegen die Kapelle zu Waldeck" entschlossen, damit diese die Einbuße leichter überwinden könne, "100 Taler in baar" bezahlen zu lassen (100 Taler waren 240 Gulden).

Waldeck brauchte das Geld

Den Waldeckern erschien die Summe zu gering, doch die Regierung in Amberg ließ sich nicht erweichen. Und die Waldecker brauchten das Geld zur Begleichung der Kosten, die ihnen durch den Ausbau des neuen Gotteshauses St. Anna als "Nachfolgerin" der Schlosskapelle St. Ägid entstanden waren.
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