"Jetzt fühlen wir uns wieder wie Menschen"

Lokales
Kemnath
29.10.2014
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Am Dienstag sind die ersten Asylbewerber in Kemnath angekommen: Sowohl in Hahneneggaten als auch am Cammerloher Platz hat eine Odyssee ihr vorläufiges Ende gefunden.

Es ging plötzlich ganz schnell: Zur Mittagszeit waren bereits insgesamt 15 Asylsuchende im Stadtgebiet von Kemnath angekommen. Die vier Frauen und zehn Männer waren von Tirschenreuth aus auf zwei Unterkünfte verteilt worden: Acht Personen haben vorerst bei Familie Murr im Gasthof Waldfrieden in Hahneneggaten ihre Bleibe gefunden, sechs weitere in Kemnath am Cammerloher Platz bei Vermieteter Sabine Rix.

"Jetzt fühlen wir uns wieder wie Menschen", sagt Hassan Dalati in gutem Englisch. Der 48-jährige Syrer, der gemeinsam mit fünf weiteren Landsleuten in Kemnath untergebracht ist, ist froh, eine vorläufige Bleibe gefunden zu haben. Die vergangene Woche war er in einer Sporthalle in Regensburg untergebracht, mit dem Bus ging es dann am Vormittag in den Landkreis Tirschenreuth. Seine Odyssee zuvor führte unter anderem durch Libanon, Algerien und Libyen. Dass er überhaupt noch am Leben ist, ist wohl eher Zufall: Den Untergang seines Flüchtlingsbootes nach Sizilien hat er überlebt, rund 160 Personen sind dagegen gestorben.

Auch für den 30-jährigen Mohamad sei die Flucht ein "Höllentrip" gewesen. Zwischendrin war er zwei Monate zu Fuß unterwegs. Dass sie ihr Land verlassen haben, war ein schwerer Schritt. "Aber es ist unmöglich, in Syrien zu leben", meint Hassan. Krieg, Tote, Gefangene, Gewalt, willkürliche Verhaftungen - das sei dort an der Tagesordnung. "Und das wird sich dort so schnell auch nicht ändern", sind sich Hassan und seine Landsleute sicher. Umso schwerer sei der Entschluss gewesen, das Land zu verlassen, Ehefrau und Kinder dort zurückzulassen. "Unsere größte Hoffnung ist es, die Familien aus dem Kriegsland herauszuholen", sagt Hassan auch im Namen der anderen. . Glück hatte lediglich der 28-jährige Zaher, der gemeinsam mit seiner Frau Samar in Kemnath angekommen ist. Hassan macht deutlich, dass er sich genauso wie seine Mitbewohner in die Gesellschaft integrieren will: "Wir wollen auch etwas dafür leisten, dass wir so freundlich aufgenommen werden."

Jetzt gelte es erst einmal, sich in Kemnath zurecht zu finden und langsam dort "anzukommen", wo man eben nicht der alltäglichen Willkür ausgesetzt ist und jeden Tag Angst um sein Leben haben muss.

Die Räume vermietet hat Sabine Rix: Ihre Großmutter war ein Flüchtling nach dem Zweiten Weltkrieg und die sei damals nicht besonders freundlich aufgenommen worden. "Dabei ist das so wichtig, wenn eine so schwere Zeit und solche Strapazen hinter einem liegen", erläutert sie ihre Beweggründe. Der Platz sei da gewesen, in einem Nebengebäude stehe ebenfalls noch eine Wohnung für eine vierköpfige Familie zur Verfügung. Sie rechnet damit, dass auch diese bald belegt sein wird. (Weiterer Bericht auf Seite 33)
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