Phosphorbomben auf Kemnath

Anlässlich des 70. Jahrestages der Bombardierung ist am Samstag, 25. April, um 19.30 Uhr beim Beckn ein Gespräch mit Zeitzeugen. Acht von ihnen wollen kommen. Dabei werden auch Bilder gezeigt wie diese Postkarte, die links oben den hölzernen Ersatz-Kirchturm der Nachkriegszeit wiedergibt.
Lokales
Kemnath
19.04.2015
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Nach dem Fliegerangriff und dem Feuer standen in Kemnath von vielen Anwesen nur noch die Außenmauern. Repro: sh

Der 20. April 1945 war der dunkelste Tag in der Geschichte der Buchberggemeinde Kemnath. An diesem "schwarzen Freitag" brachte die massive Bombardierung des Dorfes durch die Amerikaner großes Unheil über die Bevölkerung.

Das Dorf versank buchstäblich in Schutt und Asche. Die amerikanischen Tiefflieger vernichteten etwa 80 Prozent der Ortschaft, was Kemnath bayernweit zu einem der am meisten zerstörten Dörfer dieser Größe machte.

SS-Einheiten zogen an jenem Tag, von Hirschau kommend, wo sich das Kommando der Heeresgruppe Süd unter Generalfeldmarschall Kesselring einquartiert hatte, über Kemnath in Richtung Nabburg. Von der US-Armee wurden sie scharf im Auge behalten. Als der Tross in Kemnath Halt machte, kam Unruhe unter der Bevölkerung auf. Man erkannte die Gefahr, die dem Dorf drohte. Hauptlehrer Josef Oppl setzte sich beim SS-Kommandanten vehement dafür ein, dass die Einheiten vor das Dorf verlegt werden, doch ohne Erfolg.

Dieses Ansinnen vorzutragen, hätte Oppl den Kopf kosten können. Er kam jedoch mit einer scharfen Rüge davon. Gegen 17 Uhr erschien ein Tieffliegergeschwader am Horizont, das Kurs auf Kemnath nahm. Kaum hatten sich die meisten Bewohner in Sicherheit gebracht, fielen die ersten Phosphorbomben. Beim "Beckn", beim "Boder", beim "Schmie" und beim Wirt ging das Feuer zuerst auf. Die anderen Anwesen folgten.

Der Kirchturm brennt

Zuvor hatten die Kemnather, das Unheil ahnend, ihre wertvollsten Habseligkeiten in die Kirche gebracht, doch auch die wurde ein Opfer des Angriffs. Der herrliche Kirchturm geriet in Brand, der Dachstuhl wurde vollständig ein Raub der Flammen. Etwa eine halbe Stunde dauerte der Angriff. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten unter der Bevölkerung und kaum Verletzte. Allerdings mussten viele Tiere ihr Leben lassen, getötet von den Bordwaffen der Flugzeuge. Die SS hatte auf der Straße am Otterweiher Verluste und begrub die Gefallenen an Ort und Stelle.

Für Kemnath war mit diesem Angriff noch nicht alles ausgestanden. Zwei Tage später nämlich, am Sonntag, 22. April 1945, folgte der Einmarsch der Amerikaner aus Richtung Neunaigen. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Einige versprengte deutsche Soldaten hatten sich in der Brauerei Meßmann einquartiert und lösten dort das Problem des verlorenen Krieges mit Alkohol. Betrunken ballerten sie, ob aus Langeweile oder Widerstandsabsicht, gegen 12.30 Uhr auf die anrückenden Amerikaner.

Die wenigen vom Tieffliegerangriff noch stehenden Gebäude wurden daraufhin von den Amerikanern unter Beschuss genommen und so in Brand gesetzt. Tote gab es dabei nicht zu beklagen. Als die US-Truppen am Nachmittag ins Dorf einmarschierten, waren die Kemnather erleichtert, wenigstens mit dem Leben davongekommen zu sein. Etwa 15 Jahre waren nötig, um die Kriegsschäden zu beseitigen.

Im Gegensatz zu Kemnath überstand Schnaittenbach den Einmarsch der Amerikaner am 22. April ohne Schaden. Von Westen her kommend zogen die GIs am Weißen Sonntag gegen 14.45 Uhr in den Ort ein, der zu diesem Zeitpunkt "SS-frei" war. Der 2. Bürgermeister Lorenz Heider hatte durch zähe Verhandlungen den Abzug der im Ort einquartierten Einheit am 20. April erreicht. Sepp Lindner, ein Jungvolkpimpf, war als Fahrradmelder eingesetzt und musste "feindliche Panzer in Sicht" melden. Obwohl ein älterer Volkssturmmann seine Kampfbereitschaft demonstrierte, indem er immer wieder verlauten ließ "einen Panzer kauf ich mir", gab es keinen Widerstand. Die beiden etwa 2,5 Meter hohen und aus Baumstämmen gefertigten Panzersperren auf der B 14 am Stadlwerk und am Kellerhäusl waren nicht geschlossen und mussten nur zwei Panzersalven der anrückenden Amerikaner aushalten.

"Schnaittenbach ist frei!" Mit diesem Ausruf übergab der Abraham-Girgl, wie Georg Meuer genannt wurde, die Ortschaft an die Amerikaner. Die Bewohner mussten ihre Häuser zwecks Durchsuchung vorübergehend verlassen und solange am Georg-Landgraf-Platz ausharren.

GIs heiß auf Torte

Der Einmarsch der Amis blieb vor allem den Erstkommunionkindern lange in Erinnerung, weil sie während der Nachmittagsandacht nach dem Knall der Panzerkanonen vom Pfarrer "mitten unter der Kirche" heimgeschickt wurden. Die Angst der Leute vor den amerikanischen Soldaten war jedoch unbegründet, denn es gab keinerlei Übergriffe oder Ausschreitungen. Einige Kinder mussten unfreiwillig ihre Erstkommuniontorte den Soldaten überlassen, wurden jedoch dafür von den Amis mit Schokolade und Kaugummi entschädigt.
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